Burma: Freiheitsikone Suu Kyi schweigt zum Trauma der Rohingya

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

Wie ein Staatsgast wird Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf ihrer Europa-Reise gefeiert. Doch die Friedensikone verliert öffentlich kein Wort über den Konflikt mit den Rohingya in ihrer Heimat . Im Grenzgebiet zu Bangladesch sind Tausende der unterdrückten muslimischen Minderheit auf der Flucht.

Burma: Drama im Rakhine-Staat Fotos
DPA

Nachts um zwei Uhr entdeckten die Grenzpolizisten nahe der Flussinsel Shah Pori den anscheinend leer auf dem Naf dahintreibenden Kahn. Argwöhnisch näherten sie sich. Dann, so schildert Major Shafiqur Rahman den Vorfall, "durchsuchten sie das Boot und fanden ein kleines, etwa sechs Monate altes Rohingya-Mädchen." Total entkräftet und ausgezehrt sei es gewesen. Vorsichtig brachten sie das Mädchen an Land. Der 56-jährige Fischer Kabir Ahmed aus dem Grenzort Teknaf erklärte sich spontan bereit, das dem Tode nahe Baby bei sich aufzunehmen, obwohl er selbst bereits sechs Kinder hat. "Es ist schwer krank", sagte er mitleidig. "Wir können jetzt nur für die Kleine beten." Die Rohingyas sind Angehörige einer muslimischen Minderheit im westlichen Grenzgebiet Burmas.

Rund zehn Tage nach dem Ausbruch der blutigen Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen herrscht angespannte Ruhe in Burmas Provinz Rakhine. Doch trotz Verhängung des Ausnahmezustands, einer nächtlichen Ausgangssperre sowie massiver Polizei- und Militärpräsenz ist es den burmesischen Behörden nach Medienberichten bisher offenbar nicht gelungen, die Gewaltausbrüche dort völlig unter Kontrolle zu bringen.

Bisher haben die Unruhen nach offiziellen Angaben 25 Tote gekostet, über 500 Häuser seien niedergebrannt worden. "Kaladan Press", die Nachrichtenagentur der Rohingya, spricht sogar von über 250 Toten und mehr als tausend Häusern, die in Brand gesetzt worden seien. Und immer noch gingen Häuser in Flammen auf, würden Menschen attackiert, meldet "Kaladanpress". Khaing Pyi Soe, Sprecher der Rakhine Nationalities Development Party, klagt: "Die Sicherheitskräfte sind nur an den Brennpunkten stationiert. Wir brauchen mehr Soldaten, um das Leben der Bürger auch außerhalb der Stadtzentren zu schützen."

Hunderte versuchen nach Bangladesch zu fliehen

Immer noch versuchen täglich Hunderte Menschen aus der Provinz nach Bangladesch zu fliehen. Doch das Nachbarland hat seine Grenze dichtgemacht, obwohl der Uno-Flüchtlingskommissar und Menschenrechtsorganisationen eindringlich an die Regierung in Dhaka appellieren, die Flüchtlinge nicht zurückzuschicken. Seit Wochenbeginn scheiterte für rund 1500 Menschen die Flucht vor den Unruhen bereits an den bangladeschischen Patrouillen auf dem Grenzfluss. Allein in der Nacht zum Mittwoch, als die Grenzstreife das Baby entdeckte, waren es 109. Sie bekommen von den Bangladeschern Lebensmittel und Trinkwasser, werden wieder in ihre Boote gesetzt und zurückeskortiert.

Burmas Staatspräsident Thein Sein hatte am Sonntag in einer dramatischen Fernsehrede den Ausnahmezustand im Rakhine-Staat verhängt. Er warnte vor der Gefahr einer Ausweitung der Unruhen und möglichen Folgen für den Reformprozess. Wegen des Ernstes der Lage sagte er sogar seinen für diese Woche geplanten Staatsbesuch in Thailand ab. Ursprünglich wollte er bereits Anfang Juni nach Bangkok zum Weltwirtschaftsforum reisen. Als vor dem Auditorium von Bankern und Bossen jedoch Freiheitsikone Aung San Suu Kyi wie ein Popstar gefeiert wurde und Investoren vor zu großem Optimismus über die Entwicklung in Burma warnte, verzichtete der Staatspräsident wütend auf den Trip ins Nachbarland.

Für den eher schüchternen und medienscheuen Mann an Burmas Spitze scheinen Glanz, Glamour und das internationale Flair Suu Kyis zunehmend zum Problem zu werden. Eine erste versteckte Warnung hat es bereits gegeben: Die Staatszeitung "New Light of Myanmar", traditionell das Sprachrohr der Herrschenden, pries Suu Kyi kurz nach ihrem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in einem Leitartikel zwar als "die Hoffnung Myanmars", warnte jedoch zugleich vor "Egoismus" und "Selbstsucht" und mahnte: "In Anbetracht dessen, dass die Zukunft unseres Volkes von den beiden Führern, dem Präsidenten und Aung Suu Kyi, abhängt, müssen sie auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und Verständnisses zusammenarbeiten."

Die Friedensnobelpreisträgerin ist zum Gesicht des neuen Burma geworden. Staatsbesucher sprechen meist bei ihr vor, bevor sie ihre Visite beim Präsidenten machen. Die Staatskanzleien von Washington bis Berlin buhlen um ihre Gunst. Die Europa-Reise, zu der sie - obwohl in Burma die Zeichen auf Sturm stehen - an diesem Mittwoch aufgebrochen ist, verspricht ein Triumphzug zu werden. Sie hat ein Programm, wie es sonst meist Staats- und Regierungschefs vorbehalten ist: Auf den Spuren Nelson Mandelas kam sie zur Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Genf, plauderte in Bern mit dem Schweizer Staatsoberhaupt. In London will sie vor beiden Häusern des Parlaments sprechen, in Dublin verleiht ihr Rockstar Bono den Menschenrechtspreis von Amnesty International und in Oslo nimmt sie symbolisch den Friedensnobelpreis entgegen, der ihr 1991 in Abwesenheit verliehen worden war, als die frühere Militärjunta sie noch als Gefangene in Burma festhielt.

Obwohl die Rohingya sie noch vor ihrer Reise eindringlich um Hilfe gebeten haben, hat Suu Kyi bisher öffentlich kein Wort zu den Gewalttaten im Rakhine-Staat verloren. "Sie hat nichts für uns gesagt oder getan", klagt Mohammad Islam, Sprecher der Rohingya im Flüchtlingslager Nayapara in Bangladesch, enttäuscht. "Zum Problem der Rohingya schweigt sie, wie die meisten Menschen in Burma."

Auf ihrer Europatour könnte Suu Kyi dadurch in eine Zwickmühle geraten: Schweigt sie weiter, setzt sie ihre Glaubwürdigkeit in Sachen Menschenrechte aufs Spiel. Nimmt sie Partei für die Rohingya, könnte ihr das bei den Burmesen schaden, denen die Minderheit in ihrem äußersten Westen seit Generationen zutiefst verhasst ist.

Bei Demonstrationen in Rangun forderten am Wochenende Hunderte: "Rohingya raus aus Myanmar". Und als Mönche und Mullahs für diese Woche zu einem gemeinsamen Friedensgebet in Mandelay aufriefen, für die Versöhnung zwischen den Religionen beten und vor der Gefahr einer Ausweitung des Konflikts über die Rakhine-Grenzen hinaus warnen wollten, verboten es ihnen die burmesischen Behörden kurzerhand. Begründung: Die Religionsgemeinschaften hätten die siebentägige Anmeldefrist für Demonstrationen nicht eingehalten. Flüchtlingssprecher Mohammad Islam fürchtet: "Das alles ist Teil eines Masterplans, um die Rohingya endgültig aus Myanmar zu vertreiben."

Mit Material von AFP

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1. Seit der Unabhängigkeit Birmas ...
Worldwatch 15.06.2012
... am 4. Januar 1948 werden die Rohingya dem Druck des Regimes ausgesetzt. "Die Rohingya bildeten während der britischen Kolonialzeit die Bevölkerungsmehrheit im Rakhaing-Staat. In den 1940er-Jahren und vor allem nach der Unabhängigkeit Birmas kam es aber zu Spannungen zwischen den buddhistischen Arakanesen (Rakhaing) und den muslimischen Rohingya. Besonders schwere Zwischenfälle gab es 1942, 1962, 1978 und 1991. Viele Rohingya verließen daher Birma in Richtung Chittagong in Bangladesch." Gemocht, willkommen sind sie nirgendwo in der Region. Auch Thailand verweigerte Fluechtlingen den Aufenthaltstatus. Das arme Bangladesch will sie auch nicht, und nur teils finden sie Zuflucht in muslimisch dominierten Laendern wie Ost-Indonesien (Aceh), Pakistan, Saudi Arabien und Emiraten. Allein, die Hintergruende der Spannungen, also warum es regelmaessig zu "schweren Zwischenfaellen" kommt, bleibt unklar. Fakt scheint, und egal wie lange die Rohingya bereits auf dem Gebiet von Birma/Burma/Myanmar, im Gebiet der heutigen Rakhaings Provinz auch siedeln (nach versch. Quellen bereits seit hunderten Jahren), sie waren und sind unbeliebt. Journalistisch-medial gibt die Informationslage nichts her, und vermutlich wuerde man sich wegen politischer Korrektheiten auch nur die Finger verbrennen, wuerde man regional investigativ-journalistisch taetig. Aber ganz so suggestiv, wie das "Material von AFP", wo es knapp heisst, "blutigen Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen", muss es denn doch nicht sein. „Agence France-Press“ schreibt ihrerseits ja auch nur ab, und hat keine jounalistische Regionalfachkompetenz zum Thema. Der Dauerkonflikt in Rakhaings hat andere Ursachen und -insb. historische- Hintergruende.
2. Ein wenig mehr
hajoschneider 15.06.2012
Zitat von sysopWie ein Staatsgast wird Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf ihrer Europa-Reise gefeiert. Doch die Friedensikone verliert öffentlich kein Wort über den Konflikt in ihrer Heimat mit den Rohingya. Im Grenzgebiet zu Bangladesch sind Tausende der unterdrückten muslimischen Minderheit auf der Flucht. Burmas Suu Kyi schweigt zur Massenflucht der Rohingya - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838881,00.html)
... über den Konflikt selber, hätte dem Artikel mehr Substanz verliehen. Oder sind die Journalisten von SPON auch schon ganz dem Glanz von Aung San Kuu Kyi verfallen?
3. Es
Claudio Soriano 15.06.2012
Zitat von sysopWie ein Staatsgast wird Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf ihrer Europa-Reise gefeiert. Doch die Friedensikone verliert öffentlich kein Wort über den Konflikt in ihrer Heimat mit den Rohingya. Im Grenzgebiet zu Bangladesch sind Tausende der unterdrückten muslimischen Minderheit auf der Flucht. Burmas Suu Kyi schweigt zur Massenflucht der Rohingya - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838881,00.html)
scheint, das immer die verkehrten den Friedensnobelpreis verliehen bekommen! Madame Aung San Suu Kyi schweigt, statt Ihren Mund aufzumachen. Sie reist in der Welt umher, statt Ihren Landsleuten zu helfen! Es bleibt zu hoffen, das diese Friedensikone niemals Präsidentin Ihres Landes wird. Eine Oppositionsführerin die aus eigenen Interessen schweigt, und Budisten die eine Minderheit unterdrücken und verfolgen, haben nichts anderes als Verachtung verdient. Der Fischer der dieses kranke Mädchen aus Nächstenliebe aufgenommen hat, hätte eher den Friedensnobelpreis verdient gehabt!
4. Meinungsmanipulation
Landlady 15.06.2012
Ich wünsche mir neutrale Berichterstattung! Hier wird mal wieder einseitig berichtet, die Hintergründe fehlen völlig. Warum ist das so? Warum wird die Meinungsfindung durch die Medien so einseitig beeinflusst? Ich bin sehr gespannt ob mein Kommentar freigeschaltet wird oder einmal mehr ins "wo auch immer" verschwindet.
5. Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen
haltetdendieb 15.06.2012
"Rund zehn Tage nach dem Ausbruch der blutigen Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen" Ist das denn die Möglichkeit. Wahrscheinlich leben gerade in Myanmar die einzigen Muslime, die Frieden mit ihren ANchbarn halten. Die bösen Buddhisten aber auch wieder. Suu Kyi tut gut daran, zu schweigen. Sie ist wohl nicht halb so verblödet wie die westlichen Journalisten, die den Islam immer wieder gesundzubeten versuchen. Muslime in Myanmar werden sich wohl genau so benehmen, wie Muslime in vielen Teilen der Welt. Als Friedensfürsten sind sie auch in Europa nicht gerade bekannt. Und wenn es heißt: "Rund zehn Tage nach dem Ausbruch der blutigen Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen ", dann gehe ich davon aus, dass Buddhisten eher zu den Friedfertigen gehören. Zwickmühle? Viele westliche Journalisten haben den Schuss nicht gehört, sie sind nicht einmal in einer Zwickmühle sondern verlieren durch solche Beiträge noch mehr Leser.
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