Chalid Scheich Mohammed Das Testament des Chef-Terroristen

Die Guantanamo-Aussagen von Chalid Scheich Mohammed werden seine vorerst letzten öffentlichen Worte bleiben. Ihr Wert ist zweifelhaft: Was wurde aus ihm herausgepresst - und wie viel hat der Chefplaner des 11. September aus Absicht verzerrt, um als Dschihad-Held in Erinnerung zu bleiben?

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Mann, dessen Anteil am mörderischen Drehbuch für den 11. September 2001 mindestens so groß war wie der von Osama Bin Laden, hat eine höchst romantische Ader. Als er in den Neunzigern auf den Philippinen lebte, war er zeitweise in eine Zahnärztin verliebt, berichtet der Terror-Experte Rohan Gunaratna. "Kuck aus dem Fenster!", forderte er sie einmal am Telefon auf - und als sie das tat, sah sie ihren Verehrer in einem Hubschrauber über dem Haus schweben. "Ich liebe Dich", stand auf einem Banner, das an dem Fluggerät befestigt war.

Chalid Scheich Mohammed nach seiner Festnahme in Pakistan 2003: "Der Terrorist der neunziger Jahre"
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Chalid Scheich Mohammed nach seiner Festnahme in Pakistan 2003: "Der Terrorist der neunziger Jahre"

Es ist unvorstellbar, dass jemals eine ähnliche Anekdote aus dem Leben des Osama Bin Laden kolportiert wird. Der lebenslustige Chalid Scheich Mohammed, der lieber in schicken Hotels nächtigte, als mit den Mudschahidin auf dem Lehmboden zu schlafen, war ein denkbar unwahrscheinlicher Partner für den asketischen Saudi-Araber, der ja sogar sein Millionenvermögen für den Dschihad opferte.

Trotzdem bildeten OBL und KSM (ihre Kürzel - die US-Behörden schreiben Khalid statt Chalid) einige entscheidende Jahre lang ein verschworenes und brandgefährliches Duo: der Eine als ideologische Leitfigur, der Andere als Cheforganisator.

Der 11. September 2001, der fast 3000 Menschen den Tod brachte, wäre ohne KSM gar nicht möglich gewesen. Er hatte als Erster schon Mitte der neunziger Jahre die Grundidee, Jets für Anschläge zu missbrauchen. Er brachte Bin Laden dazu, die Idee nach einem gescheiterten Versuch diesmal im Namen von al-Qaida zu nutzen.

Neue, alte Ziele benannt

Viele Details aus der Planungsphase von 9/11 sind mittlerweile bekannt. Denn im März 2003 wurde KSM im pakistanischen Rawalpindi geschnappt. Es folgten viele Verhöre in CIA-Black Sites und auf Guantanamo - und einiges, was er erzählte, fand den Weg an die Öffentlichkeit. Von Streit zwischen OBL und KSM war da die Rede, weil der Chef dem Organisator zu unvorsichtig war. Aber auch davon, dass KSM, nach langem Widerstand, Bin Laden doch noch die Bai'a schwor, den Treueeid.

Gestern nun veröffentlichte das Pentagon Auszüge einer Mitschrift des vorerst letzten Auftritts von Chalid Scheich Mohammed: 26 zensierte Seiten, die eine etwas mehr als einstündige Sitzung vom 10. März wiedergeben, auf deren Grundlage entschieden werden soll, ob der (wahrscheinlich) 42-Jährige von den USA als "feindlicher Kämpfer" eingestuft wird.

Es kann praktisch kein Zweifel daran bestehen, dass das geschehen wird - denn sonst müsste er frei gelassen werden, und ausweislich des Protokolls hat KSM nicht nur noch einmal seine zentrale Rolle beim 11. September bestätigt, sondern auch noch die Verantwortung für 30 weitere erfolgte und geplante Terroranschläge übernommen. Dabei offenbarte er sogar bisher nicht bekannte Ziele, die nach dem 11. September im Visier der Dschihadisten waren: Den Big Ben in London etwa, das Nato-Hauptquartier oder den Papst und die Ex-US-Präsidenten Clinton und Carter. Ein Ziel ist so brisant, dass es gar geschwärzt wurde. Neu ist auch die Behauptung, schon den Anschlag auf das World Trade Center 1993 mitorganisiert zu haben.

Denkbar, das vieles davon richtig ist. Immerhin war KSM 2003 eine Zeit lang der Operationschef der Qaida. Ebenso vorstellbar aber, dass der Mann, der einst in den USA Ingenieurwesen studiert hatte, ein möglichst eindrucksvolles Testament hinterlassen möchte. Schließlich wird er vermutlich den Rest seines Lebens in der Isolation eines Supersicherheitsgefängnisses verbringen - oder hingerichtet werden.

Einige der "Geständnisse", die er der Veröffentlichung zufolge ablegte, legen diesen Eindruck jedenfalls nahe - so etwa wenn er sich als Chefplaner des Anschlags von Bali 2002 beschreibt. Nach bisherigem Kenntnisstand war die indonesische Jemaah Islamiah verantwortlich, wahrscheinlich durchaus in Kooperation mit al-Qaida, aber wohl nicht unter ihrem Kommando. Oder dass er in Anspruch nimmt, den Reporter Daniel Pearl 2002 in Pakistan eigenhändig umgebracht zu haben - und zwar "mit meiner gesegneten rechten Hand", wie Nachrichtenagenturen aus einem urspünglich geschwärzten Teil des Protokolls zitieren. Rätselhaft ist allerdings, dass KSM kein Wort zum Anschlag von Dscherba verlor, bei dem seine Beteiligung als einigermaßen sicher gilt.

Wie viel kann man glauben?

Die USA selbst haben in der Vergangenheit mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie dem Mann nicht allzu viel glauben. Verhörprotokolle begannen mit dem Hinweis, man könne nicht sicher sein, wo die Wahrheit aufhöre und Lügen begännen, berichtete der SPIEGEL schon im Oktober 2003. Als die deutsche Justiz später Aussagen von KSM zurate ziehen wollte, schickten die USA lediglich eine Zusammenfassung - und signalisierten: Vielleicht versucht er mit dem, was er uns "beichtet", verbliebene Kader zu schützen.

Bei allen Informationen, die den Zeitraum nach 2001 betreffen, müsse man "skeptisch sein", meint Guido Steinberg, Terrorexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Isolationshaft und wahrscheinlich Folter - das seien Umstände, unter denen man keine verwertbaren Ergebnisse erzielen könne, "da würde ich vielleicht auch zugeben, was man von mir erwartet". Dass KSM unter anderem der Praxis des "Water-Boardings" unterzogen wurde, ist so gut wie unbestritten.

Überhaupt wirft das Protokoll nicht nur ein Schlaglicht auf KSM, sondern auch auf die US-Methoden im Umgang mit den mutmaßlichen "enemy combattants": Einen Anwalt dürfen sie nicht haben, sondern nur einen "Personal Representative".

Was der dann im Auftrag seines "Mandanten" vorbringt, ist allerdings ziemlich egal, wie es scheint. KSM etwa bat darum, zwei Zeugen zu hören - eines seiner wenigen verbliebenen Rechte. Er wollte so beweisen, dass ein beschlagnahmter Computer nicht seiner und er nie Militärchef der Qaida gewesen sei. Der Vorsitzende entschied, es sei irrelevant, was diese beiden potenziell beitragen könnten angesichts der "Natur und Qualität andere nicht geheimer Indizien".

Folter wird nicht diskutiert

An anderer Stelle beklagt sich KSM, er sei gefoltert worden. Doch seine (etwas wirren) Ausführungen sind teilweise getilgt. Es ist offensichtlich, dass die US-Regierung keine Aufarbeitung, sondern eine Abarbeitung wünscht: Am besten bis zum Ende der Regierungszeit George W. Bushs im kommenden Jahr sollen denn wohl auch die Urteile gefallen sein. Chalid Scheich Mohammed, so kann man wohl schließen, rechnet nicht mehr mit einer für in günstigen Entwicklungen - die Selbstbezichtigungen machen ihm nichts mehr aus. Zwei seiner Mitkämpfer, deren Protokolle ebenfalls freigegegeben wurden, scheinen noch mehr Hoffnung zu haben: Ramzi Binalschibh und KSMs zeitweiliger Nachfolger Abu Faradsch al-Libi verweigerten die Kooperation weitgehend.

Insgesamt sei das Bild für die Zeit vor dem 11. September mit KSMs Einlassungen noch einmal etwas schärfer geworden, meint Terrorexperte Guido Steinberg. KSM sei "der Terrorist der neunziger Jahre" gewesen, "das Gehirn des internationalen Terrorismus". Das Bündnis mit al-Qaida, der er sich zunächst als eine Art "Subunternehmer" zur Verfügung stellte, bot ihm später die Möglichkeit, das zu tun, was er mehr ersehnte als alles andere: Weltgeschichte schreiben. Es ist beklemmend, wie viel Zeit seines Lebens der Mann damit verbrachte, Anschläge zu planen - selbst, wenn man nur jene Operationen zugrunde legt, bei denen seine Mitwirkung als sicher gilt.

Mit dem 11. September ist es ihm denn auch gelungen, Weltgeschichte zu schreiben - aber zugleich wird KSM selbst immer mehr zur Geschichte werden. Bald wird von ihm nichts mehr zu hören sein. Experten werden die Details aus seinen Aussagen aufklauben um später die Geschichte der Qaida bis 2001, vielleicht auch bis 2003 zu rekonstruieren. Aber mit dem, was danach passierte und passiert ist, hat der Mann aus Pakistan nichts mehr zu tun.

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