Chalid Scheich Mohammed Der Mann, der 9/11 ausheckte

Von Yassin Musharbash

2. Teil: Wie KSM al-Qaida für seine Anschlagsidee gewann


Zugleich spielte er erstmals mit dem Gedanken, Flugzeuge für Anschläge zu nutzen. In immer neuen Variationen und mit immer neuen Kooperationspartnern spielte er die Idee durch: Mal sollte ein mit Sprengstoff gefüllter Minijet in die CIA-Zentrale krachen, mal sollten gleich zehn Passagiermaschinen an Ost- und Westküste der USA zugleich gesprengt werden. Zeitweise hatte KSM vorgehabt, alle Männer an Bord zu töten, die Frauen und Kinder freizulassen, und dann auf einem Flughafen eine flammende Rede zu halten.

Zweimal entkam er damals knapp seiner Verhaftung: Erst in Pakistan, dann in Katar, wo er ab 1996 kurzzeitig in einem Ministerium arbeitete. Jetzt wandte er sich wieder den Mudschahidin in Afghanistan zu - und mittlerweile hatte er Osama Bin Laden etwas anzubieten: Ein ganzes Netzwerk von Beziehungen zu allen wichtigen militanten Islamistengruppen Südostasiens, zu denen er in den vergangenen Jahren Kontakte geknüpft hatte.

Al-Qaida steigt ein

Obwohl er sich al-Qaida lange formal nicht anschloss, stieg er de facto zum Operationschef auf. Bin Laden machte sich seine Idee, Flugzeuge in einem Anschlag auf amerikanischem Boden einzusetzen, zu eigen und stellte Personal und Ressourcen. KSM entwarf einen Trainingsplan für die 9/11-Piloten und leitete sie an. Die Ziele wurden festgelegt, der Countdown begann. Parallel beaufsichtigte KSM nach eigenen Angaben für al-Qaida die Versuche, biologische und nukleare Kampfstoffe zu entwickeln.

Die CIA wiederum hatte KSM längst auf dem Radar. Sie hielt ihn für einen Terroristen und suchte ihn weltweit wegen der bekanntgewordenen ersten Planungen, Flugzeuge zu entführen. Dass er für al-Qaida arbeitete, war ihr jedoch entgangen. Selbst nach 9/11 dauerte es noch ein Jahr, bis ihr klar wurde, welchen Anteil KSM an den Monsterattacken gehabt hatte.

Die Twin Towers waren gerade erst gefallen, da machte KSM sich schon an die Planung der nächsten Anschläge: Deutsche Behörden sind überzeugt, dass er hinter den Bomben von Djerba steckte, denen 2002 vor allem deutsche Touristen zum Opfer fielen. Als im selben Jahr in Bali 202 Menschen durch Autobomben getötet wurden, hatte KSM wahrscheinlich ebenfalls seine Hände im Spiel: Er soll die "Jemaah Islamiah" angestiftet haben.

Was KSM schließlich zu Fall brachte, war seine Eitelkeit: Das Interview, das er dem TV-Sender al-Dschasira zusammen mit dem 9/11-Verschwörer Ramzi Binalshibh gab, wurde ihm wohl zum Verhängnis. Es ist nie bestätigt worden, aber es gilt als plausibel, dass der Emir von Katar, Sponsor von al-Dschasira, den USA die Informationen zur Verfügung stellte, die zu seiner Festnahme am 1. März 2003 führten. Von diesem Tag datiert ein Bild, das um die Welt ging: Es zeigt einen finster drein blickenden, zerzausten Mann in einem weißem T-Shirt.

KSM ist das erste bestätigte "Waterboarding"-Opfer

Danach verschwand KSM von der Bildfläche - und in ein CIA-Geheimgefängnis. Mittlerweile hat CIA-Direktor Michael Hayden bestätigt, dass KSM einer der Häftlinge war, die dem sogenannten "Waterboarding" ausgesetzt wurden - einer Praxis, bei der Ertrinken simuliert wird und die als eine der härtesten Methoden gilt, jemandem zum Reden zu bringen. Menschenrechtsorganisationen betrachten die Praxis als Folter. KSM jedenfalls redete - und gab Details über die 9/11-Planungen preis, etwa, dass das vierte Flugzeug das Capitol in Washington treffen sollte, nicht das Weiße Haus. Ob alles stimmt, was er in den harten Verhören erzählte, weiß niemand; aber Grund zum Zweifel gibt es wenig.

Im September 2006 wurde KSM mit 13 weiteren Terrorverdächtigen nach Guantanamo überstellt. Nun soll sein Prozess beginnen - ein Verfahren nach sehr eigenen Regeln, denn KSM ist als "feindlicher Kämpfer" eingestuft und genießt weniger Rechte als gewöhnliche Angeklagte.

Die Anklage wird vermutlich die Todesstrafe fordern, alles andere wäre eine Überraschung.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.