Bushs gescheiterter Feldzug US-Geheimdossier – erste irakische Provinz verloren

Der Krieg in der westirakischen Provinz al-Anbar ist für die USA so gut wie verloren. Einem geheimen Militärbericht zufolge sind die US-Truppen nicht mehr in der Lage, Aufständische zurückzuschlagen. Auch gelingt es nicht, die wachsende Popularität des Terrornetzwerks al-Qaida zu unterbinden.


Washington - Unter Berufung auf einen geheimen Bericht der US-Marineinfanterie schreibt die "Washington Post", aus Angst vor dem zunehmenden Einfluss Irans ließen sich die sunnitischen Bewohner der Provinz al-Anbar immer mehr mit der Terrororganisation al-Qaida ein. Die amerikanischen und irakischen Truppen seien darum nicht mehr in der Lage, die Aufständischen zu besiegen.

US-Soldaten in der Provinz al-Anbar: "Nicht länger in der Lage, die Aufständischen in Anbar militärisch zu schlagen"
REUTERS/USMC

US-Soldaten in der Provinz al-Anbar: "Nicht länger in der Lage, die Aufständischen in Anbar militärisch zu schlagen"

Vergangenen August hatte die Marineinfanterie bereits einen Bericht verfasst, der in Teilen bekannt wurde und dessen Inhalt die Lage viel hoffnungsloser schilderte, als öffentlich zugegeben wurde. Inzwischen wurde das Dossier aktualisiert - das Ergebnis ist nicht anders: Im Zeitraum von August bis Mitte November habe sich die Lage nicht zum Besseren gewendet. "Das Hauptproblem fehlender Kontrolle und das Ansteigen des Aufstands und der Kriminalität" blieben bestehen, so ein führender Geheimdienstler gegenüber der Zeitung. Zwischen Februar und August sei die Zahl der Attacken auf Zivilisten in der Region um 57 Prozent gestiegen.

In dem fünfseitigen Bericht, der vom erfahrenen Geheimdienst-Oberst Peter Devlin verfasst wurde, wird die Lage für die sunnitische Minderheit in der Provinz als äußerst miserabel beschrieben. Die Sunniten dort seien "verwickelt in einen täglichen Kampf ums Überleben". Sie fürchteten "Pogrome" durch die Schiiten. Daher begäben sich immer mehr in die Hände der Terrororganisation al-Qaida. Dort hofften sie Schutz zu finden vor dem immer stärker werdenden Einfluss aus Iran.

Dem Bericht zufolge traut die irakische Bevölkerung in der Provinz Anbar den amerikanischen Truppen nichts mehr zu. Die Sunniten sähen ihre größte Befürchtung wahr werden: dass Iran Bagdad kontrolliert und die Provinz Anbar ihre Bedeutung im Land verliert. Die meisten Sunniten nähmen daher an, dass es nicht sehr weise wäre, auf die Hilfe der Amerikaner zu bauen. Sie gehen dem Bericht zufolge davon aus, dass die US-Truppen eher das Land verlassen, als dass sie in der Lage wären, es zu stabilisieren.

Der Autor des Dokuments kommt zu dem ernüchternden Schluss: Angesichts der von al-Qaida ausgehenden Gewalt, des iranischen Einflusses und einem erwarteten Scheitern der Amerikaner "ist die soziale und politische Situation an einen Punkt gelangt", an dem die amerikanischen und irakischen Regierungstruppen "nicht länger in der Lage sind, die Aufständischen in Anbar militärisch zu schlagen". Seit dem 1. September kamen allein in dieser Provinz mindestens 90 GIs ums Leben.

Ohne 15.000 bis 20.000 zusätzliche Soldaten und milliardenschwere Hilfe für die Provinz, so die Einschätzung Oberst Devlins, könne die US-Armee die Gewalt in Anbar nicht mehr stoppen. So düster das Bild ist, das der Autor zeichnet, ist er doch der Überzeugung, dass es den Menschen in Anbar ohne die Bemühungen der US-Soldaten wesentlich schlechter ginge.

Die irakische Armee, die in Anbar an der Seite der Amerikaner gegen Extremisten kämpft, hat von dem US-Bericht bislang offenbar keine Kenntnis. Er gilt laut "Washington Post" als vertraulich und ist nur für die US-Armee und andere ausländische Truppen im Irak bestimmt.

asc



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