Aus für US-Botschafter in Pakistan: Das freundliche Gesicht des Feindes

Von , Islamabad

Nicht einmal zwei Jahre war Cameron Munter Botschafter der USA in Pakistan. Auf dem Tiefpunkt der Beziehungen beider Länder verlässt er nun einen der schwierigsten Diplomatenposten der Welt - wohl auch, weil er mit der Politik des US-Präsidenten nicht einverstanden ist.

US-Botschafter Munter in Pakistan: "Tragische Figur" Zur Großansicht
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US-Botschafter Munter in Pakistan: "Tragische Figur"

Die Mitarbeiter der US-Botschaft in Pakistans Hauptstadt Islamabad erwischte es unerwartet: Am Montagmorgen trat ihr Chef, Botschafter Cameron Munter, vor die Beamten und erklärte, er werde den Posten noch diesen Sommer, nach nicht einmal zwei Jahren im Amt, frei machen.

"Schwierige Botschafterposten werden normalerweise für zwei Jahre besetzt", sagt Munter SPIEGEL ONLINE. "Ich habe mich entschieden, kein drittes Jahr dranzuhängen." Sein Sprecher erklärt, Munter werde im Sommer eine neue Aufgabe übernehmen. Wohin er gehe, darüber denke man in Washington noch nach. Munter war zuvor Vize-Botschafter im Irak und Chef der US-Vertretung in Serbien, davor auf Posten unter anderem in Bonn, Prag und Warschau. Es gebe "einige Möglichkeiten" für seine berufliche Zukunft, sagt Munter.

Doch ganz so harmonisch dürfte das Ende von Munters Amtszeit nicht abgelaufen sein. Gierig greift die pakistanische Presse Informationen aus seinem Umfeld auf, wonach Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung von US-Präsident Barack Obama zu dem Rückzug geführt hätten. Munter war zu einer Zeit oberster Repräsentant der USA, als das Verhältnis Washingtons zu Islamabad auf einen historischen Tiefpunkt sackte.

Der Botschafter konnte kaum durchs Land reisen

Schon bei seiner Amtsübernahme von Vorgängerin Anne Patterson im Oktober 2010 war es nicht gut bestellt um die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Damals sorgte in Pakistan ein Bericht für Unruhe, wonach Washington einen militärischen Schlag gegen das Land erwäge, sollte eine Terrorattacke in den USA nach Pakistan zurückverfolgt werden können.

In den Monaten darauf ging es nur noch weiter bergab:

Vergeblich versuchte der Karrierediplomat, die Wogen zu glätten. Vergeblich, weil Washington mit einem harten Kurs gegenüber Pakistan immer wieder seine Bemühungen konterkarierte, für freundschaftliche Beziehungen zu sorgen. Munter und seine Frau Marilyn Wyatt waren das freundliche Gesicht der USA, das liebenswürdige Paar aus Amerika, das sich aufrichtig für Pakistans Befinden, für die Kultur des Landes interessiert. Das Hilfsgüter nach Naturkatastrophen verteilte und bei Einweihungen von Schulen dabei war.

Munter ließ immer wieder durchklingen, dass er gerne noch viel mehr durch das Land reisen und mit den Menschen reden würde. Das aber ging wegen der Sicherheitslage nicht. Ein US-Botschafter in Pakistan, so die Vorgabe der Sicherheitsleute, kann nicht ohne schwerbewaffneten Tross unterwegs sein. Munter fragte: Wie soll da eine herzliche Atmosphäre zustande kommen?

Ärger über Pentagon und CIA

Es schien, als richte er den Blick nicht nur auf die oft kritisierte hinterhältige Rolle Pakistans, das Terroristen Unterschlupf bietet und sie womöglich finanziell und ideologisch unterstützt. Sondern als habe er auch Verständnis für die Nöte des Landes, dessen Bewohner in großer Mehrheit in Armut und ohne Bildung leben. Amerika müsse deshalb den Handel mit Pakistan verstärken, war eine seiner Forderungen.

Munter, heißt es, befürworte eine offizielle Entschuldigung Washingtons für den tödlichen Luftangriff auf die Grenzsoldaten. Ebenso soll er sich für ein sofortiges Ende der Drohnenangriffe eingesetzt haben und deswegen in seiner eigenen Botschaft mit dem dortigen CIA-Vertreter aneinander geraten sein.

Beides, eine Entschuldigung und einen Stopp des Drohnenkriegs, lehnt die Regierung Obama ab.

Munter geriet dadurch in die schwierige Lage, von beiden Seiten kritisiert zu werden. Unter den Hardlinern in Washington gilt er als zu nachsichtig gegenüber Islamabad, unter führenden Politikern in Islamabad als nicht wirklich durchsetzungsfähiger Vertreter einer in Wahrheit feindlich gesonnenen Regierung in Washington.

Mehreren Berichten zufolge soll der Diplomat vor allem über CIA und das Pentagon verärgert sein, die die US-Politik in Pakistan bestimmten und ihn - und damit das State Department - zum Verwalter degradierten. Er habe keinerlei Einfluss auf das, was die USA in Pakistan täten. Mehrfach soll Munter in Washington dafür geworben haben, mehr für das Ansehen der USA in Pakistan zu tun. Anti-Amerikanismus ist in dem Land weit verbreitet.

Ein Vertreter des pakistanischen Außenministeriums, der namentlich nicht genannt werden will, bezeichnet Munter deshalb als "tragische Figur". "Er hat sich sehr dafür eingesetzt, dass die USA und Pakistan echte Freunde werden. Ob er nun freiwillig geht oder nicht, man muss es leider so sagen: Sein Ziel hat er nicht erreicht."

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Fakten über Pakistan
Staatsgründung
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.


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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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