Flüchtlingslager Calais "Sanfte Evakuierung" mit Bulldozern

Als die Räumkommandos mit schwerem Gerät im Flüchtlingslager von Calais auftauchten, kam es zu Krawallen. Beide Seiten geben sich dafür jetzt die Schuld - und die Räumung geht weiter.


Die Behörden hatten ein maßvolles Vorgehen im "Dschungel" angekündigt. In dem Lager von Calais warten Tausende von Flüchtlingen auf ihre Chance, nach Großbritannien zu kommen. Doch stattdessen geriet die Räumung im Südabschnitt des berüchtigten Lagers aus Blech, Paletten und Folien zu einer martialischen Aktion.

"Wir werden keine Bulldozer einsetzen", hatte Innenminister Bernard Cazeneuve versprochen, nachdem die Justiz vergangene Woche einer Teilräumung zugestimmt hatte. "Die französische Regierung will keine brutale Räumung im Südteil der Zone, das entspricht auch gar nicht unserer Art des Vorgehens."

Vertreter der lokalen Behörden erschienen am Montag bei den improvisierten Baracken und forderten die verbliebenen Bewohner auf, ihre Behausungen "binnen einer Stunde" zu verlassen. Derweil fuhren Einsatzfahrzeuge der Bereitschaftspolizei vor, zwei Dutzend Arbeiter einer lokalen Baufirma tauchten auf mit schwerem Gerät und Müllcontainern. Dabei hatten die Behörden eine "sanfte Evakuierung" angekündigt.

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Proteste: Flüchtlinge gegen "Dschungel"-Räumung
Schlagabtausch der Schuldzuweisungen

"Wir sind keine Terroristen", hieß es auf einem Transparent von Migranten, die zusammen mit Vertretern von Flüchtlingsorganisationen Widerstand gegen die Räumung leisteten. Die Situation eskalierte, es flogen Schutt und Steine gegen die Ordnungshüter, die mit Wasserwerfern und Tränengas reagierten. Rund 20 Bretterbuden und Behelfsunterkünfte gingen in Flammen auf, die Feuerwehr war bis in den späten Abend im Einsatz.

Karitative Vereine wie "Die Herberge der Migranten" beklagen einen Tag später das harte Zugreifen und die Unaufrichtigkeit der Behörden: "Die Polizei erschien, um die verbliebenen Flüchtlinge zum Verlassen aufzufordern, und dann wurde prompt alles abgerissen", sagte der Sprecher der Organisation François Guennoc, der Tageszeitung "Le Monde": "Das war brutal und herabwürdigend, ganz im Gegensatz zu den getroffenen staatlichen Verpflichtungen."

Auch Olivier Marteau von Ärzte ohne Grenzen, verantwortlich für das Projekt Calais, äußerte sich empört: "Der Abriss war angekündigt als friedlich und gezielt auf leere Zelte und Unterstände. In Wahrheit waren alle Unterkünfte der Zone neun betroffen, dicht bevölkert und bewohnt, was unweigerlich zu Gewalttätigkeiten führte."

Für die Präfektur kam der Widerstand dagegen nur von "vier oder fünf Migranten", insgesamt wären "zwei Dutzend Menschen in den Behausungen verblieben." Das große Aufgebot der Sicherheitskräfte sei nötig gewesen, um die Arbeit der Sozialarbeiter zu sichern, rechtfertigte Fabienne Buccio, die Präfektin der Region Pas-de-Calais, die Aktion. Den Migranten wurde angeboten, in Wohncontainer der benachbarten "provisorischen Anlaufstelle" umzuziehen.

"Solcher Druck auf die Migranten ist nicht hinnehmbar"

Diese Bemühungen seien aber durch Organisationen wie "No Border" gezielt durchkreuzt worden, behauptete die Polizei. Deren Aktivisten hätten Flüchtlinge beim Besteigen der bereitgestellten Busse behindert. Solcher "Druck auf die Migranten" sei, so die Präfektur, "nicht hinnehmbar." Drei Mitglieder von "No Borders", berichtet der Sender BFM-TV, seien in Polizeigewahrsam genommen worden. "Derartige Auseinandersetzungen nützen niemandem", beschwerte sich der Vertreter einer britischen Hilfsorganisation, "weder Frankreich noch den Flüchtlingen."

Im Südteil des "Dschungels" ging der Abriss der provisorischen Hütten am Dienstag unter dem Schutz der Bereitschaftspolizei weiter. Die Arbeiten der Bagger und Räumfahrzeuge auf dem insgesamt neun Hektar großen Areal werden noch "mehrere Wochen" andauern.

Die Regierung bot den Flüchtlingen an, in eines der landesweit 102 "Orientierungszentren" umzuziehen. Dort werden Asylsuchenden Sprach- und Integrationsprogramme angeboten. Für die Mehrheit der Migranten von Calais ist ein weiterer Aufenthalt in Frankreich jedoch keine Alternative. Ihr Ziel heißt Großbritannien.

Reportage aus dem "Dschungel"

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