Bush-Messer Terrorangst in Zeiten des Wahlkampfs

Lässt sich die Festnahme von Osama Bin Laden planen? Benutzt das Bush-Team Terrorwarnungen, um die Angst in der Bevölkerung zu schüren? Der US-Wahlkampf geht in seine heiße Phase, und dadurch geraten auch Mutmaßungen über die eingesetzten Mittel immer spektakulärer.

Von , Washington


New York: Sicherheitsvorkehrungen im Finanzdistrikt
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New York: Sicherheitsvorkehrungen im Finanzdistrikt

Im August ist Amerika normalerweise ein entspanntes Land. An der Ostküste ist es sommerlich warm und wer kann, fährt in den Urlaub. Washington ist mild und nicht mehr so hitzegeplagt, die Stadt entlastet vom wuselnden Verkehr, weil der Präsident und der Kongress, die Thinktanks und die Journalisten erschöpft in die Ferien gereist sind. Die Kinder halten sich freiwillig oder unfreiwillig in irgendwelchen Sommercamps zum Zwecke der Weiterbildung und der elterlichen Entlastung auf. Amerika, stilles, schönes Land.

Leider ist Wahlkampf, leider wird ein Präsident gewählt, leider hat Politik keine Pause. Leider, leider. Am Sonntag trat um 14 Uhr Ortszeit Herr Ridge, seines Zeichens Heimatschutzminister, vor die Fernsehkameras und gab kund zu wissen, dass die Geheimdienste Erkenntnisse besäßen, wonach Anschläge auf internationale Finanzinstitutionen oben in New York und unten in Washington geplant seien. Eine Pressekonferenz am Sonntagnachmittag, Code Orange für die Hauptstadt, vergleichsweise konkrete Beschreibungen des Ortes möglicher Anschläge - kommt die Regierung ihrer Pflicht zur Aufklärung nach oder handelt es sich hier um Politisierung der Angst vor Attentaten, wenige Tage nach dem starken Auftritt der Demokraten in Boston?

Howard Dean, der gescheiterte Präsidentschaftskandidat mit dem Hang zur Kompromisslosigkeit, äußerte den Verdacht, die republikanische Lärmmaschine nutze kühl die Gelegenheit und instrumentalisiere die Angst der Amerikaner vor einer Wiederholung des 11. September. Wahrscheinlich denken viele Demokraten im Kerry-Lager so, ohne es, wie Dean, auch auszusprechen. Sie treibt die Sorge, dass Karl Rove, der Präsidenten-Macher, jetzt die Schleusen öffnet. Vor kurzem ging tatsächlich das Gerücht um, Osama Bin Laden werde rechtzeitig vor dem republikanischen Konvent Ende August als Gefangener vorgeführt - als ließe sich das hübsch genau planen. Karl Rove trauen sie alles zu, sie halten ihn für ein Genie, das vom Glück beseelt ist.

Das ist der reale Wahnsinn solcher Wahlkämpfe, die lange hintreiben, ohne dass einer der Kandidaten einen entscheidenden Vorteil gewinnen würde. Kerry hatte einen gelungenen Auftritt in Boston, aber die Massen bewegt er nicht. George W. Bush ist stehenden Fußes in den Wahlkampf aufgebrochen und bearbeitet nun erbarmungslos die Schwachstellen des Gegenspielers: Na gut, in Vietnam war er ein Held, aber 20 Jahre im Kongress, was hat er da eigentlich gemacht, und was davon ist in Gesetze gegossen?

Kerry reist seinerseits durch die Bundesstaaten, auf die es am 2. November ankommen wird, und wenn die beiden nicht aufpassen, dann laufen sie einander über den Weg. Vielleicht sollten sie eine Diät-Cola miteinander trinken, und dann könnte Bush erzählen, wie trostlos und schwierig es ist, Präsident zu sein, und dass Kerry gut beraten wäre, die Finger davon zu lassen, denn er, Bush, habe eigentlich auch keine Lust mehr. Ach ja, die Phantasie des Bush-Messers wird noch öfter auf Abwege geraten, wenn die Wirklichkeit des Wahlkampfes schmerzt.

Zurück zum Ernst der Lage: Richard Holbrooke, der zu seiner Freude als künftiger Außenminister der Kerry-Regierung genannt wird, hat es auf den Punkt gebracht: Es gibt zwei Unwägbarkeiten in diesem Wahlkampf: Wie sich ein Anschlag auf amerikanischem Boden auf die Stimmung des Landes auswirken würde und welche Folgen das Ergreifen Osama Bin Ladens hätte. Genau diese beiden Fragen werden derzeit auf zahllosen Partys und Barbecues hin- und hergewälzt.

Der Bush-Messer, heute salomonisch gestimmt, findet die Fragen ebenso wichtig wie unbeantwortbar. Ihm tun die Amerikaner leid, die von Bush wie Kerry belagert werden, in Person und per TV-Spot. Er sieht dieser nächsten Phase im Wahlkampf bis zum Labour Day Anfang September, wenn die Kids aus den Camps wieder da sind und die Eltern aus dem Urlaub und die ehrwürdigen Kongress-Mitglieder aus ihren Heimatstaaten, mit Fassung und Gleichmut entgegen und bleibt einfach bei seiner eigenen Meinung: Kerry kann es gut schaffen, auch wenn niemand auch nur ansatzweise den Wahlkämpfer Bush, unter Regie Karl Roves, unterschätzen sollte. Freunde, es bleibt spannend.



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