Bush-Messer: Warten auf die Selbstzerstörung

Von , New York

Die Trauerorgie um Ronald Reagan hat dessen selbsternanntem Erben George W. Bush politisch nichts genutzt: Er steckt weiter im Umfrageloch. Und jetzt wird ihm auch noch ein anderer Ex-Präsident gefährlich - sein Vorgänger Bill Clinton.

New York - Aus dem flotten Solo wurde nichts. Steife Winde und tiefe Wolken machten dem früheren US-Präsidenten George Bush einen halben Strich durch die Rechnung: Zum 80. Geburtstag wollte er am Sonntag eigentlich als Einzelflieger mit dem Fallschirm aus 13.000 Fuß Höhe abspringen. Doch die brenzlige Wetterlage erlaubte dem Senior nur einen Tandemsprung mit einem Fallschirmjäger der Armee. "Ein echter Nervenkitzel", keuchte der alte Bush trotzdem. "Ich hatte keine Angst."

Sohnemann George W. sah staunend vom Boden zu, sicher mit ein paar eigenen Ängsten beschäftigt. Nach einer endlosen Woche der Staatstrauer für Ronald Reagan, die Wahlkampf und Skandale vorübergehend auf die Warmhalteplatte rückten, droht nun wieder der Ernst des Lebens. Dass Bushs Strategie, sich als Reagan-Erbe zu gerieren, dabei nicht ganz aufging, zeigen die neuesten Umfragen: In denen hockt der Präsident so unverändert tief im Popularitätsloch. In der aktuellsten AP-Befragung zum Beispiel bleibt weiterhin jeder Zweite mit dem Amtsgebaren Bushs "unzufrieden".

Die politisierte Trauerorgie ließ am Ende - bei allem Mitgefühl für Witwe Nancy sogar eher noch zu wünschen übrig. Als Reagans Sarg im südkalifornischen Sonnenuntergang ein viertes, letztes Mal per Live-TV verabschiedet wurde, mit abermaligen Reden, abermaligem Präsidentenmarsch und abermaligem "Glory, Glory, Hallelujah!", vermeldeten die Fernsehsender kaum mehr noch einen nennenswerten Quotenanstieg. "Es war ein viel gesehener Event", resümierte CNN-Produzent David Bohrman die Reagan-Woche. "Es war kein massiv gesehener Event."

Zurück zur Tagesordnung also. Und da ist Bush auch diese Woche keine Atempause gegönnt. Der Folterskandal um das Gefängnis Abu Ghureib kriegt neue Beine. Die geschönte Terrorstatistik des US-Außenministeriums für 2003 schlägt weiter peinliche Wellen. Iraks frisch bestallte Regierungsmannschaft steht im Visier von Selbstmordattentätern. In Saudi-Arabien ist ein amerikanischer Ingenieur von einer al-Qaida-Gruppe entführt worden. 26 ehemalige Diplomaten und Militärs wollen die Amerikaner am Mittwoch in einem offenen Brief, der jetzt schon kursiert, zur Abwahl Bushs drängen.

Am selben Tag tritt in Washington der unabhängige Untersuchungsausschuss zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu seiner allerletzten, zweitägigen Sitzung zusammen. Auf dem Programm stehen die Hintergründe der 9/11-Verschwörung und die unmittelbare Reaktion der US-Regierung auf die Katastrophe. Auch hier dürften für Bush wenig gute Schlagzeilen zu erwarten sein.

Der größte Knüller steht allerdings zum Wochenende an: Da werden wohl die ersten Details aus der Biografie des Bush-Vorgängers Bill Clinton durchsickern, die Anfang nächster Woche auf den Markt kommt. Auch wenn Clinton darin mit dem Bush-Clan angeblich relativ schonend umgeht, dürfte der Rekord-Schmöker dem jetzigen Präsidenten gehörig die Schau stehlen: Mit einer Erstauflage von 1,5 Millionen und einem Vorschuss von 12 Millionen Dollar ist es schon jetzt das erfolgreichste Nonfiction-Werk aller Zeiten; am Sonntag läuft dann mit einem exklusiven CBS-Interview eine unvergleichliche PR-Maschinerie für Clinton an - und so indirekt gegen Bush.

Bushs dröger, demokratischer Rivale John Kerry kann sich weiter zurücklehnen und warten, so ein Wahlhelfer, "bis Bush sich selbst zerstört". Der Bush-Messer dagegen mag nicht warten und revidiert sein Vorwochenurteil schon jetzt leicht nach unten: Er sieht Bushs Wiederwahlchancen nun nur noch bei 1:3.

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