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Bushs Wehrdienst: Frohe Zeiten in der "Champagner-Einheit"

Von , New York

Er war oft betrunken, griff seinen Vater an, verlor seine Fluglizenz: Plötzlich wird George W. Bushs Vergangenheit zum Wahlkampfthema. Im Zentrum stehen die Zweifel an seinem Vietnam-Ersatzdienst in der US-Nationalgarde. Sie treffen einen wunden Punkt des Präsidenten - seine ohnehin lädierte Glaubwürdigkeit.

Soldat Bush bei der Texas Air National Guard: An seine Vergangenheit bei der Armee hat der Präsident nur lückenhafte Erinnerungen
AP

Soldat Bush bei der Texas Air National Guard: An seine Vergangenheit bei der Armee hat der Präsident nur lückenhafte Erinnerungen

New York - Sie nannten sie die "Champagner-Einheit". Das in Texas stationierte 147. Fliegerschwadron der US-Nationalgarde galt im Vietnamkrieg als Fluchtburg für die Söhne privilegierter Familien, die nicht an die Front wollten. Unter den so genannten "Wochenend-Kriegern" von Houston: die Sprösslinge des Senators Lloyd Bentsen und des Ex-Gouverneurs John Connally (der 1963 mit im Auto saß, als John F. Kennedy erschossen wurde), sieben Footballspieler der Dallas Cowboys - und der 22-jährige George W. Bush, dessen Vater ein aufstrebender Kongressabgeordneter in Washington war.

Solch paramilitärischer Ersatzdienst in der National Guard war für den Nachwuchs jener Politiker, die die Nation in den Krieg geführt hatten, üblich und keineswegs verpönt, egal ob Republikaner oder Demokrat. Von den damals 234 wehrfähigen Söhnen aller US-Kongressmitglieder, so ein Bericht von 1970, waren nur 28 in Vietnam und nur einer wurde verwundet, der Sohn eines Abgeordneten aus Maryland. "Vietnam", sagt die Autorin Myra MacPherson, die dieses Phänomen untersucht hat, "war ein Krieg der Klassen" - von den Machtlosen für die Mächtigen gefochten.

Wie ehrlich ist der Präsident?

Dass der heutige Präsident, wie so viele, auf der Seite der Mächtigen gestanden hat, ist bekannt: Schon im letzten Wahlkampf sorgte Bushs Frontvermeidung für Gesprächsstoff, freilich nur kurz. Schließlich hatte sein Vorgänger Bill Clinton den Vietnamdienst ganz verweigert und sich zum Auslandsstudium nach Oxford abgesetzt. Bush dagegen, so das Argument des Weißen Hauses über die letzten vier Jahre, habe der Nation immerhin brav gedient, wenn auch nur als fliegender Gardist.

Doch plötzlich gären selbst daran Zweifel. Denn die letzten zwölf Monate des Bush'schen Vietnam-Ersatzdienstes sind ein einziges Fragezeichen. Das besagen zumindest die Personalakten der National Guard und Aussagen seiner einstigen Vorgesetzten. Demnach blieb Leutnant George Walker Bush dort mindestens von Mai 1972 bis Mai 1973 spurlos verschwunden - ausgerechnet zu jener Zeit, da seine Trunksucht am schlimmsten war, wie er selbst zugegeben hat.

Hat der junge Bush ein ganzes Jahr blau gemacht und das dann zu vertuschen versucht, um sich als waffentreuer Patriot darstellen zu können? Hat der US-Oberbefehlshaber, der jetzt eine neue, junge Soldatengeneration ins Frontfeuer schickt, sich selbst einst sogar vor dem lauen Heimatdienst gedrückt? Wie ehrlich hält es der Präsident mit der Wahrheit?

Dank Connections in den Ersatzdienst

Mit diesen Fragen ist sie jetzt wieder heiß entflammt, die alte Debatte um Bushs Wehrzeit. Neu ist diesmal jedoch die Brisanz für Bush: Es geht um sein Ehrenwort.

Und dieses Ehrenwort steht im jetzigen Wahlkampf, der sich mehr um Persönlichkeit dreht denn Politik, ohnehin schon in Zweifel. Im Streit um die bisher nicht aufgetauchten irakischen Waffenarsenale, mit denen Bush den Krieg rechtfertigte. In der Wirtschaft, bei der er die Kluft zwischen Schein und Sein nicht überbrücken kann. In der Finanz- und Haushaltspolitik, bei der ihm selbst die eigenen Republikaner abtrünnig werden. An allen Wahl-Fronten leidet Bush, wie selbst das US-Magazin "Time" auf dem Cover dieser Woche titelt, inzwischen an einer "Glaubwürdigkeitslücke".

Es ist eben diese Glaubwürdigkeitslücke, in die nun auch die Fragen nach Bushs Militärdienst zielen. Dass er die bis heute nicht aus der Welt räumen kann, ohne neue Fragen aufzuwerfen, ist Munition für die Demokraten, deren Hoffnungsträger John Kerry selbst ein fünffach dekorierter Vietnamveteran ist.

Ein "Deserteur", wie der Filmemacher Michael Moore schimpft, war Bush zwar wohl nicht. Doch schuf er sich, als er 1968 von der Elite-Uni Yale nach Texas zurückkehrte, zumindest ein weiches Polster. Dank guter Connections übersprang eine lange Warteliste für den Vietnam-Ersatzdienst in der National Guard.

Keine Erinnerung an den Söldner

Thanksgiving im Irak: Bush besuchte die heutige Soldaten-Generation überraschend am Feiertage
AP

Thanksgiving im Irak: Bush besuchte die heutige Soldaten-Generation überraschend am Feiertage

Obwohl Bush in einem Eignungstest nur 25 Prozent erreichte, die niedrigstmögliche Quote, wurde er zum Leutnant gemacht und lernte, F-102-Kampfjets zu fliegen. Bushs damaliger Fluglehrer, Oberst a.D. Maurice Udell, lobt den Rekruten im Rückblick. "Seine Stiefel waren immer blank, seine Uniform gebügelt, sein Haar geschnitten, und er sagte 'Yes, Sir' und 'No, Sir'", berichtete Udell dem "Boston Globe".

Doch Bushs Begeisterung für den Ersatzdienst kühlte sich bald sichtlich ab. Im Mai 1972 verschwand er nach Alabama, um dort dem Republikaner Winton Blount, einem Freund der Familie, beim Senatswahlkampf zu assistieren. In dieser Zeit war Bush verpflichtet, sich weiter zu regelmäßigen Übungen in Houston zu melden. In den Anwesenheitslisten jener Zeit taucht er aber nicht mehr auf. Im Juli 1972 entzog die Garde Bush die Fluglizenz, da er auch zur ärztlichen Pflichtuntersuchung nicht erschien. Im September wurde er offiziell einer Stabseinheit in Alabama zugewiesen, dem 187th Squadron in Montgomery.

Doch auch dessen Kommandeur, Brigadegeneral William Turnipseed, will den prominenten Söldner nicht kennen: "Hätte er sich zum Dienst gemeldet", sagte er 2000 in einem Interview, "würde ich mich daran erinnern, und das tue ich nicht." (Spitz verweisen die Republikaner darauf, dass Turnipseed mittlerweile 75 Jahre alt ist und voriges Jahr 500 Dollar in die Wahlkampfkasse des Demokraten John Edwards gespendet hat.)

"Er drückte sich um Vietnam"

Nach Blounts Wahlniederlage im November 1972 ging Bush zurück nach Texas. Bei der Nationalgarde - der er per Vertrag noch bis Mitte 1973 verpflichtet war - ließ er sich nach Aktenlage allerdings weiter nicht blicken. Einer seiner Vorgesetzten, Oberstleutnant William Harris, schrieb in einer Beurteilung vom Mai 1973 lakonisch, dass Bush "die Basis am 15. Mai 1972 verlassen" habe und dann "in dieser Einheit nicht mehr gesichtet" worden sei. Darunter tippte Schwadronskommandeur Jerry Killian: "Ich stimme dieser Bemerkung zu."

Wie Bush den Rest seines Reservistendienstes statt dessen verbrachte, lässt sich in seiner eigenen Wahlkampf-Biografie "A Charge to Keep" nachlesen. Weihnachten 1972 zum Beispiel fuhr er so sturzbetrunken von einer Party mit dem Auto nach Hause, dass er die Mülltonnen der Nachbarn umsäbelte. In der selben Nacht kam es zu jener berühmten Konfrontation mit dem Vater, den Bush zum Faustkampf "mano a mano" herausforderte.

Nichts von dem ist wirklich neu. Walter Robinson, ein Reporter des "Boston Globe", enthüllte die Lücken in Bushs Wehrdienst bereits detailliert im Mai 2000, nachdem er 160 Aktenseiten durchforstet und Dutzende Ex-Vorgesetzte Bushs interviewt hatte. Im selben Jahr widmete die texanische Journalistin Molly Ivins dem Thema das Eröffnungskapitel ihrer Anti-Bush-Streitschrift "Shrub". "Er drückte sich einfach um Vietnam", schrieb sie.

Sanft redigierte Biografie

Ansonsten aber interessierten die Umstände der Bush-Ersatztour im letzten Wahlkampf vor vier Jahren kaum jemanden. Die großen TV-Networks ABC, NBC und CBS ließen die Finger davon. Bushs Vorwahl-Gegner John McCain, selbst ein Vietnamveteran, verbot seinem Stab, die Sache gegen Bush zu nutzen. Bushs demokratischer Rivale, der Vietnam-gediente Al Gore, schnitt die Frage auch nicht an.

Bush selbst berief sich damals auf seine nur lückenhafte Erinnerung. Eine Veteranen-Gruppe versuchte daraufhin, Bushs Gedächtnis aufzufrischen, indem sie eine Belohnung von 3500 Dollar für jeden Ex-Kameraden aussetzte, der einen Dienst Bushs in Alabama bestätigen könnte. Niemand meldete sich.

Bush beharrte darauf, nach Abschluss seiner Ausbildung 1970 noch "für mehrere Jahre mit meiner Einheit geflogen" zu sein. (Manchmal schwindelte er auch einfach, er sei "in der Air Force" gewesen.) Für die aktuellen PR-Materialien wurde dies jetzt sanft redigiert: "Bush diente als F-102-Kampfflieger in der Texas Air National Guard", heißt es heute unverbindlich in seinem offiziellen Wahlkampf-Lebenslauf - ohne jegliche Zeitangabe.

Enttarnung eines PR-Kämpfers

George W. Bush: Der Kriegspräsident zeigt sich gern in Uniform - wie hier an Deck des Flugzeugträgers  USS Abraham Lincoln
REUTERS

George W. Bush: Der Kriegspräsident zeigt sich gern in Uniform - wie hier an Deck des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln

"Dies ist eine Zeitbombe für Bush", glaubt der Vietnamveteran und Oberst a.D. David Hackworth. "Seine Gegner werden die Schraube anziehen, bis was heraus kommt." Schließlich ist der Krieg Wahlkampfthema Nummer eins, und Bush hat sich selbst zur einfachen Zielscheibe gemacht, indem er mit seinem missglückten PR-Auftritt auf dem Flugzeugträger "U.S.S. Abraham Lincoln" im Mai 2003 so dramatisch den Kämpfer spielte.

Indes ist die Debatte auch für die Demokraten ein Eiertanz. Die National Guard gilt als moralisch unangreifbar, vor allem dieser Tage; unter den im Irak gefallenen US-Soldaten sind bisher auch 48 Nationalgardisten. Als Spitzenreiter Kerry jetzt sanft um eine bessere Erklärung Bushs bat, sprach dessen Wahlkampfchef Marc Racicot sofort von "Verleumdung".

Doch auch Bushs Lage ist gefährlich. Seine Glaubwürdigkeit kristallisiert sich immer mehr zu einer zentralen Wahlkampffrage heraus. In einer Gallup-Umfrage fanden diese Woche nur noch 44 Prozent der Befragten, Bush sei "ein vertrauenswürdiger Führer". 55 Prozent dagegen haben "Zweifel und Vorbehalte".

Eine Frage des Charakters

In den letzten Tagen und Wochen sind ihm auch die ersten konserativen Flankenschützer abgesprungen: Ronald Reagans einstige Redenschreiberin Peggy Noonan nennt ihn "linkisch", Talkmaster Bill O'Reilly zeigt sich "gar nicht erfreut", Kolumnist George Will findet ihn "surreal", sein Kollege Joe Scarborough glaubt, er "schadet der Partei". Und selbst die "New York Times", die seine Vietnam-Ersatztour vor vier Jahren nur mit spitzen Fingern anfasste, sieht darin auf einmal eine "Frage präsidentiellen Charakters".

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