Mysteriöser Geldgeber Puigdemonts Schatten

Brüssel, Neumünster, Berlin: Wo immer der abgesetzte Separatistenführer Carles Puigdemont auftaucht, ist Josep Maria Matamala an seiner Seite. Hat der Unternehmer auch das katalanische Referendum finanziert?

Puigdemont und Matamala (in Kopenhagen am 22. Januar 2018)
AFP

Puigdemont und Matamala (in Kopenhagen am 22. Januar 2018)

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Nicht mal sein katalanischer Anwalt ist zu Carles Puigdemont durchgedrungen, aber Josep Maria Matamala steht schon da: vor dem Amtsgericht Neumünster. Hier entscheidet eine Richterin an diesem Märztag über Puigdemonts Freilassung. Stoisch erträgt der 60-Jährige die Fragen der spanischen Journalisten. Sie bedrängen ihn, Matamala geht weiter. Hände in den Taschen, kein Wort, weiter Richtung Amtsgericht. Dort wartet Puigdemont, Matamalas Freund.

Wer ist Josep Maria Matamala? Und welche Rolle spielt er im Fall Puigdemont? Das fragen sich viele, die Puigdemonts Odyssee verfolgen. Wo immer der abgesetzte Präsident nach der Flucht aus Spanien auftaucht: Ständig ist der Unternehmer Matamala an seiner Seite. In Brüssel, Skandinavien, im Auto bei Puigdemonts Verhaftung, in Neumünster - und in Berlin, wo Puigdemont auf sein Auslieferungsurteil wartet.

Ist Matamala "nur" ein echter Freund? Oder gehört er auch zu den mysteriösen Spendern, die das Abspaltungsreferendum im Oktober finanziert haben sollen, wie Puigdemont behauptet? An diesen Fragen hängt Puigdemonts Schicksal. Spaniens Justiz hat seine Auslieferung wegen Veruntreuung von Steuergeldern für das verbotene Plebiszit beantragt. Puigdemont hingegen hat vor dem OLG Schleswig erklärt, die Kosten seien aus privaten Spenden getragen worden.

Josep Maria Matamala, kurz Jami, kommt wie Puigdemont aus Girona im Norden Kataloniens. Er ist mittelständischer Unternehmer und Lokalpolitiker der konservativen Partei Convergencia, in der auch Puigdemont aufgestiegen ist. In den Neunzigerjahren arbeitet Puigdemont noch als Journalist. Matamala beschwert sich über einen Artikel, die beiden Männer lernen sich kennen. Jami und Carles, das passt. Puigdemont ist seit seiner Jugend überzeugter Separatist. Matamala kommt aus einer katalanischen Familie.

Viele Jahre später, Frühjahr 2018: Matamala ist ständig an Puigdemonts Seite. Er ist mit ihm zu Konferenzen getourt, hat ihn im Gefängnis besucht und in der Freiheit empfangen. Sein eigenes Leben stellt er hinten an. Er will auf den alten Kumpel aufpassen, in dessen schwersten Wochen, verlautet aus dem Puigdemont-Lager.

Matamala leistet nicht nur seelischen Beistand. Er hat laut der belgischen Zeitung "L'Echo" die Villa bei Brüssel angemietet, wo Puigdemont bis zu seiner Verhaftung residierte. Das Gebäude soll 4400 Euro Monatsmiete kosten, Puigdemonts Berliner Hotel um die 90 Euro pro Nacht. Woher kommt das Geld? Gehalt kriegt der Politiker seit seiner Absetzung nicht mehr.

Matamala und seine Familie besitzen mehrere kleinere Firmen. Unter anderem verdient der Clan Geld mit Druckereierzeugnissen sowie der Organisation von Veranstaltungen. Die beiden größten Firmen machten 2016 gut 700.000 sowie 1,4 Millionen Euro Umsatz. Nicht üppig.

Puigdemont und seine Leute haben viele Amigos

Matamalas Mittel könnten zwar reichen, um Puigdemont eine Weile über Wasser zu reichen. Die Kosten für das Referendum, für Kampagne, Urnen und Stimmzettel, wird er aber kaum allein gestemmt haben.

Doch Puigdemont und seine Leute haben viele Freunde. Hinter ihnen steht ein Netzwerk mit nationalistisch gesinnten Unternehmern und Zehntausenden Freiwilligen. Diese Community hat das Referendum organisiert und finanziert - so jedenfalls schreiben es die Journalisten Laia Vicens und Xavier Tedó in ihrem Buch "Operació Urnes" ("Operation Urnen").

Es ist eine abenteuerliche Geschichte.

Dem Buch zufolge bestellte ein Unterstützer mit dem Decknamen "Lluis" 10.000 Plastikurnen in China - und ließ sie von Guangzhou nach Marseille verschiffen. Den Kaufpreis, 100.000 Euro, zahlte er aus eigener Tasche. Als die Urnen dann Ende Juli 2017 in Marseille ankamen und sich französische Zöllner über die merkwürdigen Gebilde wunderten, erklärte ein Freund von "Lluis": "Wir wollen das größte Plastikschloss der Welt bauen." Ihre heiße Ware lagerten die Separatisten zunächst im französischen Nordkatalonien, ehe sie die Urnen über die Grenze schmuggelten.

Stimmzettel "Aus Liebe zur Sache" gedruckt

Die Millionen Stimmzettel für das Referendum hätten verschiedene Druckereien gratis hergestellt, erzählt Autorin Vicens: "Deren Eigentümer wollten ihren Beitrag zum Referendum leisten, also haben sie Stimmzettel gedruckt. Aus Liebe zur Sache."

Die Durchführung des Referendums stemmte laut Vicens ein Heer von Freiwilligen aus Katalonien, Frankreich und Andorra. "Die Regierung hat nur den Anstoß gegeben. Mehr wäre zu riskant gewesen." Schließlich war Spaniens Justiz schon gegen Organisatoren eines anderen Plebiszits vorgegangen, das mit Staatsmitteln finanziert wurde. Puigdemonts Vorgänger Artur Más und Mitstreiter wurden verurteilt, mehr als fünf Millionen Euro zu bezahlen.

Vicens' und Tedós Buch stützt Puigdemonts Version der privaten Spender. Aber stimmt sie wirklich? Die katalanische Zeitung "Ara", Arbeitgeber der beiden Journalisten, steht den Separatisten nahe. Und die haben großes Interesse, dass sich die Geschichte vom hehren Heer der Freiwilligen verbreitet. Denn die Richter am OLG haben Zweifel an der angeblichen Veruntreuung geäußert. Es sei denkbar, schrieben sie, dass Referendumskosten "entweder tatsächlich gar nicht mehr, jedenfalls nicht mehr aus öffentlichen Mitteln oder sogar aus privaten Spenden bezahlt wurden."

Ob die Schleswiger Richter den Ex-Regionalpräsidenten wegen Veruntreuung ausliefern oder nicht, hängt von den Dokumenten und Erläuterungen ab, die Spaniens Justiz ihnen nachreichen sollte. Der Ausgang ist offen. Aber was immer mit Puigdemont geschieht: Jami Matamala wird ihm treu zur Seite stehen.

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Das dazu 29.04.2018
1. Seltsame Angaben
Man muss sich fragen, was es Jami bringt, diese Sache zu finanzieren. Wieso helfen angeblich Andorrianer bei diesem Referendum? Alles aus Liebe zu Katalonien? Das glaubt doch kein Mensch. Viel wahrscheinlicher erscheinen da doch die Geschichten vom geparkten Schwarzgeld in Andorra und der spanischen Steuer, die da nachspürt.
Mallorquinsky 29.04.2018
2. Kein Wunder
Matamalas Firmen allen voran Incatis, beziehen die die meisten Aufträge von der Stadt Girona und der Generalitat de Catalunya. Es wäre schön gewesen dies im SPON Artikel zu erwähnen.
Werner Koben 29.04.2018
3. großes Interesse
"Die katalanische Zeitung "Ara", Arbeitgeber der beiden Journalisten, steht den Separatisten nahe. Und die haben großes Interesse, dass sich die Geschichte vom hehren Heer der Freiwilligen verbreitet." --- Die katalanischen Separatisten und die Regierung in Madrid behaupten in bemerkenswerter Einmütigkeit, daß das Referendum nicht aus öffentlichen Geldern finanziert wurde, während das Oberste Gericht in Madrid das Gegenteil behauptet. Sie glauben doch nicht im Ernst, Herr Hecking und Herr Lüdke, daß eine der drei Parteien an der eigenen Version KEIN "großeres Interesse" hat.
MiguelD.Muriana 30.04.2018
4. Privates Referendum?
Ein Möchtegern Noch-Präsident ließ sein Möchtegern-Referendum für einen Möchtegern-Staat privat finanzieren. Er ließ sich also von nationalistischen Amigos bezahlen. Sollte kein einziger Angestellter des öffentlichen Dienstes, inklusive Polizisten, zum Möchtegern-Referendum abgestellt worden sein, hätte Puidgemont wohl keine Verunteuung begangen. Dann wäre aber klar, dass er durch und durch korrupt ist. Annahme von Geschenken, auch für Dritte (die Sache) ist Korruption. Das Vorgehen der Amigos hat dann auch nichts mehr mit Politik und Volkswillen zu tun. Hier will sich ein reicher Privatmann gleich einen ganzen Staat erkaufen. Die katalanische Amigo-Affäre ist damit noch unbegreiflicher als bislang angenommen!
deb2011 30.04.2018
5. Abartige Sprache
"nationalistisch gesinnten Unternehmern" - kann es vielleicht sein, dass es sich hier um Unternehmer handelt, die ihr Vaterland lieben?
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