Bush vs. Kerry Bin Laden sorgt für dramatisches Wahlkampf-Finale

Bin Ladens erste Video-Botschaft seit zweieinhalb Jahren platzte mitten hinein in die Schlussphase eines dramatischen Wahlkampfes in den USA. Wenige Stunden vor der Wahl ist es unter amerikanischen Beobachtern umstritten, wem der selbstbewusste Auftritt des Qaida-Chefs eher nützt.


Demokrat Kerry während einer Wahlkampfpause im Flugzeug: "Nichts wird mich davon abhalten, die Terroristen zu fangen oder zu töten"
AP

Demokrat Kerry während einer Wahlkampfpause im Flugzeug: "Nichts wird mich davon abhalten, die Terroristen zu fangen oder zu töten"

Washington/Hamburg - Die beiden Rivalen George W. Bush und John Kerry versprachen umgehend nach der Ausstrahlung des Videos am Freitagabend, Bin Laden zur Strecke zu bringen und seine Qaida-Organisation zu vernichten. Kerry hatte Bush in den vergangene Wochen beinahe täglich vorgeworfen, Bin Laden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nur unzureichend verfolgt zu haben.

So habe Bush nach dem Sturz der Taliban die Aufgabe hauptsächlich afghanischen Warlords überlassen. Kerry wiederholte diesen Vorwurf zwar nicht unmittelbar, sagte jedoch, er werde klüger, härter und effektiver gegen den Terrorismus vorgehen als Bush und damit die USA sicherer machen. "Wir Amerikaner sind absolut vereint in der Entschlossenheit, Osama Bin Laden und die Terroristen zur Strecke zu bringen und zu zerstören", sagte Kerry. Nichts werde ihn davon abhalten, die Terroristen zu fangen oder zu töten, "wo immer sie sind und was immer dazu nötig ist".

Bush bezeichnete Kerrys Vorwürfe als übles Vorgehen. "Es ist besonders schändlich im Lichte des neuen Videos eines Feindes der USA", sagte er bei einem Wahlkampfauftritt. Die USA würden sich von Bin Laden weder einschüchtern noch beeinflussen lassen. "Wir sind im Krieg mit diesen Terroristen, und ich bin überzeugt, dass wir siegen werden", sagte Bush.

Auch der Kommunikationschef des Weißen Hauses, Dan Barlett, sprach von schändlichen Vorwürfen, über die das amerikanische Volk sich selbst seine Meinung bilden müsse. Joe Lockhart, einer der wichtigsten Berater von Kerry, konterte in der "Los Angeles Times", dass es vielmehr von Bush schändlich sei, mit seinen Aussagen in dieser Weise Politik zu betreiben. Auch Kerry Sprecher Mike McCurry wies die Vorwürfe der Republikaner umgehend zurück. CNN zitierte ihn mit der Aussage, dass sich der Wahlkampf des demokratischen Herausforderers durch Bin Ladens Botschaft nicht ändern werde.

"Die Botschaft ist eine Erinnerung"

George Bush und Arnold Schwarzenegger in Columbus, Ohio: "Ich bin überzeugt, dass wir siegen werden"
DPA

George Bush und Arnold Schwarzenegger in Columbus, Ohio: "Ich bin überzeugt, dass wir siegen werden"

Bin Laden habe den Wählern Bushs Versagen als Oberkommandierender im Kampf gegen den Terror vor Augen führen wollen, meinte der Demokrat Jim Jordan. Nicht umsonst habe Bin Laden die Situation erwähnt, als Bush während der Anschläge auf das World Trade Center in einer Schule saß und "ihm das Gerede eines kleinen Mädchens ... wichtiger war als die Flugzeuge", wie es in dem Video heißt. Eine versuchte Einflussnahme auf den Präsidentschaftswahlkampf von außen und Kritik an Bush dürfte indes eher dem Amtsinhaber nützen, sagte der Republikaner Joe Gaylord.

Politische Beobachter sind sich entgegen den Parteigängern der Kandidaten jedoch nicht nur uneins, wie die Botschaft die Präsidentschaftswahl am Dienstag beeinflussen könnte, sondern auch darüber, was die Gründe für die Veröffentlichung des Videos gewesen sein könnten. Grundsätzlich sagen Bushs Unterstützer, dass Bin Laden Kerry wählen würde. Kerrys Parteigänger verweisen hingegen verweisen auf Internet-Seiten von radikalen Muslimen, die davon zeugen würden, dass Bush durch seine scharfe Rhetorik höchstpersönlich der beste Rekrutierungshelfer für neue Terroristen ist.

Bush könnte das Video wiederum helfen, weil sich noch unentschlossene Wähler daran erinnern könnten, dass sich die USA nach wie vor in dem vom Präsidenten ausgerufenen Krieg gegen den Terrorismus befinden. Für Kerry hingegen könnte sprechen, dass Bin Laden trotz dieses Rekordsummen verschlingenden Krieges weiter auf freien Fuß ist. "Bush kann die Leute daran erinnern, dass der Kampf gegen den Terror immer noch andauert, und Senator Kerry kann die Leute daran erinnern, dass Bush die falschen Prioritäten gesetzt hat, indem er Saddam Hussein verfolgt hat statt Osama Bin Laden", sagte der Meinungsforscher Ed Sarpolus aus Michigan.

John Kerry in Miami: "Wir Amerikaner sind absolut vereint in der Entschlossenheit, Osama Bin Laden zur Strecke zu bringen"
REUTERS

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Der Außenpolitikexperte Michael O'Hanlon von der Brookings Institution in Washington zeigte sich überzeugt, dass Bin Laden seine Botschaft bewusst kurz vor der Präsidentenwahl veröffentlicht hat. "Aber ich glaube nicht, dass er bei der Wahl eine wirkliche Präferenz hat. Er wusste lediglich, dass das ein Zeitpunkt war, an dem die Amerikaner der Sache besondere Aufmerksamkeit schenken würden", sagte O'Hanlon.

Nicht zuletzt sei unklar, inwieweit die Wähler die Botschaft Bin Ladens überhaupt als Drohung gegen die USA auffassten, zumal sie keine direkte solche Aussage enthalte, betonte G. Terry Madonna, ein Meinungsforscher aus Pennsylvania. Er sieht die Situation trotz des Videos als Patt zwischen den Präsidentschaftskandidaten.

Sollte die Aussage des al-Qida-Chefs als neue Bedrohung gewertet werden, könnte das seiner Meinung nach Bush helfen - aber nur geringfügig. Die Tatsache, dass Bush Bin Laden noch immer nicht habe fassen können, würde jedoch in nur ebenso geringer Weise Kerry zugute kommen, denn: "Die Leute sehen das sehr realistisch", erklärte Madonna. Niemand werfe Bush persönlich vor, Bin Laden noch nicht gefangen zu haben. Andere Beobachter gehen wiederum davon aus, dass das Video eher Bush nützt, weil es von seinen jüngsten Misserfolgen im Irak ablenke - wie etwa die Masse von Sprengstoff, die auf bislang nicht geklärte Weise verschollen ist und sich möglicherweise in den Händen von Aufständischen befindet.

Klares Bekenntnis zum 11. September

Bin Laden: "Wir beschlossen, Türme in Amerika zu zerstören"
AFP

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Bin Laden verhöhnt in dem Video Bush und droht neue Anschläge gegen die USA an. "Obwohl wir in das vierte Jahr nach dem 11. September gehen, betrügt euch (US-Präsident George W.) Bush weiter und verbirgt die Wahrheit vor euch, und daher gibt es weiter Grund dafür, das zu wiederholen, was geschehen ist", sagte der Qaida-Chef, der in dem Video gesund und herausfordernd wirkte. Bush sagt, wir würden die Freiheit hassen, behauptet Bin Laden weiter, und fragt dann rhetorisch: "Warum greifen wir dann nicht Schweden an?"

In seinem bislang klarsten Bekenntnis zu den Anschlägen von New York und Washington, bei denen rund 3000 Menschen starben, sagte Bin Laden, die Idee zu den Flugzeug-Anschlägen sei ihm 1982 gekommen, als Israel mit Hilfe der USA den Libanon überfallen und Hochhäuser bombardiert habe.

Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass das veröffentlichte Band echt ist und erst vor kurzem hergestellt wurde. Die englischen Untertitel, die es bei den bisherigen Videobotschaften Bin Ladens nicht gab, seien ein Hinweis darauf, dass die Botschaft vor allem direkt an die amerikanische Bevölkerung gerichtet sei. Die "Washinton Post" zitiert einen CIA-Mitarbeiter, der behauptet, dass die Botschaft am 24. Oktober aufgezeichnet wurde.

Kerry legt zu

John Kerry: Laut eine neuen Umfrage wieder knapp vor Bush
REUTERS

John Kerry: Laut eine neuen Umfrage wieder knapp vor Bush

Laut einer neuen Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters und des Meinungsforschungsinstituts Zogby führte Kerry mit 47 Prozent in der Wählergunst der Amerikaner - Bush kam nur noch auf 46 Prozent. Damit lag der Abstand allerdings innerhalb der statistischen Fehlerquote von 2,9 Prozent. Gestern noch hatten beide Kandidaten gleichauf bei 47 Prozent gelegen.

Seit Beginn der Umfrage am 7. Oktober hat keiner der Kandidaten sich einen deutlichen Vorsprung erarbeiten oder die Schwelle von 50 Prozent überwinden können. Bush finde weiterhin Unterstützung unter anderem bei Investoren und verheirateten Wählern, sagte Meinungsforscher John Zogby. "Kerry baut dagegen seine Führung unter Jungwählern und aus Afrika oder Lateinamerika stammenden Bürgern aus." Allerdings hat Kerry unter der schwarzen Wählerschaft bisher nur 84 Prozent erreichen können und blieb damit hinter dem Ergebnis von Al Gore vor vier Jahren zurück, der mehr als 90 Prozent erreicht hatte. Bei den Jungwählern führt Kerry mit sieben Prozentpunkten vor Bush und liegt bei 48 Prozent. Es könnte sich bei der Wahl am Dienstag als entscheidend herausstellen, wie viele der erstmals Wahlberechtigten tatsächlich ihre Stimmen abgeben.

Der Umfrage zufolge waren nur noch drei Prozent der wahrscheinlichen Wähler unentschlossen. In dieser Phase hatte Bush beim Wahlkampf vor vier Jahren vier Prozentpunkte vor Gore gelegen. Bei der jüngsten Umfrage wurden 1209 mögliche Wähler befragt.

Um zum Präsidenten gewählt werden muss einer der Kandidaten mindestens 270 der von den Bundesstaaten entsandten Wahlmänner hinter sich vereinen. Mit den bereits als sicher für einen Kandidaten stimmenden Staaten liegen sie derzeit in etwa gleichauf. Bei den zehn noch nicht entschiedenen Staaten führt Bush der Umfrage zufolge in sechs von zehn, und zwar in Ohio, Colorado, Iowa, Michigan, New Mexico und Nevada. Kerry erreicht eine knappe Mehrheit in Florida, Minnesota, Pennsylvania und Wisconsin.

Der unabhängige Kandidat Ralph Nader, dem Demokraten vorwerfen, er habe im Jahr 2000 Gore Stimmen weggenommen und so dessen Wahlsieg verhindert, kam landesweit auf 1,8 Prozent.



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