Carles Puigdemont Wieder Haupt(selbst)darsteller

Carles Puigdemont will nach seiner Freilassung Quartier in Berlin beziehen. Vielleicht kann er hier hochkarätige Politiker für die katalanische Sache gewinnen?

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Aus Berlin berichtet


Und dann kommt er. Der Held derjenigen Katalanen, die sich entrechtet fühlen. Der "President", wie ihn seine Getreuen noch immer titulieren: fast ein halbes Jahr, nachdem er abgesetzt wurde. Samstag, Mittagszeit, Berlin : Carles Puigdemont bahnt sich seinen Weg durch das völlig überfüllte Veranstaltungshaus "aquarium" im Stadtteil Kreuzberg. Er schüttelt Hände, lächelt in Kameras, dann setzt er sich vor die Mikrofontraube. Der dunkle Anzug und die blaue Krawatte sitzen perfekt wie bei einer Fernsehansprache. Hinten in der Menge applaudieren seine Fans.

Puigdemont ist wieder der Star. Wie im katalanischen Herbst. Und wie bei seinem ersten Presseauftritt als so genannter "Präsident im Exil" in Brüssel. Damals hatte er gerade der spanischen Justiz ein Schnippchen geschlagen. War ihr entflohen, bevor sie ihn inhaftieren konnte. Aber nach dem ersten Hype wurde es in Brüssel ruhiger um ihn. Europas Mächtigste schenkten ihm kaum Gehör. Niemand von ihnen zeigte Sympathien für ein unabhängiges Katalonien. Und in der Heimat konnten ihn seine Getreuen nicht wieder wählen, sie suchten nach anderen Kandidaten. Puigdemont wurde nach und nach zur Randfigur.

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Doch jetzt wollen alle wieder was von ihm wissen. Zu verdanken hat er das Spaniens Oberstem Gerichtshof. Erst brachte die aus Madrid angeordnete Verhaftung in Schleswig-Holstein Puigdemont zurück in die Schlagzeilen. Und jetzt ist er frei, auf Kaution, vorläufig. Aber den Hauptanklagepunkt, die vom spanischen Obersten Gerichtshof beantragte Auslieferung wegen gewalttätiger Rebellion will das OLG Schleswig nicht einmal näher prüfen - so weit hergeholt ist der Gewaltvorwurf. Es ist die perfekte Vorlage für Puigdemont, sich als Opfer einer politisierten spanischen Justiz darzustellen.

Puigdemont will in Berlin bleiben, solange das Verfahren läuft

Bei seinem letzten Treffen mit Premierminister Mariano Rajoy habe er gefragt, ob Spanien ein Projekt für Katalonien habe, erzählt Puigdemont in Berlin. "Die Antwort war: nein. Jetzt sehen wir Repression, Gefängnis, Prozesse." Die Gewalt sei vor allem von der spanischen Polizei ausgegangen, die beim Abspaltungsreferendum wehrlose Bürger angegriffen habe, behauptet der Katalane. Dass das Referendum verfassungswidrig war, dass seine Separatistenregierung reihenweise Gesetze gebrochen hat, dass sich Hunderttausende Bürger, die bei Spanien bleiben wollen, im Herbst unterdrückt und entrechtet fühlten, erzählt der Ex-Präsident nicht. Danach fragt ihn auch keiner hier in Berlin.

Nach den ursprünglichen Plänen sollte er schon am Freitag auftreten: in Neumünster, in der Stadthalle. Aber die Bühne war ihm wohl zu klein. Noch am selben Abend hat er sich in die Hauptstadt fahren lassen. Hier will er Quartier beziehen, so lange das Verfahren in Schleswig läuft, obwohl er sich dort regelmäßig melden muss.

Wo genau in Berlin werde er wohnen, fragt eine Journalistin. Puigdemont antwortet: "Die Polizei weiß das." Und alle lachen.

Berlin, sagt Puigdemont, sei "eine der interessantesten Städte Europas". Ganz besonders für seine Zwecke. Seit Langem will Puigdemont hochkarätige deutsche Politiker für die katalanische Sache gewinnen. Bislang klappt das nicht so recht. Im Gefängnis von Neumünster besuchten ihn bloß Bernd Lucke und zwei Linken-Abgeordnete.

Neuer Präsident Kataloniens solle Jordi Sánchez werden

Puigdemont sitzt entspannt in seinem Sessel, immer wieder blickt er hoch in die Objektive. Er spricht völlig frei, ohne Manuskript und abwechselnd in drei Sprachen: Katalanisch, Englisch und Spanisch. Vieles hat er ja schon Dutzende Male so gesagt. Madrid müsse auf die Dialogangebote aus Barcelona eingehen. Es brauche unabhängige Vermittler. Und: Neuer Präsident Kataloniens solle Jordi Sánchez werden. Der in Madrid inhaftierte Ex-Chef der separatistischen Bürgerbewegung ANC ist ein Vertrauter Puigdemonts.

Nach knapp 40 Minuten beendet der Pressesprecher die Fragerunde, Puigdemont geht nach draußen. Sobald die Kameraleute bereit sind, überreichen ihm Anhänger Tulpen: katalanisch-gelbe Tulpen natürlich. Puigdemont schlendert mit den Blumen in der Hand ein paar Dutzend Meter durch den Kiez in der Nähe des Kottbusser Tors, umringt von Parteifreundinnen und -freunden mit gelber Schleife am Revers. Das wird schöne TV-Bilder geben. Dazu rufen die Claqueure auf Katalanisch: "Unser Präsident! Unser Präsident!". Auf einer Grünfläche zwischen Wohnblöcken stellen sich die Separatistenpolitiker vor den Kameras auf. Dann singen sie gemeinsam die katalanische Hymne. Mittendrin Puigdemont.

Danach geht er zum Hintereingang des Veranstaltungshauses. Ein paar letzte Selfies mit Groupies, dann geht er hinein. Nur seine Leute dürfen ihm diesmal folgen. Die Tür schlägt zu, das Spektakel ist vorbei.

Und Carles Puigdemont, der längst entmachtete Ex-Präsident, ist abermals der Hauptdarsteller in diesem politischen Spiel.



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fotos 07.04.2018
1. Danach fragt Puigdemont keiner in Berlin.
"Dass das Referendum verfassungswidrig war, dass seine Separatistenregierung reihenweise Gesetze gebrochen hat, dass sich Hunderttausende Bürger, die bei Spanien bleiben wollen, im Herbst unterdrückt und entrechtet fühlten, erzählt der Ex-Präsident nicht." Ich hoffe er wird an Spanien ausgeliefert.
stuhlsen 07.04.2018
2. Apropos hochrangige Politiker
Die gute Frau Barley, ihres Zeichens neue Justizministerin, ist in ihrem Amt noch nicht ganz angekommen. Erst bestellte sie hochrangige Facebook-Vertreter in ihr Amt, gekommen ist der Briefträger von Zuckerberg. In der Sache hier hat sie sich anfangs richtig verhalten, sich zurückgehalten und auf die Rolle der Justiz verwiesen. Kaum war die Freilassung durch, lobte sie das Gericht in höchsten Tönen. Tollpatschiger geht es wirklich nicht. Wenn Puigdemont mit "hochrangigen" deutschen Politikern über sein Anliegen reden will, sollte er es mit dieser guten Frau nicht machen.
Rio Sonnenschein 07.04.2018
3.
Zunächst einmal fände ich es gut, wenn er hier politisches Asyl bekäme. Ich bin auch gegen eine Abspaltung Kataloniens, damit würden sich die Katalanen wirtschaftlich schön ins eigene Knie schießen, aber wenn ein Asyl dazu angetan wäre, etwas Druck aus der angespannten politischen Situation zu nehmen, dann hielte ich das für unterstützenswert. Vielleicht erinnern wir uns auch einmal daran, wofür das Asylrecht eigentlich mal gedacht war: für politisch Verfolgte. Puidgemont ist so einer. Edward Snowden übrigens auch. Heute verbindet man das Wort "Asyl" eher mit Kleinkriminellen und religiösen Fanatikern. An dieser Stelle wäre ich für ein Asyl, dafür zahle ich gerne meine Steuern.
helmud 07.04.2018
4. Was hat der in seinem Kopf?
Katalonien kann alleine nicht existieren und Spanien würde durch eine Abspaltung stark geschwächt und zu einer zusätzlichen Last für den Euro-Raum. Wir sollten ihn so schnell wie möglich nach Spanien ausliefern, denn Spanien ist ein Rechtsstaat und wer deren Verfassung, zumal als hoher Amtsträger, missachte, muss auch die Konsequenzen für sein Verhalten tragen. Spanien ist zuständig und Deutschland nicht die Bühne um den internen Konflikt der Spanier weiter aufzuheizen..
lala10 07.04.2018
5.
Ich verstehe die deutsche Justiz nicht.kann auch nicht verstehen das er in Deutschland ein Forum bekommt.Würde gerne die ganzen pro Katalonien versteher mal hören wenn Bayern und Baden-Württemberg sich abspalten wollten.Was gesetzlich genauso wie in spaniensgrundgesetz nicht möglich ist.
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