Ceuta und Melilla Europas Hightech-Festung in Afrika

Nur wenige Meter liegen zwischen Armut und Aufbruch: Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla gehören zu Europa, liegen aber in Afrika. Seit Flüchtlinge vor sechs Jahren massenhaft die Zäune stürmten, haben sich die Städte mit Hightech-Anlagen noch stärker abgeschottet.

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Wer genug bezahlt, kann mit dem Hubschrauber einschweben. Die Exklave Ceuta liegt nur rund 20 Kilometer vom südlichsten Zipfel des spanischen Festlandes entfernt. Der Weg hierher führt übers Mittelmeer. Wie die Stadt Melilla wurde Ceuta vor Jahrhunderten in Marokko erbaut. Es sind zwei Vorposten Europas in Afrika, Überbleibsel aus der Kolonialzeit - und stark gesichert.

Sechs Meter hohe Drahtzäune schützen die spanischen Frontstädte, in drei Reihen angeordnet. Infrarotkameras überwachen die Anlage, außerdem wurden Bewegungs- und Geräuschmelder installiert. Mit Hightech-Zäunen will Spanien afrikanische Flüchtlinge abschrecken.

Die Szenen von vor sechs Jahren sollen sich nicht wiederholen: In den ersten neun Monaten 2005 versuchten 11.000 Afrikaner, die Zäune zu überwinden. Sie hatten kein Geld für Hubschrauber, viele waren wohl noch nie in Spanien. Aber Spanien, das hieß Europa, und das versprach ein besseres Leben.

Nachts stürmten sie auf die Anlagen zu, warfen Leitern gegen den Draht, kletterten hoch, rissen sich die Haut auf. Nacht für Nacht wiederholte sich dieses traurige Spektakel, die Bilder gingen um die Welt. Wer auf spanischem Boden landete, hatte gewonnen. Viele fielen auf marokkanisches Land zurück, einige ließen ihr Leben am Zaun. Mindestens 14 Menschen starben - durch Schüsse der marokkanischen und spanischen Grenztruppen oder an ihren Verletzungen.

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Ceuta und Melilla: Iberische Festungen in Afrika
Spanien verstärkte die Grenze für mehr als 30 Millionen Euro, die Zäune wuchsen von drei auf sechs Meter. Kritiker in der Heimat sprachen von "Mauern der Schande". Seit sich die Städte immer stärker abgeschottet haben, fahren Flüchtlinge mit maroden Booten direkt übers Mittelmeer. Erst nahmen sie die Route über die Kanarischen Inseln, doch auch dort wurden die Patrouillen verstärkt, heute landen sie vor allem in Italien und Malta.

Die Bürger von Ceuta und Melilla wohnen jetzt in Festungen. Hinter den Zäunen leben jeweils 75.000 Menschen, sie essen Fisch, Obst und Gemüse aus Marokko, die sich auf den Märkten türmen. Vergangenes Jahr blieben die Marktstände jedoch leer. Marokkaner boykottierten die Exklaven, weil sie den spanischen Grenzbeamten Rassismus vorwarfen. Die Proteste waren offenbar gesteuert, bis heute ist nicht klar, warum genau die Lage eskalierte. Wollte Marokko Spanien dazu zwingen, gemeinsam gegen das Unabhängigkeitsstreben der Region Westsahara vorzugehen? War der marokkanische König erzürnt, weil spanische Militärhubschrauber seine Urlaubsyacht überflogen hatten?

Nach einigen Anrufen unter Monarchen - Juan Carlos versuchte, seinen "lieben Vetter" zu beruhigen - haben sich die Beziehungen wieder verbessert. Doch Marokko wird wohl auch in Zukunft Ceuta und Melilla in schöner Regelmäßigkeit zurückfordern. Die Städte sind das gewohnt. Umstritten war Ceuta schon im 15. Jahrhundert, als die Portugiesen den begehrten Handelsplatz erobern wollten. Damals sollen die Menschen angeblich über "Ameisen, so groß wie Katzen" gestaunt haben, "die an einem großen Fluss Gold aus dem Boden graben und zu großen Türmen aufhäufen". Heute gibt es keine Goldtürme, sondern Wachtürme.

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