Bush-Messer Sehnsucht nach Tony

Schlechte Tage für den Präsidenten: Im Vergleich zum englischen Premierminister Blair wirkt George W. Bush wie ein blutarmer Polit-Anfänger. Nach der Katastrophe von Falludscha kommt nun auch noch ein Irak-Buch vom Watergate-Enthüller Woodward heraus. Doch Kerry schlägt noch kein Kapital aus dem Schwächeanfall seines Gegners.

Von , Washington


Bush, Blair: Selbst in den Irrtümern ein hohes Niveau
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Bush, Blair: Selbst in den Irrtümern ein hohes Niveau

Tony Blair ließ sich gestern von ABC interviewen. Zu sehen war ein angeschlagener, angestrengter und dennoch souveräner Mann, dem tiefer Ernst ins Gesicht geschrieben steht. Vor allem den Amerikanern fällt regelmäßig bei solchen Ereignisssen auf, wie beredt dieser britische Premier ist und sicher wünschen sie sich, dass ihr Präsident ein bisschen mehr von dieser Formulierungsgabe und dieser Differenzierungskunst besäße. Blairs Irrtümer und Fehleinschätzungen haben jedenfalls höheres Niveau und mehr Klasse.

Kurz darauf war John Kerry in einem einstündigen Interview bei NBC zu sehen. Er war blendend vorbereitet, gab lauter vernünftige Sachen von sich und das einzige Ärgernis bestand darin, dass er vor Vorsicht geradezu vibrierte. Aber natürlich hat er recht, alle Scheinwerfer sind auf den Präsidenten gerichtet, der Probleme genug hat und Fehler genug macht - warum sollte Kerry diesen schönen Zustand unterbrechen. Er kann die Wahl nur gewinnen, wenn Bush sie verliert. Doch ob Bush sie verliert oder nicht, hängt von anderen Dingen ab, nicht von Kerry.

Geht Bush die Puste aus?

Selbst in der Wolle gefärbte Republikaner gerieten vorige Woche bei der 17-minütigen Verlautbarung plus anschließender Pressekonferenz (mit vorher genau festgelegten Fragestellern) in Verlegenheit über ihren Präsidenten, der sich in seinen Leerformeln verlor.

Noch am Wochenende rätselte zum Beispiel David Brooks, der sich in seiner Kolumne in der "New York Times" einen "demütigen Falken" nannte, weshalb Bush so schlecht vorbereitet in diese enorm wichtige Veranstaltung gegangen war. Dem Präsidenten fehlten die Worte, die Gedanken, die Formulierungsgabe, die Gelassenheit, die Intensität - so ziemlich alles, was er gebraucht hätte. Er war nicht annähernd so überzeugend wie Blair, der selbst in der permanenten Defensive Eindruck macht.

Morgen kommt Bob Woodwards Buch über die Genesis des Irak-Krieges auf den Markt, ein Ereignis, das Washington in dieser Woche beherrschen wird. Woodward hatte einzigartigen Zugang zu 75 Entscheidungsträgern, insgesamt dreieinhalb Stunden sprach er sogar mit dem Präsidenten bei zwei Gelegenheiten.

Besonders großzügigen Zugang muss Colin Powell dem Autoren gewährt haben, denn er erscheint in dem hellen Licht, in das er zweifellos gehört - wenn man davon absieht, dass es ihm durchaus freigestanden hätte, die Konsequenzen zu ziehen und zurückzutreten (die kleine Einheit im Pentagon, die besonders rührig in der unzweideutigen Auslegung zweifelhafter CIA-Informationen war, nannte Powell "die Gestapo-Einheit").

Details zur Katastrophe

Im Buch steht wahrscheinlich nicht viel, was man nicht schon gewusst oder geahnt hätte. Aber es steht mit Zitaten und Datumsangabe darin, mit Nennung von Roß und Reiter: wann der Präsident sich entschloß und mit wem er sich darüber beriet (Condi Rice und Karen Hughes) und mit wem nicht (nämlich mit Powell), auf welcher Grundlage seine Entscheidung beruhte (er fühlte sich von Saddam veralbert) und was er geringe Achtung schenkte (dem Nachkrieg, weil die Iraker ja mit Jubel und Tralala auf die Befreiung reagieren sollten).

Und unschlagbar ist der Zeitpunkt, zu dem das Buch in die Läden kommt: Nach einer der turbulentesten Wochen, die der Präsident in Washington, in Bagdad, in Falludscha und in Israel erlebt hat. Gutes Timing, Mr. Woodward.

Schlechte Tage aber für George W. Bush. Wir haben eine stärkere Ahnung als je bekommen, dass die Sache für den amtierenden Präsidenten am 2. November schief gehen kann. Der Bush-Messer sieht sich zu einer außergewöhnlichen Reaktion aufgerufen: Er siedelt den Präsidenten unter den neuen Umständen bei 47,5 Prozent an, verzichtet jedoch auch darauf, Kerry mehr als dieselben 47,5 Prozent zu geben. Die anderen fünf Prozent halten wir uns einfach in Reserve: weil noch so lange hin ist bis zum Tag der Wahl.



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