US-Kriegsreporter Gentile Und dann stand da dieser Mann mit der Panzerfaust

Jahrelang berichtete der US-Videojournalist Carmen Gentile aus dem Irak und Afghanistan. Dann kam er bei einem grausamen Angriff fast ums Leben. Jetzt erzählt er erstmals seine Geschichte.

Carmen Gentile

Von , New York


Carmen Gentile spürte es. "Irgendwas stimmt hier nicht", dachte er sich. Der amerikanische Videojournalist war gerade mit US-Soldaten in Gewi angekommen, einem Dorf im Osten Afghanistans. Während er eine Gruppe Afghanen interviewte, merkte er, wie die Kinder ringsum fortrannten und auch die anderen Dorfbewohner verschwanden. Ein böses Omen.

Langsam drehte Gentile den Kopf: Nicht weit entfernt stand ein Mann mit einer Panzerfaust. Es zischte. Für ihn stand die Zeit kurz still, dann traf ihn das Geschoss - direkt in den Kopf. Das Video lief weiter.

Fotostrecke

9  Bilder
US-Kriegsreporter Carmen Gentile: Plötzlich war es still, dann kam der Knall

Das Geschoss detonierte nicht, Gentile überlebte. Doch er verlor das halbe Gesicht und ein Auge, hat Operationen und Traumata durchgemacht und sein Leben mühsam neu begonnen. Fast acht Jahre später sitzt er nun in einem Fernsehstudio im Rockefeller Center - vor der Kamera. NBC-Moderatorin Megyn Kelly befragt ihn zu seinem Leidensweg und spielt auch das horrende Video ab. Das Publikum raunt.

Gentile, der die Aufnahmen erst zum zweiten Mal in voller Länge sieht, lächelt gequält. "Das war hart", sagt er kurz darauf im Gespräch mit dem SPIEGEL. Diesen Moment erneut zu erleben, habe viele Wunden wieder aufgerissen: "Rohe Emotionen, die schwer zu verarbeiten sind."

Mit bald 17 Jahren ist der Afghanistan-Krieg der längste Krieg der US-Geschichte, doch die Öffentlichkeit zeigt kaum noch Interesse. Bis zu 67.000 Menschen kamen dort bisher ums Leben, fast die Hälfte Zivilisten. Noch weniger beachtet: Mindestens 59 Journalisten und Medienmitarbeiter starben ebenfalls, davon allein zehn am Montag bei einem Anschlag in der Hauptstadt Kabul.

Ein zynischer Adrenalinjunkie

Auch Gentile, 43, wäre um ein Haar Teil dieser Statistik geworden. Jahrelang hat er still damit gerungen. Jetzt erzählt er erstmals seine Geschichte - in einem Buch und in Interviews, die nicht nur seine eigene Odyssee offenbaren. Sondern auch die vieler namenloser Reporter, die Leib und Leben riskieren, damit die Welt nicht vergisst, was in Afghanistan und anderswo geschieht.

"Ich hoffe, dass ich die Leute dazu bringen kann, wenigstens ein bisschen zu verstehen, was andere in Afghanistan ertragen", sagt er. "Und warum Journalismus so wichtig ist."

Über Jahre berichtete Gentile als "Embed" - in einer US-Einheit "eingebetteter" Journalist - für die "New York Times", "USA Today", "Time" und andere aus dem Irak und Afghanistan. Er war ein zynischer Adrenalinjunkie. "Schlecht durchdachte Abenteuer", nennt er das in seinem Buch "Blindsided by the Taliban: A Journalist's Story of War, Trauma, Love, and Loss". Zugleich waren diese Abenteuer eine Ablenkung von seinem persönlichen Chaos aus Drogensucht, gescheiterten Beziehungen, Einsamkeit, Wut. "Meine größte Angst", würde er später erkennen, "bin ich."

ANZEIGE
Carmen Gentile:
Blindsided by the Taliban

A Journalist's Story of War, Trauma, Love, and Loss

Skyhorse Pub; 240 Seiten; 21,49 Euro

Nach einem Abstecher ins erdbebenzerstörte Haiti landete Gentile 2010 erneut in Afghanistan, dem ewigen Krieg. Er versuchte die Sinnlosigkeit in seinen Videoberichten festzuhalten, aber auch die Geschichten der jungen Männer, die ihn kämpfen, und der Zivilisten, die ihn erdulden.

Depressionen, Schlaflosigkeit, Albträume

Dann kam der 9. September 2010. Gentile beschreibt den Panzerfaustangriff fast klinisch, mit Galgenhumor. Seine rechte Gesichtshälfte war zerschmettert, sein Auge kaputt. Er wurde ausgeflogen, und eine lange Konvaleszenz begann.

In mehreren Operationen schmiedeten die Ärzte seine Knochen mit vier Titanplatten wieder zusammen und schafften es, dass er das Auge nicht ganz verlor. Er bekam eine Augenklappe, fand sie bald sogar cool.

Die anderen Narben heilten langsamer. "Alles an mir ist kaputt", schreibt er einmal. Depressionen, Schlaflosigkeit, Albträume, die immer mit seinem Tod endeten: Jedem Kriegsversehrten dürfte das bekannt vorkommen. Auch seine Karriere schien beendet.

Eines Tages schickte ihm das Militär eine Kiste mit den "Relikten meines früheren Lebens", darunter stinkende Socken, sein Laptop - und die Videokamera. Er brauchte Monate, um sich die Aufnahmen anzusehen, und tat es auch nur ein einziges Mal - bis jetzt, im TV-Studio, wo er auch die Augenklappe kurz abnimmt, obwohl ihn selbst Sonnenlicht heute schmerzt.

"Manche Sachen werden mich für den Rest meines Lebens verfolgen"

Monatelang schrieb er am ersten Entwurf seiner Memoiren, der Durchbruch kam auf einer einsamen Hütte im tiefsten Pennsylvania. Drei Jahre dauerte es dann noch, bis er einen Verlag gefunden hatte - ein langer, therapeutischer Weg zur Selbsterkenntnis. "Es half nicht gegen alles", sagt er. "Manche Sachen werden mich für den Rest meines Lebens verfolgen."

Nach langem Vagabundieren durch die USA fand Gentile in Kroatien eine neue Heimat. Trotzdem kehrte er wieder als Reporter nach Afghanistan zurück, und gerade erst war er im Irak, wo er mit dem Motorrad durchs zerstörte Mosul fuhr. Er ist aber vorsichtiger geworden, nicht zuletzt, weil er mittlerweile verheiratet ist und eine zweijährige Tochter hat.

"Ich kann mich nicht mehr nur um mich selbst drehen", sagt er. "Doch es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen."



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
loboloco 06.05.2018
1. Pimp it up!
Am besten ist der Kommentar eines G.I.s zum Zustand des Verwundeten, zu hören auf dem orig. footage... ‚Not so bad‘! Aber das klingt wohl zu sehr nach Soldatenalltag, unter Kollegen nicht sexy genug & noch ohne Augenklappe... Peace. ;-]w
crewmitglied27 06.05.2018
2. Nicht nachzuvollziehen,
was diese Werbung für das Buch des Amerikaners soll. Ein Adrenalinjunkie, der offensichtlich die harte Tour brauchte um seine Lektion zu lernen. Sinnvoller wäre die Frage nach den wirklichen Gründen der Besetzung von Afghanistan. Das es nineleven nicht gewesen sein kann, wissen ja inzwischen wohl alle. Was ist also der Grund für fast 40 Jahre ununterbrochener Besetzung dieses Landes? Es müssen endlich alle fremden Mächte aus Afghanistan abziehen. Das Land braucht Ruhe vor den Heilsbringern aus Ost und West. Die Bundeswehr kann dann eben wieder in Munster üben. Die hat nämlich hier einen Job, der Landesverteidigung heißt.
hornochse 06.05.2018
3. Seit 222jahren
befindet sich die USA im Krieg mit anderen Ländern ergo 93% der Gesamtzeit seit Gründung. Also gerade mal 17 Friedensjahre seit Staatsgründung. Gegenwärtig führt die USA mit 14 Ländern Krieg. Wenn man die Auseinandersetzung mit den Indianern einbezieht ist das der längste Konflikt der USA.
gogger 07.05.2018
4. Verharmlosung gegenüber Verletzten ist das normalste der Welt
@#1:loboloco Es ist das normalste der Welt, wenn ein Ersthelfer/Sanitäter einem (Schwer-) Verletzten gegenüber, dessen Verletzung als "nicht so schlimm" bezeichnet. Jeder Fahrschüler lernt beim Erste-Hilfe-Kurs, daß man einen Verletzten : 1) nicht alleine lässt, 2) wenn möglich, seine Hand hält, um ihm das Gefühl zu geben, daß man für ihn da ist (gilt ganz besonders in Fällen, wo der Verletzte nichts mehr sehen kann), wie ebenfalls hier im Video zu sehen. 3) über den möglichen Grad seiner Verletzung und deren Folgen (Merke: es handelt sich bei Ersthelfern i.d.R. nicht um ausgebildetes Fachpersonal mit ärztlichem Hintergrund, jede Einschätzung einer Verletzung von dieser Seite darf daher grundsätzlich angezweifelt werden) nur beschönigend "informiert". Äußerungen, wie "nicht so schlimm", "das wird schon wieder", das kommt alles wieder in Ordnung" sind also angebracht, um den Verletzten nicht noch zusätzlich in Panik zu versetzen. Ihrem Kommentar darf ich wohl entnehmen, daß Sie gegenüber Herrn Gentile eher Sätze wie "Wow, dude! That face is raw hamburger meat...if you could see that...oh man, I bet you can't because that eye is really fucked up...oh wow...!" verwendet hätten. Was sicher auch eine mögliche Reaktion wäre...nur leider die komplett falsche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.