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Castros Abschied: Ende der Ära Fidel

Fidel Castro hat 47 Jahre lang regiert – länger als es die DDR überhaupt gegeben hat. Der Abtritt von der politischen Bühne fällt nicht nur dem Comandante en Jefe schwer, findet Kuba-Experte Bert Hoffmann, sondern dem Land insgesamt.

Hamburg - Als sich Fidel Castro vor anderthalb Jahren einer Notoperation unterziehen musste, übergab er die Amtsgeschäfte an seinen Bruder und Stellvertreter Raúl – allerdings nur "vorläufig", wie seitdem immer wieder betont wurde. Nun deutet der Comandante erstmals an, dass daraus ein "endgültig" wird: "Meine elementare Pflicht ist es nicht, an Ämtern zu kleben und schon gar nicht, den Weg für Jüngere zu verstellen."

Kubas Fidel Castro (Archivbild von 1978): Das Abtreten von der politischen Bühne fällt ihm schwer
REUTERS

Kubas Fidel Castro (Archivbild von 1978): Das Abtreten von der politischen Bühne fällt ihm schwer

Für einen 81-Jährigen eigentlich keine nachrichtenwerte Einsicht. Für diesen 81-Jährigen schon.

Noch vor wenigen Wochen war Fidel Castro erneut als Kandidat für das im Januar zu wählende Parlament nominiert worden. Politbüromitglieder hatten bereits begonnen, die Bevölkerung auf das deprimierende Schauspiel vorzubereiten, dass das Parlament einen Schwerkranken in ein Amt wiederwählt, dessen Ausübung er seit anderthalb Jahren delegiert hat. Fidel Castros jüngste Botschaft markiert hier einen Schwenk: Sie bereitet, so darf man annehmen, die Bevölkerung darauf vor, dass das neue Parlament nicht Fidel Castro, sondern Raúl Castro auch formell ins oberste Amt von Staat und Regierung wählen wird. Kurz gesagt: Auf das Ende der Ära Fidel.

Seit der Erkrankung des Comandante en Jefe lag die Führung Kubas in einer brüderlichen Doppelspitze: Die Regierung unter Raúl lenkte zwar die Tagespolitik, aber Fidel Castros Schatten blieb immer präsent.

Kein Schritt, keine Maßnahme überschritt den Rahmen dessen, was der kranke Comandante en Jefe als sein Erbe versteht. Trotzdem war der atmosphärische Wandel erheblich: Raúl schaltete die ideologischen Kampagnen seines Bruders drei Gänge tiefer, sprach über die mangelnde Effizienz der Betriebe und die unzureichenden Löhne der Arbeiter. Damit ist der jüngere, so wenig charismatische Bruder sehr viel näher an der Stimmung im Volke als Fidel Castro. Der wollte zuletzt nur noch über den Lauf der Welt reden, den Imperialismus und die globalen Probleme - aber nicht davon, dass die Wechselstuben des sozialistischen Staates den durchschnittlichen Peso-Lohn noch immer in ganze zwölf der an den US-Dollar gekoppelten Devisen-Pesos tauschen.

Raúl Castro ist kein "Fidel II" - und versucht auch nicht, dessen Rolle zu imitieren. Er ist ein nüchterner, bürokratischer, vielleicht auch pragmatischer Sachwalter des kubanischen Sozialismus, kein Volkstribun. Die Revolution, so das Credo Raúl Castros, muss sich nicht nur in den Reden von der Tribüne, sondern auch auf den Essenstischen der Kubaner beweisen.

Dass das sozialistische Kuba den Zusammenbruch der Sowjetunion überlebte, verbuchte Fidel Castro als Erfolg seiner Standfestigkeit. Und mit dem Venezuela unter Hugo Chávez erwuchs in den zurückliegenden Jahren ein mächtiger Verbündeter, durch den Fidel Castro nicht mehr als "letzter Dinosaurier" des vergangenen, sondern als "Elder Statesman" des kommenden Sozialismus erscheinen konnte. Doch die Regierung um Raúl Castro weiß, dass es dabei um mehr geht, als die sprudelnden Petro-Dollars aus Venezuela zu verteilen. Es braucht dafür Änderungen an Strukturen und Mechanismen in der kubanischen Wirtschaft.

Doch die Reformen, die zur Umsetzung nötig wären, bleiben noch vertagt. Wie es ein kubanischer Kader kürzlich im privaten Gespräch formulierte: Solange der Papst nicht beerdigt ist, halten die Kardinäle still.

Dabei ist Fidel Castro kein Papst auf Lebenszeit - sondern ein Regierungschef, der sich zwar nicht pluralistischen Wahlen stellt, aber dessen Herrschaft sich doch – so die Botschaft hinter der Botschaft - in Amtszeiten misst. Während Freund und Feind sich schon im Warten auf die "biologische Lösung" eingerichtet zu haben schienen, sieht es nun doch nach einer politischen Lösung zu seinen Lebzeiten aus: Voraussichtlich wird das Anfang des kommenden Jahres neu zusammentretende Parlament Fidel Castro mit einem der längsten Applaus-Leistungen der Geschichte danken – und Raúl Castro zum Staatschef wählen.

Kurzfristig wird sich wenig ändern. Die Regierung wird die Kontinuität betonen, und auch die Bevölkerung hat in vielen Jahren Geduld gelernt. Allerdings ist der Hunger nach einer Verbesserung der Lebensumstände unübersehbar - auch wenn Raúl Castro die Bevölkerung schon mehrfach vor "überhöhten Erwartungen" gewarnt hat. Die Führungselite in Havanna weiß, dass die auf Fidel Castro folgende Regierung sehr viel mehr als die des Comandante en Jefe an ihren konkreten Resultaten gemessen werden wird. Gleichwohl fürchtet sie, dass anfangs begrenzte Reformen eine Eigendynamik entwickeln können, die ihrer Kontrolle entgleiten könnte.

Zudem weiß Raúl Castro auch, dass der Schatten seines Bruders nicht einfach verschwindet, wenn dieser kein formelles Amt mehr bekleidet. Nicht zufällig ist die von der Regierung zurzeit flächendeckend im Stadtbild und den Medien verbreitete Leitparole ein Fidel-Zitat: "Revolution", so heißt es da, "bedeutet all das zu ändern, was geändert werden muss."

Was jeder lesen kann, wie er will.

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