Die Moschee lag kaum sichtbar hinter einer verwitterten Mauer, ein altes, verfallenes Gebäude aus grauem Beton. Wir zogen unsere Schuhe aus und betraten den Gebetsraum, ausgelegt mit einem weichen, grünen Teppich. Ein alter Mann hockte mit dem Rücken zu uns und betete. War er das? Als er mit dem Gebet fertig war, stand er auf, nickte uns zu und ging. Wir setzten uns auf den Boden. Iqbal tippte etwas in sein Telefon.
"Lass uns nach Hause fahren", sagte ich.
"Quatsch. Du willst ihn doch treffen, oder?"
"Ja, aber ich habe mir das anders vorgestellt. Nicht am Arsch der Welt."
"Ach, stell dich nicht so an. Hast du Angst?"
Angst. Hat man als Reporter Angst? "Ja, hab ich."
Iqbal lachte. "Gott wird uns beschützen."
Ich war wütend auf Iqbal. Er hatte mich schon einmal in eine unangenehme Situation gebracht, beim Besuch des katholischen Priesters in der Fatima Church in Islamabad, wohin ich ihn mitgenommen hatte, weil er etwas über die Lage der Christen in seinem eigenen Land erfahren wollte. Aber die ganze Zeit fragte er den armen Mann nur, ob er wirklich keinen Sex habe und wie sich das Zölibat anfühle. Es war furchtbar peinlich. Und mitten im Gespräch sprang Iqbal dann auch noch auf und sagte, jetzt sei Gebetszeit. Er rollte seinen mitgebrachten Teppich aus und fiel im Pfarrhaus in Richtung Mekka auf die Knie. Der Pfarrer lächelte angesäuert.
Angst vor Terroristenjägern
Eine ewige Stunde verging. Dann drang wieder diese Bollywood-Melodie aus Iqbals Telefon. "Verstehe, verstehe. Ja, schon unterwegs." Ächzend stand er auf, reichte mir die Hand und zog mich auch auf die Beine, die vom langen Sitzen auf dem Boden eingeschlafen waren. "Komm. Wir sollen zu einer Tankstelle kommen, am anderen Ende der Stadt."
Auch dort warteten wir, diesmal nur eine halbe Stunde, bis uns der nächste Anruf zu einem Park dirigierte und ein weiterer Anruf uns, noch eine halbe Stunde später, zu einem kleinen, unauffälligen Restaurant führte.
"Er hat Angst, dass wir in Wahrheit Terroristenjäger sind", sagte Iqbal. "An einem oder mehreren der Orte, an denen wir gewartet haben, haben seine Leute kontrolliert, ob wir auch wirklich alleine kommen. Oder ob uns vielleicht Polizisten folgen, ohne dass wir es wissen."
Die Schnitzeljagd wie aus einem schlechten Thriller hatte also einen Sinn.
Wir betraten das Restaurant und bestellten Tee, bis zum nächsten Anruf würde es bestimmt wieder dauern. Ich hatte keine Lust mehr auf einen weiteren Ort, draußen wurde es schon dunkel. Ich beschloss, die ganze Sache abzublasen, wenn er hier nicht auftauchen sollte. Iqbal und ich waren die einzigen Gäste.
"Es freut mich, dich zu sehen, Bruder"
Nach fünf Minuten betrat ein Mann, vielleicht Anfang dreißig, mit brauner Paschtunenmütze, olivgrüner Jacke und langem Bart das Restaurant. Er blickte sich um, schaute uns durchdringend an, nickte unmerklich und verschwand wieder. Eine Minute später kam er wieder zur Tür hinein, gefolgt von einem etwa vierzigjährigen Mann mit langem Bart und Paschtunenmütze. Der Taliban-Kommandeur.
"Asalam aleikum", sagten wir.
"Waleikum salam", antwortete der Ältere, und Iqbal stand tatsächlich auf, um die beiden zu umarmen. Ich hatte keine andere Wahl als seinem Beispiel zu folgen. Auf die Männer machte das Eindruck. "Es freut mich, dich zu sehen, Bruder", sagte der Talib. Ich dachte: Er sagt tatsächlich Bruder zu mir.
Sein Begleiter bestellte ebenfalls Tee, dann machte er die Bedingungen für das Gespräch klar: keine Namen, kein genauer Ort - und auf gar keinen Fall ein Foto! Außerdem dürfe der Artikel frühestens in fünf Tagen erscheinen, dann nämlich hätten sie Islamabad längst wieder verlassen.
Macht man so etwa mit? Andererseits: Was bleibt einem anderes übrig? Es gibt demokratische Politiker, Top-Manager und Popstars, die ähnlich unverschämt sind in ihren Vorgaben.
Halbe Stunde wichtigtuerisches Gerede
Ich hatte erwartet, dass der Begleiter mich nun durchsucht, aber nichts dergleichen. Die Männer baten nur darum, dass wir uns an einen anderen Tisch setzen. Sie suchten sich Plätze mit Sicht auf die Tür aus. Ob draußen noch mehr Begleiter waren? Der Kommandeur blickte zu Beginn unseres Gesprächs immer wieder zur Tür. Es war ganz klar: Der Mann hatte Angst davor, dass Bewaffnete die Gaststätte stürmen und ihn festnehmen oder gleich erschießen. Und ich hatte Angst, dass seine Leute hereinkommen und mich mitnehmen. Eine merkwürdige Situation: Da sitzen zwei Männer, die sich misstrauen, ja Angst voreinander haben, zusammen mit ebenso ängstlichen Begleitern, und trinken Tee in einem Restaurant, das man freiwillig nie aufsuchen würde.
Was folgte, war enttäuschend: Der Kommandeur erzählte das übliche Zeug vom "heiligen Krieg", dass die Amerikaner Schuld an allem seien und dass man sie bekämpfen müsse "bis zum bitteren Ende". Er verzichtete auf Paschtu, sprach stattdessen ein etwas holpriges Urdu, stellte so aber sicher, dass es keinen Übersetzungsumweg gab. Iqbal saß daneben und nickte nur die ganze Zeit. Der Kommandeur redete und redete. Zögen die Amerikaner sich aus Afghanistan zurück, würde dort und in Pakistan "alles viel besser". Die pakistanische Armee sei ein "Haufen von Verrätern", die man bestrafen müsse. Ob man mit den Amerikanern verhandeln werde? "Niemals." Andere Kommandeure sagen etwas anderes.
Nach einer halben Stunde stand der Begleiter des Taliban-Kommandeurs auf, woraufhin sich auch der Kommandeur erhob. "Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen." Er umarmte uns wieder - und verschwand mit einem gemurmelten "Friede sei mit dir, Bruder". Eine halbe Stunde lang hatte er geredet - und nichts gesagt. Auf meine Fragen war er nicht eingegangen, hatte kein Wort darüber verloren, was er in Islamabad wollte, sondern hatte einfach sein Programm abgespult.
Und dafür das ganze Theater? Die Fahrerei von einem Ort zum anderen? Die ganze Vorbereitung, die Mühe, die Angst? Für eine halbe Stunde wichtigtuerisches Gerede?
Iqbal und ich verließen schleunigst die Gaststätte und fuhren in ein Restaurant am Super Market, im Stadtzentrum. Ich war froh, dass Iqbal die ganze Zeit dabei gewesen war, auch wenn er nichts gesagt hatte.
Auch ihm war die Erleichterung darüber anzusehen, dass das Ganze vorbei war. "Das nächste Mal", sagte er nun und lächelte, "fahren wir lieber wieder in die Kirche mit dem komischen Pfarrer."
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