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Bushs Irak-Strategie: Ex-Kommandeur geißelt "Alptraum ohne Ende"

Attacke auf George W. Bush: In bisher unbekannter Schärfe rechnet der frühere Kommandeur der US-Truppen im Irak mit der Strategie des Präsidenten ab. Ricardo Sanchez bezeichnet die Regierung als "inkompetent" und den amerikanischen Einsatz als "Alptraum ohne absehbares Ende".

Washington - Für seine Einschätzung des Irak-Einsatzes der USA nannte der pensionierte General vor Journalisten verschiedene Gründe: Die Auflösung der irakischen Streitkräfte, die vernachlässigten Beziehungen zu Stammesführern und den zu langsamen Aufbau einer zivilen Regierung nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein.

Pensionierter US-General Sanchez: "Verzweifelter Versuch"
Getty Images

Pensionierter US-General Sanchez: "Verzweifelter Versuch"

Sanchez kommandierte die US-Truppen im Irak ab Juni 2003. Nach Bekanntwerden des Folter-Skandals im irakischen Gefängnis Abu Ghraib wurde Sanchez im Juli 2004 abgelöst. In einer Armee-Untersuchung wurde ihm kein Fehlverhalten vorgehalten. Im Jahr 2006 zog er sich aus dem aktiven Armeedienst zurück, heute arbeitet er als Berater des Verteidigungsministeriums.

Die derzeitigen Strategien der US-Regierung, die Truppen im Irak um 30.000 Soldaten aufzustocken, kritisierte Sanchez am Freitag als "verzweifelten Versuch", die jahrelangen Verfehlungen wettzumachen. Dies führe nicht zu einer langfristig stabilen Lage.

"Inkompetent", "ungeschickt" und "nachlässig"

Selten ist bislang ein in den Krieg verwickelter Spitzenvertreter des Militärs so scharf mit der Bush-Regierung ins Gericht gegangen wie Sanchez. Wäre mancher US-Spitzenpolitiker Soldat, hätte man ihn schon vor langem seines Postens enthoben oder vor ein Kriegsgericht gestellt, so Sanchez. Die politische Führung der USA bezeichnete er als "inkompetent", "ungeschickt" und "nachlässig bei der Erfüllung ihrer Pflicht". Bisher nannte Sanchez in seinen Äußerungen Präsident Bush nicht namentlich, doch versprach er weitere öffentliche Stellungnahmen, in denen er Offizielle mit Namen kritisieren will. Zudem heißt es, er plane ein Buch.

Amerika setze seinen "verzweifelten Kampf im Irak" ohne eine klar ausgearbeitete Strategie fort, die einen Sieg "in diesem vom Krieg zerrissenen Land" erreichen könnte. Besonders hart traf die Sanchez-Kritik den Nationalen Sicherheitsrat der Regierung, dem während Sanchez' Zeit im Irak die jetzige US-Außenministerin Condoleezza Rice vorstand. Das Gremium habe "katastrophal" versagt, so Sanchez.

Eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats wies die Kritik des Ex-Generals zurück. Es würden Fortschritte im Irak gemacht, sagte Kate Starr und fügte mit Blick auf Sanchez hinzu: "Wir erkennen seinen Dienst am Vaterland an."

Forderung nach detaillierter Strategie

Sanchez sagte, die Militärkommandeure im Irak würden zwar einige Fortschritte machen und der politischen Führung damit die Zeit zur Entwicklung einer Gesamtstrategie geben. Doch sagte er zugleich voraus, dass die Anstrengungen verspielt seien und in dieser Zeit weitere US-Soldaten sterben würden.

Die von ihm favorisierte Strategie besteht laut "New York Times" aus diversen Einzelschritten: Erst einmal müssten die einzelnen kriegführenden Gruppen im Irak versöhnt und dann eine effektive Armee und Polizei-Einheiten aufgebaut werden. Die US-Regierung aber habe keine detaillierte Strategie für solche Schritte sowie für eine Synchronisierung des militärischen und zivilen Beitrags.

So mahnte Sanchez angesichts der seiner Meinung nach fehlenden Gesamtstrategie an, die amerikanische Truppenpräsenz im Irak schnell zu reduzieren. Allerdings hätten die USA keine andere Wahl, als im Irak zu bleiben, da sonst das Land im Chaos versinke und die gesamte Region mit sich reiße. In Washington geschehe derzeit nichts, "was uns Hoffnung geben könnte", sagte Sanchez abschließend.

Unterdessen wurden bei einem Raketenangriff auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte bei Bagdad zwei US-Soldaten getötet. Fünf weitere Soldaten und 35 andere Menschen wurden nach US-Angaben bei dem Angriff am Mittwoch auf Camp Victory verletzt.

sef/AP/Reuters/dpa/AFP

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