Bushs letzte Rede Abschied eines Überzeugungstäters

Ein Präsident tritt ab - und zeigt sich unbeirrt: "Gut und Böse gibt es in der Welt, dazwischen gibt es keinen Kompromiss", sagte George W. Bush in seiner letzten TV-Ansprache. Im Gegensatz zu den meisten US-Bürgern habe er nach den Terrorattacken 2001 sein altes Leben nie wieder finden können.

Von , Washington


Washington - Es ist, wie es nun einmal ist bei solchen Abschiedsreden, wenn jemand nach langer Zeit den Dienst verlässt. Der Ausscheidende steht vorne im Anzug, seine Frau strahlt, die Töchter gucken stolz. Er blickt in die Runde, blinzelt gerührt ein wenig, und sagt, dass doch eigentlich alles ganz gut war.

George W. Bushs Abschied: Abgang nach der letzten TV-Ansprache
REUTERS

George W. Bushs Abschied: Abgang nach der letzten TV-Ansprache

Warum sollte das bei Präsidenten anders sein? George W. Bush steht kurz nach acht Uhr abends im East Room des Weißen Hauses, zur letzten TV-Ansprache seiner Amtszeit, rund 250 geladene Gäste klatschen. Menschen, die ihn durch seine Präsidentschaft begleitet haben. Frau Laura strahlt, ganz in Rot, die Töchter Jenna und Barbara gucken stolz - und Bush blickt in die Runde, blinzelt ein bisschen. Er schaut und scheint zu denken, dass doch eigentlich alles ganz gut war.

"Es ist eine Ehre gewesen, Ihnen allen als Präsident dienen zu dürfen", spricht er in die Kamera. Er dankt für die vielen Gebete, die Geschenke, die Sympathiebekundungen. Die Gäste lauschen gebannt.

Doch dann, nach ein paar Momenten schon, wird klar, dass sich hier eher ein Kriegsveteran verabschiedet als ein Amtspensionär. Nach wenigen Sätzen ist Bush schon beim 11. September, bei den rund 3000 Opfern, den Witwen, Waisen, den Toten in Flugzeugen und in Wolkenkratzern. Und er ist mittendrin in seiner eigenen Geschichte: Der von einem Präsidenten, der angetreten war, um als mitfühlender Konservativer zu regieren, Amerikas Schulen reformieren wollte, eine bescheidene Außenpolitik predigte - und zu einem Welt-Umwälzer wurde.

"Als die Jahre vergingen", sagt Bush, "konnten die meisten Amerikaner wieder ihr Leben wie vor dem 11. September führen. Für mich galt das nie. Jeden Morgen wurde ich über Drohungen gegen unsere Nation unterrichtet. Und ich habe geschworen, alles zu tun, um unsere Sicherheit zu erhalten. Man kann über viele dieser Entscheidungen diskutieren. Aber es ist schwer, über die Ergebnisse zu diskutieren. Seit mehr als sieben Jahren hat es keine weitere Terrorattacke auf unserem Boden gegeben."

Es ist die Botschaft, die das Bush-Team seit Wochen predigt - im Kampf um das Vermächtnis eines Präsidenten, das noch viele Jahrzehnte Historiker beschäftigen wird. Das Weiße Haus hat für Mitarbeiter PR-Anleitungen parat mit Bushs wichtigsten Erfolgsgeschichten. Milliardenschwere Anti-Aids-Initiativen für Afrika, Bildungsreformen, eine Nahost-Politik, die Freiheit befördert habe, sind da aufgezählt. Doch ganz oben auf der Liste steht: Kein neuer Anschlag auf US-Boden.

Alle verbreiten das seit Wochen in Interviews: Außenministerin Condoleeza Rice, Vize Dick Cheney, Sicherheitsberater Stephen Hadley. Der sprach mit der "Washington Post" auch über seinen Frust, wie falsch der Präsident eingeschätzt werde.

Machen, was man für richtig hält

Vielleicht teilt Bush diesen Frust. Am Montag dieser Woche war eine Ahnung davon noch besser zu beobachten als jetzt beim gut choreografierten letzten Fernsehauftritt. Bush hielt seine letzte Pressekonferenz im Weißen Haus ab, die Journalisten wollen ergründen, was jemand fühlt, der so unbeliebt abtritt wie kaum einer seiner Vorgänger. Sie wollen den Zweifel finden bei Bush, die Unsicherheit.

Sie entlocken ihm ein paar Eingeständnisse. Der "Mission Accomplished"-Auftritt auf dem Flugzeugträger, das New Orleans-Chaos nach Hurrikan Katrina, die Gräuel von Abu Ghureib, die gar nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak: "Enttäuschungen". Aber Zweifel? "Wissen Sie", sagt Bush mit fester Stimme, "Präsidenten können versuchen, harte Entscheidungen zu vermeiden und so Kontroversen auszuweichen. Aber so bin ich nicht. Man muss machen, was man für richtig hält. Wenn man das nicht tut, verstehe ich nicht, wie man mit sich selber leben kann." Als ihm die Journalisten keine Ruhe lassen, ruft er scharf: "Erinnern Sie sich, wie es hier direkt nach dem 11. September zuging?"

Es ist dieser Satz, der jeden Widerspruch erstickt. Der die Selbstgewissheit garantiert, die sich auch durch Bushs Abschiedsrede im Weißen Haus zieht: "Amerika muss seine moralische Klarheit beibehalten", sagt er. "Ich habe oft über Gut und Böse gesprochen, was vielen unangenehm war. Aber Gut und Böse gibt es in der Welt, und dazwischen gibt es keinen Kompromiss."

Es ist noch einmal George W. Bush pur, 13 Minuten, fünf Seiten lang. Dann ist es Zeit für die Rente. Am Dienstag wird er nach Obamas Amtseid Washington im Hubschrauber verlassen, am Mittwochmorgen will er schon selbst Frau Laura den Kaffee servieren.

Und dann? Wie wird Bushs Bild in der Geschichte aussehen?

Dazu etablieren sich jetzt schon zwei Denkschulen. Bush-Gegner glauben, dass der "Cowboy", der die Welt in Gut und Böse unterteilte, als Schreckensgestalt in die Geschichte eingehen wird. Der mit seinem Rambo-Kurs Amerika noch mehr in Gefahr brachte - und der nun in Texas auf seiner Ranch Holz hacken wird, so wie er vorher auf der Weltmeinung herumtrampelte.



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