Bushs Krisenmanagement "Die Menschen werden Fragen stellen"

Nach dem "Katrina"-Schock verlangen die Menschen Aufklärung: Was geschah mit den Wasserpumpen? Warum hielten die Dämme nicht? Fehlen die zig Milliarden Dollar für den Irak-Krieg jetzt im Küstenschutz? US-Präsident Bush gerät nach den Verheerungen in den Südstaaten zunehmend unter Druck.


Bush, gestern in Washington mit Kabinettsmitgliedern: Wegen Irak-Krieg den Dammschutz vernachlässigt?
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Bush, gestern in Washington mit Kabinettsmitgliedern: Wegen Irak-Krieg den Dammschutz vernachlässigt?

Washington - Angesichts der verheerenden Überschwemmungen an der amerikanischen Golfküste hat Präsident George W. Bush seinen Urlaub früher als geplant beendet und wirksame Hilfen angekündigt. Aber das allein wird kaum reichen, um seine Umfragewerte zu verbessern und in den Augen der Bevölkerung als zupackender Präsident dazustehen. Wenn der Wiederaufbau nicht so schnell vorankommt wie erhofft, muss der Präsident damit rechnen, dass sich Empörung breit macht.

"Es herrscht die Erwartung, dass er jetzt das gleiche leisten kann wie nach den Terroranschlägen vom 11. September", sagt der Politikberater Elliott Stonecipher in Louisiana. Jetzt wird sich zeigen, ob Bush seinem Ruf gerecht wird, den er nach den Anschlägen erwarb, oder ob er die Erwartungen enttäuscht und einen politischen Preis zahlen muss wie schon sein Vater nach dem Hurrikan "Andrew" im Jahr 1992.

Bushs Umfragewerte sind zurzeit niedriger als je zuvor während seiner Präsidentschaft. Dazu beigetragen haben die hohen Verluste im Irak und die steigenden Benzinpreise. Hurrikan "Katrina" könnte letzteres Problem noch weiter verschärfen, da Ölplattformen im Golf von Mexiko lahm gelegt wurden. Die Amerikaner wünschen sich von ihrem Präsidenten, dass er die Flüchtlinge im Katastrophengebiet konkret unterstützt und ihnen Mut macht.

"Es wird viele Schuldzuweisungen geben"

Route 49, Gulfport: Wasserausgabe an "Katrina"-Flüchtlinge
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Route 49, Gulfport: Wasserausgabe an "Katrina"-Flüchtlinge

"Er soll hinfahren und diese Menschen unterstützen, wie er es schon in New York getan hat", fordert Trichia Key aus Mississippi. "Er kann das. Wir haben es gesehen." Key vermutete aber auch einen Zusammenhang zwischen dem Krieg im Irak und der Katastrophenhilfe entlang der Golfküste. "Wenn nicht alle Soldaten unserer Nationalgarde im Irak wären, könnten wir wahrscheinlich viel mehr schaffen."

Kritik droht Bush auch von anderer Seite. Bernie Pinsonat vom Meinungsforschungsinstitut Southern Media and Opinion Research vermutet, der Präsident könnte für die Umstände der Überschwemmungen in New Orleans verantwortlich gemacht werden. "Wenn die Menschen nicht mehr von der Zerstörung geschockt sind, werden sie anfangen, Fragen zu stellen", sagt Pinsonat. "War geschah mit den Wasserpumpen? Warum hielten die Dämme nicht? Ich glaube, es wird viele Schuldzuweisungen geben."

Schon verbreiteten die oppositionellen Demokraten einen Artikel des Medienmagazins "Editor & Publisher", in dem es hieß, der Deichschutz von New Orleans sei den Kosten für den Krieg im Irak, den Heimatschutz und den Steuersenkungen zum Opfer gefallen.

"Wenn die Amerikaner erfahren, dass die Dämme wegen des Krieges im Irak nicht verstärkt wurden, werden sie nicht glücklich sein", sagt Chris Kofinis, ein Berater der Demokratischen Partei in Washington.

Nur für die Show?

Sogar die streng konservative Zeitung "The Manchester Union-Leader" warf dem Präsidenten vor, nicht schnell genug auf den Hurrikan reagiert zu haben. "Die klare, selbstbewusste und intuitive Führung, die Bush während seiner ersten Amtszeit an den Tag legte, ist verschwunden", kritisierte ein Kommentator. "An ihre Stelle trat eine zaghafte Distanziertheit, die nicht zu dem Präsidenten eines Landes passt, das sich Krieg, einer Naturkatastrophe und wirtschaftlicher Unsicherheit gegenübersieht."

Bush bemühte sich, in der Öffentlichkeit ein anderes Bild zu erzeugen. Er flog zwei Tage früher als geplant nach Washington zurück und machte sich unterwegs aus der Luft ein Bild von der Lage in New Orleans. Vor dem Weißen Haus wandte er sich dann an die Opfer der Katastrophe und erklärte, die Bewältigung der Schäden werde Jahre dauern. "Aber ich bin zuversichtlich, dass die Ordnung mit der Zeit zurückkehrt, dass neue Gemeinden erblühen, dass New Orleans wieder auf die Füße kommt." Zunächst hätten die USA aber einen "harten Weg" vor sich. "Wir haben es mit einer der schlimmsten Katastrophen in unserer Geschichte zu tun", sagte der Präsident.

Der demokratische Senator Frank Lautenberg kritisiert, der Präsident hätte schon am Montag Soldaten und Hilfe nach New Orleans schicken müssen. Dabei bemühte sich der Präsident, nicht die gleichen Fehler zu machen wie sein Vater, dem 1992 vorgeworfen worden war, zu langsam auf den Hurrikan "Andrew" in Florida reagiert zu haben.

"Zunächst hilft dies Bush, weil er die Initiative ergreifen und Führungsstärke beweisen kann", sagt der Direktor des Instituts für Angewandte Politik der Universität Akron, John Green. "Die Kehrseite ist, dass die Leute seine Handlungen mit Zynismus betrachten, wenn der Wiederaufbau nur langsam vorankommt. Sie werden sagen: 'Er macht das nur für die Show'".

Ron Fournier, AP



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