Von Stefan Simons, Paris
Der erste Auftritt war äußerst diskret: Am vergangenen Mittwoch, wenige Minuten bevor ein etwas nervöser Staatschef Nicolas Sarkozy beim Privatsender TF1 seinen Eintritt in den Wahlkampfring erklärt, schiebt sich Präsidentengattin Carla Bruni ins Bild. Kurz bevor Sarkozy mit Moderatorin und Sarkozy-Ex-Freundin Laurence Ferrari zum Interview anhebt, rückt die treusorgende Ehefrau ihrem Mann den Orden der Ehrenlegion am Revers zurecht: "Das gehört horizontal", stellt sie fest. Und dann, Sarkozy räuspert sich noch einmal, gibt sie dem etwas perplexen Präsidenten noch ein Bussi auf den Mund.
Das 17-Sekunden-Video, das Carla bei ihrer Geste inniger Zuneigung nur von hinten zeigt, taucht auf einer russischen Webseite auf, bevor es - wie es der Zufall so will - dort von TF1 und dem Radio-Sender Europe 1 entdeckt wurde. Seither zirkuliert es im Internet: Der Wahlkampf 2012 hat begonnen, nicht nur für den Herren des Élysée, sondern auch für die Première Dame de France.
Die Wende von der "Präsidentengattin zum Kampagnengroupie", so die Zeitung "Libération", ist kalkuliert, die mediale Arbeitsteilung abgesteckt. Sarkozy mimt den hart zuschlagenden Wahlkämpfer, der sich aggressiv, bissig, gehässig über seinen Kontrahenten François Hollande auslassen darf: "Er lügt von morgens bis abends." Mutter Carla sorgt für die menschelnde Hintergrundmusik - für die Verbreitung der Idylle sorgen Sarkozys Freunde bei Print und Fernsehen - mit einem publizistischen Tsunami.
Wunderwaffe Carla liebt Fußball und natürlich die Tour de France
So wurden die Visionen des Präsidenten ("Meine Werte für Frankreich") schon vor dem Wahlkampfauftakt in der Wochenendbeilage des "Figaro" mit 490.000 Exemplaren unter das Volk gebracht. Jetzt legte die Programmbeilage "TV-Magazine" - Auflage 5,7 Millionen - mit einer weichgespülten Fünf-Seiten Reportage über die Fernsehgewohnheiten der Präsidentenfrau nach. Zugleich durften die 900.000 Leser des Gratisblattes "20 minutes" erfahren, dass Carla ihrem wahlkämpfenden Ehemann "100 Prozent zur Seite steht". Ein Scoop, der außerdem noch im "Parisien" 400.000 Mal nachgedruckt wurde.
Carla als Wunderwaffe für Sarkozy? Offenbar setzen die PR-Manager Sarkozys darauf, dass der unbeliebte Staatschef durch die herzigen Schilderungen der Frau an seiner Seite ein bisschen an Sympathie gewinnt. Dabei geriert sich das Paar nicht mehr wie zu Anfang der Beziehung, als die Bilder der Turteltauben beim Besuch in Disneyland für Hohn sorgten; oder die Ferienfotos in Ägypten, die den Präsidenten in der Macho-Pose eines Latinlovers samt Trophy Woman vorführten. Die beinahe obszöne Zurschaustellung des Privaten ist vorbei: "Wir haben verstanden, wir haben uns beide mehr in Richtung Diskretion gewendet."
Also ist der ausschweifende Star der Hochglanz-Gazetten zur braven Mutti mutiert, statt der wilden Zeiten ("Monogamie langweilt mich"), ist sie die treue Ehefrau des Präsidenten, des Mannes, mit dem sie "das Ende des Lebens" zu verbringen hofft. Wo der Gatte vorgibt, "ein Franzose wie jeder andere zu sein", outet sich Carla im "TV-Magazine" als Durchschnittshausfrau mit den üblichen Sehgewohnheiten: Sie liebt Vorabendserien wie "Desperate Housewives" oder Frankreichs Version "Plus belle la vie", sie begeistert sich für Fußball und erlebt die Tour de France als "überwältigendes Spektakel."
"Seine Ideen sind generell fabelhaft"
Das Ex-Modell, einst politisch eher links verortet, macht das Heimchen am Herd. Nur als Vokalistin reüssiert die klampfende Schlagersängerin derzeit nicht - ihr hingehauchter Schlager "Quelqu'un m'a dit" ("Einer hat mir gesagt") war ja seinerzeit als Ode an den Ehemann interpretiert worden. "Ich würde es ja schon gerne tun", offenbart sie gegenüber "Libération", aber ich weiß nicht, ob der Stil meiner Chansons einer Wahlkampagne entsprechen würde."
Und überhaupt, Privates auf diese Weise mit der Politik zu vermischen wäre ja auch eine unzulässige "Verquickung zweier Sphären". Selbst die bevorstehende ganz und gar öffentliche Gastrolle bei Sarkozys erstem Mega-Meeting in Marseille ist ja eine Premiere: "Ich habe das noch nie im Leben gemacht, Politik interessierte mich vor meiner Heirat nicht, ich begleite ihn als Ehefrau." Nicht professionell, sondern menschlich will sie dem Präsidenten beistehen, denn ihr Mann "wird mich in symbolträchtigen Momenten brauchen."
Deshalb wird sich die Première Dame der Republik mit der Abstammung aus italienischem Adel auch nicht zu Wort melden. "Das macht man ja in Frankreich nicht so sehr und außerdem wäre ich dazu unfähig. Ich verstehe es, auf einer Bühne zu sprechen, das ist mein Metier, aber Politik " Und daher sind ihre Einlassungen selbstverständlich keine Wahlkampfhilfe, sonder nur Treueschwüre zu ihrem angebeteten Mann. "Er ist sehr gut, er hat Erfahrung und Mut. Wenn ich sehe, was in Griechenland passiert, habe ich ein bisschen Angst. Ich fürchte mich aber weniger, weil ich weiß, dass er der Präsident ist."
Und Carla ist sicher, dass ihr Gatte das auch für eine weitere Amtszeit bleiben wird. Trotz Sarkozys Rückstand in den Umfragen: Nein, der Präsident glaubt an seinen Wahlsieg genauso wie sie selbst: "Ich stehe jeden Morgen mit ihm auf, ich gehe jeden Abend mit ihm zu Bett. Ich kenne sehr wenig Leute, die so wenig Zweifel haben." Wirtschaftskrise, Schulden, Arbeitslosigkeit haben den Glauben Carlas offenbar nicht erschüttert, genauso wenig wie sein neuer Ruck nach rechts. "Er hat fünf Jahre lang alles gut gemacht oder fast alles. Ich finde, dass seine Ideen generell fabelhaft sind."
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