Von Carolin Lohrenz
98 Prozent Zustimmung. Tausend wundgeklatschte Hände. Tränen in den Augen der alten und neuen Vorsitzenden... Das Bild war so schön, dass diverse Artikel über die Wiederwahl Angela Merkels an die CDU-Spitze mit dem Hinweis auf "Mutti gets emotional" eröffnet wurden.
Angesichts des Ergebnisses des CDU-Parteitags, das quer durch Europas Kommentarspalten auch als "DDR-reif" bezeichnet wurde, ließ "Die Presse" in Wien jeden Republikanismus dahinfahren. Sie titelte "Angela I. Regina Germaniae et Europae", sprach von "Huldigung" und "präsidialem Schweben".
Nach der raschen Entzauberung von Frankreichs Präsidenten François Hollande ist Merkel auch in Europa wieder die unbestrittene Führungsfigur. Niemand hätte der Physikerin dieses Durchhaltevermögen zugetraut, als sie vor zwölf Jahren die CDU übernahm.
"Die Presse", Wien, 5. Dezember
Wie viele Zeitungen notierte der "Guardian" in London die ungewohnte Gefühlsregung der Kanzlerin.
Man hätte sie für eine Schülersprecherin halten können, die ihre Antrittsworte an die Kameraden richtet: eine noch ein wenig schüchterne und unerfahrene Person, die vor dem herzlichen Applaus nicht wusste, wohin mit sich.
"The Guardian", London, 4. Dezember
Sie sei nicht redegewandt wie Winston Churchill, gibt "La Vanguardia" in Barcelona dazu. Aber:
Sie weiß jedoch, wie man Menschen anspricht und einen Europa-Diskurs aufbaut, auch wenn es dann Streit gibt. Angela Merkel schafft das mit der überwältigenden Autorität, die ihr das größte europäische Land verleiht: Mehr als 97 Prozent der CDU halten sie für die richtige Kanzlerkandidatin, 70 Prozent der Deutschen sind mit der Politik der Bundeskanzlerin einverstanden. Und gerade hat sie mit wenig interner oder externer Opposition die Unterstützung für den Euro verdoppelt. All das in ihrem Tempo.
"La Vanguardia", Barcelona, 6. Dezember
Merkel und die Regierung stünden weniger im Kreuzfeuer der Kritik, meint auch der "Corriere del Ticino" . Ob das nun an den steigenden Beliebtheitswerten liege, oder an der Tatsache, dass sich die "Krisenpolitik Berlins heute als wirksam erweist".
Wenn der Euro nichtsdestotrotz immer noch existiert und auf den, zugegeben, sehr schwachen Märkten ein Hoffnungsschimmer auszumachen ist, dann verdanken wir das vor allem der deutschen Politik. [...] Wenn noch jemand in Europa die Triftigkeit der deutschen Politik anerkennt, würde das auch der Schweiz guttun.
"Corriere del Ticino", Muzzano, 5. Dezember
Trotzdem habe all der Jubel, der Merkel entgegenschlage, auch eine Kehrseite, findet der Wiener "Standard".
Er übertönt die Stille hinter der CDU-Vorsitzenden und Kanzlerin. Denn wer genauer hinsieht und hinhört, der sieht auch die Probleme der Union. Sie kommt in den Großstädten nicht mehr an, sie hat kein schlüssiges Konzept gegen Altersarmut, es ist unklar, wie sie ihre Energiewende schaffen will. Viele in der Partei verlassen sich mittlerweile zu sehr auf den Glanz von Merkel. Das aber ist das Gefährliche an Traumfrauen.
"Der Standard", Wien, 5. Dezember
In konservativ katholischen Redaktionen in Warschau bereitet eine andere Entwicklung Sorge. Merkels CDU wende sich von christlichen Werten ab, schreibt die "Rzeczpospolita". Allein die Diskussion über die Gleichstellung homosexueller Paare zeige, dass die Partei zur Verbreiterung ihrer Wählerbasis gezwungen sei.
Jahrelang hat die CDU ihre christlichen Wurzeln betont. Jetzt hat sie ein Problem damit. Auf der einen Seite versuchen Köpfe wie Angela Merkel, dass Image einer Partei zu bewahren, die von christlichen Werten geleitet wird. Auf der anderen Seite zwingt die wachsende Säkularisierung der Gesellschaft sie zu Kompromissen mit Wählern, die den Grundprinzipien von Deutschlands und Europas größter christlicher Partei nicht nahestehen. In der Spitze der CDU sitzen immer weniger Katholiken. Ihr Kopf ist eine geschiedene Protestantin. Der Generalsekretär und Fraktionschef sind Protestanten.
"Rzeczpospolita", Warschau 5. Dezember
Ein wenig mehr Rosa in der Basis und Parteispitze gilt der Turiner "Stampa" dagegen als Trumpf vor der Bundestagswahl.
Nach Kohls Mädchen kommen nun Merkels Mädchen. Zwei der fünf Parteivizes sind Frauen. Die drei männlichen Vizevorsitzenden dagegen gehören der Vergangenheit an oder sind damit beschäftigt, den durch schwere Wahlniederlagen geschwächten Ländersektionen neuen Mut zu geben. An der Basis sind 125.000 Mitglieder von 480.000 weiblich, heißt 26 Prozent. Der Frauenfaktor könnte sich positiv für die CDU auswirken, gerade wo der SPD-Konkurrent Steinbrück bei den Frauen nicht gerade gut ankommt.
"La Stampa", Turin, 5. Dezember
Und selbst wenn Steinbrück es schaffen sollte, so heiße ein Machtwechsel in Berlin noch lange nicht Richtungswechsel in Europa, schreibt die "Financial Times" . Das Londoner Finanzblatt wirft der SPD "intellektuelle Unehrlichkeit und Mangel an politischem Mut" vor.
Die SPD findet immer eine fadenscheinige Erklärung, warum es richtig war, Angela Merkel zu einem bestimmten Zeitpunkt zu unterstützen. Am Ende hat die SPD die gesamte Politik der Bundeskanzlerin befürwortet. Jedes Mal, wenn die Sozialdemokraten das Bedürfnis verspüren, sich verantwortlich zu fühlen, billigen sie die falsche Politik. Die SPD unterstützte die Deregulierung der Finanzmärkte am Ende der Neunziger. Sie unterstützte die Haushaltskürzungen und die verfassungsrechtliche Schuldenbremse. Insgesamt gesehen unterstützt die SPD die Wirtschaftspolitik, die letztendlich zu dem Ungleichgewicht geführt hat, das heute den Euro-Raum spaltet. Es ist schwierig herauszufinden, in welchen Punkten sich die Parteien unterscheiden. [...] Die politische und intellektuelle Implosion der SPD beantwortet auch unsere erste Frage. Was wird nach der Bundestagswahl passieren? Die Antwort lautet: nichts.
"Financial Times", London, 2. Dezember
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