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Camerons Veto in Brüssel: Auf Wiedersehen, England!

Ein Kommentar von

Der Gipfel von Brüssel ist eine historische Zäsur, der die ewige Harmonie-Heuchelei entlarvt. Großbritannien steht vor der Wahl - will es zu Europa gehören oder nicht?

Europa erwacht und reibt sich die Augen: Die europäische Idee, wie wir sie kennen, ist dabei, sich in Luft aufzulösen. Das große Nachkriegsprojekt eines friedvoll geeinten Kontinents, in dem sich alle Mitgliedstaaten an den Händen fassen, ist vergangene Nacht in Brüssel gescheitert. Europa hat sich in der Not aufgeteilt: Nun gibt es auf der einen Seite das Euro-Europa, das dem deutsch-französischen Führungsanspruch folgt und endlich mehr zusammenwächst, um die Euro-Krise in den Griff zu bekommen.

Und es gibt das Vereinigte Königreich, das danebensteht und nicht mitspielen will.

Das ist neu: Der nächtliche Sowohl-als-auch-Kompromiss, die Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, diese ureuropäische Erfindung, ist abgeschafft. Beim Geld hört die Freundschaft jetzt auf.

Man könnte auch sagen: Europa macht sich endlich ehrlich. Die Krise zwingt die Politik dazu sich von all jenen Ritualen und Heucheleien zu verabschieden, die in den vergangenen Jahren Europa geprägt haben. Die Briten nervten schon seit langem. Immer wollten sie dabei sein, mitreden und mitbestimmen, aber wenn es darum ging, sich wirklich für Europa zu engagieren, dem Euro beizutreten, hieß es von der Insel immer: "No Euro please, we are British!"

Bei den endlosen Europa-Gipfeln wurde dieser Widerspruch immer mit freundlichen Gesten und nettem Getue übertüncht. Doch damit ist es nun vorbei.

Großbritannien, das Mutterland der Realpolitik, das die Europa-Idealisten vom Kontinent immer ein wenig belächelt hat, wird nun ausgerechnet von diesen kontinentalen Idealisten mit einer knallharten realpolitischen Frage konfrontiert: Wollt ihr weiter mitmachen bei diesem geeinten Europa oder nicht?

Klar: Der Kontinent kommt auch ohne die Briten aus

Die Euro-Krise entfaltet kreative Kraft, aus der etwas Neues entsteht. Ein neues Europa. Diese Gebilde nennt Angela Merkel eine Fiskalunion, in Wahrheit ist Europa auf dem Weg in einen Bundesstaat. Deutschland und Frankreich werden diesen Bundesstaat anführen. Das hat die Nacht von Brüssel wieder einmal gezeigt. Aber: Wer führt, muss auch einbinden, großmännisches Getue für die innenpolitische Galerie schadet der Sache.

Das gilt für das Verhältnis zwischen den großen und den kleinen Staaten im Euro-Europa - aber auch für die Beziehungen zu Großbritannien. Der Wunsch ist klar: Natürlich muss Großbritannien beim Euro-Europa mitmachen. Das sollten Merkel und Sarkozy klar sagen.

Der Kontinent kann auch ohne die Briten klarkommen. Aber kann Großbritannien ohne den Kontinent, ohne den Euro in eine gute Zukunft steuern? Will es sich künftig allein auf die Allianz mit Amerika verlassen? Oder auf sein Commonwealth? Wo ist der Platz dieses doch eher kleinen Landes zwischen den großen Mächten China, Russland, Europa, Amerika?

Diese Fragen müssen die Briten beantworten - viel Zeit bleibt ihnen dafür nicht, sonst wird die Geschichte über sie hinwegziehen. Dann heißt es aus europäischer Sicht: Bye, bye England. Für immer. Schöner wäre natürlich: Auf Wiedersehen!

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insgesamt 165 Beiträge
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1. Stimme zu!
Dani 09.12.2011
Eine längst überfällige und notwendige Entscheidung. Eine Nacht die in die Geschichtsbücher eingehen wird..als sich die Spreu vom Weizen trennte. Diese Krise wird sich im Nachhinein noch als Segen herausstellen, da strukturelle Fehler einfach nicht mehr mit Heuchelei und Geld zugekleistern werden können. Es wird sicherlich nicht einfach und vielleicht auch für einige auch schmerzhaft werden, aber am Ende steht eine gesündere, handlungsfähigere, stärkere Union. ...und das ist gut so!
2. Niedriger hängen!
debreczen 09.12.2011
Zitat von sysopDer Gipfel von Brüssel ist eine historische Zäsur, der die ewige Harmonie-Heuchelei*entlarvt. Großbritannien steht vor der Wahl - will es zu Europa gehören oder nicht? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802685,00.html
Huch, wie dramatisch... Haben Sie's nicht ein bißchen kleiner? Von wegen "historische Zäsur". Die Engländer halten nichts vom Merkel-Sarkozy-Plan und lehnen ihn ab. Was alltäglicheres gibt es doch gar nicht. Zum Vergleich: wenn sechsundzwanzig Staaten eine CO2-Grenze für Neuwagen wollen, sagt D auch nein, weil es merkwürdigerweise unsere Industrie ruinieren würde. Daß Malta dafür ist, kann die hiesigen Arbeitnehmer nicht trösten. - Und siehe da: auch diese historische Zäsur ging unbemerkt vorüber. Ich halte übrigens auch nichts vom Merkel-Sarkozy-Plan und lehne ihn ab. Was soll so eine dämliche "Schuldenbremse" schon bringen, und "automatische Strafzahlungen" werden im Zweifel doch nicht eingefordert. Wer pleite ist, kann die nämlich erst recht nicht zahlen, so war es schon bei den Defizitbußen (oder sehen Sie Herrn Barroso bei seinen Parteigenossen in Portugal eine Millionenbuße durchsetzen?). "Schuldenbremse" bedeutet nichts anderes als den Zwang, in Zukunft vorrangig Zinsen zur Befriedigung der "Anleger" zu bezahlen und erst nachrangig die Sozialrentner, Behinderten, Arbeitslosen usw. zu füttern. Toll. Um auf England zurückzukommen: hier rennen anscheinend ein paar besonders stromlinienförmige Propagandisten rum, die bei jeder Gelegenheit auf die Engländer einprügeln. Entweder bezahlte Franzosen - dann wandern Sie doch einfach dorthin aus - oder aber Neidhammel, die den Engländern ihre eigene Währung nicht gönnen. Ach, vielleicht auch einfach Neidhammel, die den Engländern nicht gönnen, daß deren Regierung die Interessen Englands und nicht die Alimentationsinteressen irgendwelcher Auslandsdefizite in den Vordergrund stellt.
3. Sehr erfreulich
bambus 09.12.2011
Es war der große Fehler der Vergangenheit. GB in die EU zu holen. Hier hat sich GB durchgängig als 5. Kolonne Washingtons aufgeführt - und so permanent das Zusammenwachsen behindert. By, by - und bitte erst wieder anklopfen, wenn ihr zu Europa passt.
4.
chubby 09.12.2011
Zitat von sysopDer Gipfel von Brüssel ist eine historische Zäsur, der die ewige Harmonie-Heuchelei*entlarvt. Großbritannien steht vor der Wahl - will es zu Europa gehören oder nicht? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802685,00.html
Nicht Auf wiedersehen aber Tschüss für immer sollen wir meinen.
5. Endlich
fred4712 09.12.2011
Zitat von sysopDer Gipfel von Brüssel ist eine historische Zäsur, der die ewige Harmonie-Heuchelei*entlarvt. Großbritannien steht vor der Wahl - will es zu Europa gehören oder nicht? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802685,00.html
Endlich sind wir (hoffentlich) die Engländer los. Sollen sie glücklich werden mit ihrem Freund USA. Und was Frau Merkel bis dato geleistet hat, verdient meinen Respekt. Habe bisher nicht die CDU gewählt, werde ich aber bei weiterer Standhaftigkeit tun. Gott sei Dank, dass nicht die SPD und die Grünen uns verkaufen durften. Nun fehlt nur noch der Austritt (oder Rausschmiss von Griechenland), und die Banker an die Leine nehmen (mit Stacheldrahthalsband).
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