Abriss des "Dschungel" von Calais Eine Schlacht, die nur Verlierer kennt

Aktivisten und Flüchtlinge wehren sich gegen die Räumung des Lagers in Calais. Sie stecken in einem bitteren Dilemma. Niemand will hier dauerhaft leben - aber freiwillig wird auch niemand gehen.

Pierre Gautheron

Aus Calais berichtet


Isabelle kann nicht mehr. Vor ein paar Minuten hatte sie noch kämpferisch gesagt, dass sie längst noch nicht vor den Behörden und der Polizei resigniert habe. Dass Widerstand für sie auch bedeute, einfach trotzig zu bleiben und weiter dabei zu helfen, für die Flüchtlinge im Lager jeden Abend an die 800 Gratismahlzeiten zu kochen.

Jetzt aber umklammert sie den Holzpfosten einer der unzähligen Bretterbuden im Flüchtlingslager von Calais, das alle nur den "Dschungel" nennen, und schluchzt unkontrolliert los. Ihre Fellmütze rutscht ihr in die Stirn, die Wangen röten sich, ein paar Migranten nehmen sie tröstend in den Arm und fragen die Französin auf Englisch, was denn los sei. "Das ist einfach zu viel, das ist zu viel, das ist zu viel", sagt Isabelle immer wieder weinend, "so viel Unmenschlichkeit, das ist wie im Krieg".

Direkt neben ihr wummert monoton ein Stromgenerator. Hinter ihr rauscht die Autobahn, die das Flüchtlingslager so eng umschließt wie die Hundertschaften der Polizisten, die es rund um die Uhr bewachen. Nicht weit entfernt steigt plötzlich eine dunkle Rauchwolke in die Höhe. Wieder einmal brennt eine Baracke im Flüchtlingslager ab, wieder einmal hat jemand sein sowieso schon äußerst bescheidenes Heim verloren.

Genau das bringt Isabelle so aus der Fassung. Sie arbeitet schon seit Monaten im Camp in der "Belgischen Küche". Das ist eine der zahlreichen nicht staatlichen Organisationen, die den etwa 5000 Flüchtlingen helfen, die in Calais auf dem Weg nach Großbritannien gestrandet sind.

Seit Montag aber stirbt der Dschungel. Nachdem das Verwaltungsgericht in Lille die Räumung des Südteils des Flüchtlingslagers gebilligt hat, reißen Bulldozer gegen den Protest der Flüchtlinge und Aktivisten Dutzende der provisorischen Unterkünfte ab. Welche Folgen das für die Betroffenen hat, erlebte Isabelle kurz vor ihrem Nervenzusammenbruch hautnah.

Sie ist gerade im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, als ein Sudanese in den Holzverschlag taumelt und nach Luft ringt. Er hat die Nacht in der "Belgischen Küche" verbracht, verzweifelt, weil seine eigene Hütte abgerissen wurde. Ein Landsmann und Freund, der ebenfalls seine Behausung verlor, war in der Nacht zuvor wohl an den Folgen der Unterkühlung gestorben. Er ist damit der erste Tote, seit die umstrittenen Abrissarbeiten begonnen haben, die Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve stets als "humanitären Akt" verteidigte.

Isabelle und andere Helfer eilen herbei und hieven den Sudanesen in einen Stuhl. Jemand legt seine Beine hoch, ein anderer zieht ihm seinem warmen blauen Fleece-Pullover aus. Doch woran leidet der Mann? Ein psychischer Schock? Asthma? Mobiltelefone werden gezückt und auf der Suche nach einem Arzt hektisch andere Organisationen angerufen. Aber auf die Schnelle ist zunächst niemand erreichbar.

Die Verzweiflung steigt

Auch Ibrahim, der Leiter der Küche, wirkt überfordert. Und wütend. "Ich verstehe das nicht, wir brauchen auch Psychologen hier. Die Menschen kommen einfach nicht mehr klar. Wäre das hier Afrika und nicht Frankreich, gäbe es Dutzende Teams." Er ahnt Schlimmes für die nächsten Tage. "Ich habe jede Menge Decken und hier kann jeder schlafen, der seine Hütte verloren hat. Aber was soll ich machen, wenn plötzlich Hunderte kommen, die nicht wissen, wohin?"

Nach außen ist die Lage zwar nicht so explosiv wie noch am Montag, als es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der französischen Bereitschaftspolizei und den Flüchtlingen kam. Doch wer sich im Lager umhört, spürt, dass die Verzweiflung steigt - sowohl bei den Aktivisten als auch bei den Migranten.

Denn auch an diesem Morgen beginnen pünktlich um halb neun die Abrissarbeiten. Ein Großaufgebot von Polizisten mit Schlagstöcken und Schutzschildern klopft an die Türen der Gebäude, die geräumt werden sollen. Auf vielen Zeltplanen der Behausungen steht trotzig: "Lieu de vie" - ein Ort zum Leben.

"Ihr seid eine Schande!"

Systematisch riegelt die Polizei Teile des Geländes ab und kesselt zeitweise auch einige Aktivisten ein, die wütend rufen: "Ihr seid eine Schande!" Einige Migranten halten selbstgebastelte Pappschilder hoch, auf denen steht: "Wir sind Menschen!" Ein richtig hartes Vorgehen wagen die Einsatzkräfte in Anwesenheit von Dutzenden Kamerateams nach den Ausschreitungen am Montag aber nicht. So lassen sie sich meist fotografieren, während im Hintergrund das Räumkommando mit Brecheisen Verschläge zerlegt.

Die Fronten sind verhärtet. Der "Dschungel", der so heißt, weil das vor gut einem Jahr entstandene Lager so wild wuchs und es an jeglicher Infrastruktur fehlte, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht hätte, ist zu einem Dauerprovisorium geworden. Doch jetzt, da der "Dschungel" ein wenig gebändigt und zivilisiert ist, es Dutzende kleine Läden, eine Schule und Moscheen gibt und das Leben ein wenig einfacher geworden ist, rollen die Bulldozer an, um ihn zu roden. Das versteht hier keiner.

Richtig leer fühle er sich, sagt im kalten Nieselregen Tom Radcliffe, der seit Monaten in dem Camp lebt und maßgeblich geholfen hat, dessen Infrastruktur zu verbessern. "Sie haben alle Behausungen rings um meinen Wohnwagen abgerissen. Ich fühle mich beschämt." Nur weil er ein Ausländer sei und viel mit den Medien arbeite, sei er verschont worden. "Ich wünschte, sie hätten meinen Wohnwagen auch zerstört." Natürlich will er das Lager mit all seinen hygienischen Problemen und immer noch unwürdigen Bedingungen nicht künstlich am Leben halten. Aber es fehle eben von Seiten der französischen Politik eine bessere Alternative. "Die reißen ab und geben den Migranten ein paar Minuten Zeit, ihre Sachen zu packen, ohne einen Plan für sie zu haben."

So denken viele. Aktivisten aus ganz Frankreich sind in den Tagen nach der Eskalation nach Calais gekommen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Sie bringen Essen mit oder einfach Blumen, die sie den Polizisten trotzig vor die Füße werfen.

Die Migranten selbst setzten auf weit drastischere Symbole. Sie klettern auf die Dächer ihrer Hütten, die eingerissen werden und müssen mit Gewalt heruntergezerrt werden. Oder sie zünden ihre ärmlichen Zelt- und Bretterbuden aus Protest lieber selber an.

Reza und Mohammed haben einen noch verzweifelteren Weg gewählt. Sie sitzen in einer der Gemeinschaftsküchen um einen kleinen Ofen, draußen wüten im regennassen Schlamm die Bagger. Dann berichten sie von ihrem Hunger. Denn seit zwei Tagen essen sie nichts mehr. Damit sind sie nicht allein. Hilfsorganisationen haben bestätigt, dass bisher mindestens zwölf Menschen im Hungerstreik sind. Fünf von ihnen haben sich sogar den Mund zugenäht.

Die Bagger werden morgen wiederkommen

Wer Reza und Mohammed fragt, wie es weitergehen soll, der spürt, wie festgefahren die Situation ist. Ihr Traum ist immer noch, wie von fast allen hier, über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu fliehen. Doch der Eurotunnel und der Hafen von Calais sind von meterhohen Zäunen umgeben. Und von denen, die sich nachts in einen Lkw oder Zug schmuggeln, um so illegal über die Grenze zu kommen, erreicht kaum einer das vermeintlich gelobte Land. Also doch in Frankreich Asyl beantragen? Nein, dazu waren die Erfahrungen mit Polizei und Behörden zu schlimm. Bleibt also nur das Lager. "Der Dschungel darf nicht sterben", lässt Reza einen Dolmetscher übersetzen. "Wir werden weiterhungern, solange wir können."

Wie zynisch: Der "Dschungel", dieses Elendsviertel mitten in Europa, wird zur letzten Hoffnung der Flüchtlinge. Und die Bagger werden morgen wiederkommen.

So weiß derzeit niemand, wie es in den nächsten Wochen weitergeht - auch weil der Kampf um das Lager im Kern auch ein Streit um Zahlen ist: 800 bis 1000 Flüchtlinge, zumeist Männer, halten sich nach Angaben der zuständigen Präfektur des Département Pas-de-Calais im Südteil des Lagers auf. Sie sollen überwiegend in die modernen Wohncontainer, die vor zwei Monaten am Rand des Lagers errichtet wurden, umgesiedelt werden. Dort ist für etwa 1500 Menschen Platz.

Hilfsorganisationen aber haben im Südteil des Lagers genau nachgezählt und kamen auf rund 3000 Menschen, darunter auch 180 Frauen und Dutzende unbegleitete Minderjährige. Zudem seien die Container jetzt schon voll.

Wenn sie Recht haben, gibt es für Hunderte bald keinen Platz mehr - und die Aktivistin Isabelle wird nicht die Einzige sein, die daran verzweifelt.

Video: Reportage aus dem "Dschungel" (25.02.2016)

Pierre Gautheron
Lesen Sie hier eine Reportage von Christoph Seidler aus dem "Dschungel von Calais".

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