Bush unter Beschuss Der Unfehlbare im East Room

Nach wochenlangem Druck geht US-Präsident George W. Bush in die Offensive: Bei einer seltenen, auffallend kritischen Pressekonferenz im Weißen Haus lehnte er jegliche Kursänderung im Irak ab. Tenor: Wir hatten immer Recht.

Von , New York


Bush im East Room: "Sie haben mich in Verlegenheit gebracht"
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Bush im East Room: "Sie haben mich in Verlegenheit gebracht"

New York - Es ist, ausgerechnet, die 13. Frage, die ihn aus dem Konzept bringt, und eine relativ einfache obendrein. John Dickerson stellt sie, der junge Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Time", von dessen Titelblatt diese Woche unter der Schlagzeile "Belagerungszustand" drei bedrängte US-Soldaten starren. "Was war nach dem 11. September wohl Ihr größter Fehler?", fragt Dickerson den Präsidenten unverblümt. "Und welche Lehren haben Sie daraus gezogen?"

Da bleiben Bush tatsächlich die Worte weg. "Ich wünschte, Sie hätten mir diese Frage vorher schriftlich gegeben", brummt er, zum ersten Mal irritiert in einer bis dahin fehlerfreien Vorstellung. Er grübelt, schüttelt den Kopf, presst die Lippen zusammen, blickt zu Boden, stammelt: "Äh, ich bin sicher, mir wird noch was einfallen, ist mir aber noch nicht." Schwafelt dann über all das, was er auch auch das nächste Mal wieder genau so machen würde, und gibt sich schließlich geschlagen: "Ich bin sicher, dass ich Fehler gemacht habe. Aber Sie haben mich in Verlegenheit gebracht." Nächste Frage, schnell.

Der hinkende Vietnam-Vergleich

Bushs "Verlegenheit", sich zu einer konkreten Schwäche zu bekennen, ist in mehrfacher Hinsicht bezeichnend. Sie ist ein kurzer Moment der Blöße für den Präsidenten, der sich vor seiner seltenen, zur Imagepflege verordneten Pressekonferenz gestern Abend im East Room des Weißen Hauses auf jede nur mögliche Frage penibel vorbereitet hatte und ansonsten auch brillierte mit geübt-eleganten Repliken. Und sie bietet Einblick in die Seele dieser Regierung und ihr innerstes Feuer - den absoluten Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.

Das ist auch der Tenor dieser Live-Stunde zur besten Hauptsendezeit: Wir bleiben auf Kurs, wir haben (und hatten) immer Recht, wir lassen uns "diese historische Gelegenheit, die Welt zu verändern", nicht entgehen - egal, wie viele Soldaten und Zivilisten im Irak noch sterben, wie sehr die Lage weiter eskaliert und wie oft der hinkende Vergleich mit Vietnam dräut. "Irak ist Teil des Krieges gegen den Terror", spricht Bush, unbeirrt, ungerührt und - als habe sich seitdem nichts getan - mit wortgleichem Pathos wie bei seinem letzten Auftritt an dieser Stelle, im März 2003, zwei Wochen vor dem Marsch auf Bagdad. "Es ist wichtig, dass wir diese Schlacht gewinnen."

"Eifer eines Missionars"

Ein perfekt inszeniertes Spektakel. Schon der Termin als solcher ist meldenswert: Erst zum dritten Mal stellt sich der sonst so pressesperrige Bush zur abendlichen "Prime Time" live den Fragen der Reporter, und zum zwölften Mal überhaupt. Sein redseliger Vorgänger Bill Clinton hatte in einem vergleichbaren Zeitraum 40 Pressekonferenzen absolviert. Die Lage nötigt eben zu äußersten Mitteln: Die letzten Wochen, so ist in Bushs Umfeld zu hören, seien die schwersten seiner Amtszeit gewesen, es blieb ihm also nichts als die Flucht nach vorn - vor die TV-Kameras.

Kein Wunder, dass das Weiße Haus natürlich jedes Detail kontrolliert. Schwarzer Anzug, Silberkrawatte, großväterlich aufgeföntes Silberhaar über sanftem Rouge, Sternenbanner am Revers. Die Botschaft des Abends ist klar, an die Nation und die Welt: Bush, der Staatsmann - vornehm-trauernd, doch resolut.

Eine Botschaft, die er, bevor er überhaupt eine Frage zulässt, in einen 20-minütigen Vortrag meißelt, dem die "New York Times" heute "den Eifer eines Missionars" attestiert: "Lassen Sie mich zunächst mit dem amerikanischen Volk sprechen", sind Bushs erste Worte, denn es ist nicht zuletzt das immer lauter murrende Volk, an das er sich hier vornehmlich wendet.

10.000 zusätzliche GIs an die Front

Dann gibt er dem Wählerherz alles, was es begehrt: Krokodilstränen ("Es war eine harte Woche"), Kriegsprosa ("Wir werden das Werk der Gefallenen fortführen"), Nationaltümelei ("Der Einsatz Amerikas entspricht unseren Idealen"), religiöse Untertöne ("Freiheit ist ein Geschenk des Allmächtigen"), Zugeständnisse ("Ich möchte eine neue Uno-Resolution"), Durchhalteparolen ("Wir rücken von unserem Schwur nicht ab") und, klar, flotte Sprüche ("Jetzt ist die Zeit, und der Irak ist der Ort").

Den Kritikern im In- und Ausland macht Bush zugleich klipp und klar, dass ihn nichts aus der Bahn wirft. Weder ein Aufstand im Irak noch endlose Enthüllungen über die Versäumnisse des Weißen Hauses, der Geheimdienste und der Bundespolizei FBI im Vorfeld der Anschläge von 2001: "Wir dienen der Freiheit", sagt Bush mit typischem Sendungsbewusstsein, "und das ist immer und überall eine würdige Sache." Und deshalb müssten auch alle "die historische Bedeutung dessen, was wir tun", einsehen. Sprich: Am Irak-Zeitplan ändert sich nichts, inklusive Machtübergabe am 30. Juni - selbst wenn dafür jetzt zusätzlich 10.000 GIs an der Front bleiben müssen, von denen derzeit täglich mehr sterben als je zuvor seit Beginn der Kämpfe vor über einem Jahr.

Was ist aus den Blumen geworden?

Bushs Appell an die patriotische Ader seiner Landsleute kommt nicht von ungefähr. Er weiß nur zu gut, dass das Unbehagen gärt. Fast zwei Drittel der Amerikaner, so ergab die jüngste Gallup-Umfrage, sind über die Wendung der Lage im Irak entsetzt und fordern einen zumindest teilweisen Rückzug der US-Truppen. Bushs Popularität dümpelt derweil bei 50 Prozent - weit unter den 90 Prozent vom September 2001. Kaum überraschend, dass da selbst die Reporter respektlos werden.

Die warten auf ihren Polsterstühlen, bis sie dran sind - und konfrontieren den Präsidenten dann, anders als bei früheren Fragestunden, mit ungewohnt scharfen, bissigen Anwürfen.

Schon die erste Frage zielt auf den "Vietnam-Faktor", wie ihn "Newsweek" auf seinem aktuellen Cover heraufbeschwört. Was denn aus den Blumen geworden sei, mit denen die Iraker die US-Soldaten hätten begrüßen sollen, höhnt Terry Moran von ABC News. Ob er keine "persönliche Verantwortung für den 11. September" 2001 empfinde, will Elisabeth Bumiller von der "New York Times" wissen. Wo denn seine Entschuldigung bleibe, drängt John Roberts von CBS. Die "Koalition der Willigen", kritisiert CNN-Chefkorrespondent John King, sei doch längst nur noch "Augenwischerei".

Als Kommunikator versagt?

Doch Bush wankt um keinen Zoll. Es ist, als habe er jede Frage - bis auf die nach seinen Fehlern - vorausgesehen. Und wer nach links zur Seite blickt, glaubt das auch: Da sitzen Chefberater Karl Rove, Stabschef Andy Card und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, den Chef nicht aus den Augen lassend. Der hat auf alles eine samtene, spürbar vorformulierte Antwort, die oft nur eine wortreiche Unantwort ist, wie zum Beispiel bei der Frage nach einer Entschuldigung an die Opfer Terror oder der, warum er sich nur in Begleitschutz seines Vizes Dick Cheney vor den 9/11-Ausschuss wage.

Die Reaktionen sind erwartungsgemäß so gespalten wie das Land. "Gut gemacht", lobt der Vorsitzende des besagten Ausschusses, der Republikaner Thomas Kean. Rand Beers dagegen, einst Mitglied in Bushs Nationalem Sicherheitsrat und heute ein Top-Berater des Bush-Rivalen John Kerry, findet die Vorstellung "unvereinbar mit den Realitäten am Boden".

Ob er, angesichts der wachsenden Kritik, nicht den Eindruck habe, dass er als "Kommunikator" versagt habe, fragt Don Gonyea, der Korrespondent des National Public Radio, Bush gegen Ende der Pressekonferenz frech. "Das", antwortet Bush, "ist etwas, was die Wähler im November entscheiden werden."

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