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05. Juni 2008, 09:28 Uhr

Chalid Scheich Mohammed

Der Mann, der 9/11 ausheckte

Von Yassin Musharbash

Trinker, Taucher, Terrorist: Ohne Chalid Scheich Mohammed hätten die Anschläge vom 11. September 2001 nicht stattgefunden. Heute erheben die USA Anklage gegen den Kuweiter, der bei al-Qaida trotzdem eine Randfigur blieb - weil Rache, nicht religiöser Fanatismus sein Motiv war.

Berlin - Sein Engagement für den militanten Dschihad begann mit gebrauchten T-Shirts, die er den Mudschahidin aus den USA nach Afghanistan schickte, als sie gegen die sowjetischen Invasoren kämpften. Und es endete mit - überschlagen - 3300 Morden, für die er als Drahtzieher und Planer die Verantwortung trägt: Chalid Scheich Mohammed, 43 Jahre alt, Kuweiter mit pakistanischen Wurzeln, ehemaliger Operationschef al-Qaidas und aktuell Insasse des US-Internierungslagers Guantanamo.

Chalid Scheich Mohammed bei seiner Festnahme 2003: Er war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten
AP

Chalid Scheich Mohammed bei seiner Festnahme 2003: Er war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten

Am heutigen Donnerstag werden die USA offiziell Anklage gegen den Mann erheben. Mindestens 27 Aliasnamen verwendete Chalid Scheich Mohammed in seiner langen Laufbahn, zuletzt aber war er praktisch nur noch unter dem Akronym "KSM" bekannt - denn unter diesem Kürzel führen ihn die US-Behörden wegen der englischen Umschrift seines Namens.

Auch wenn noch kein Urteil gefällt ist und voraussichtlich bis mindestens November nicht fallen wird, steht doch schon jetzt außer Zweifel, dass der polyglotte Maschinenbauer mit den vielen Namen und Gesichtern einer der ruchlosesten Terroristen der Weltgeschichte ist. Zweimal hat er sich öffentlich damit gebrüstet, für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington verantwortlich gewesen zu sein: 2002 gegenüber dem arabischen Satellitensender al-Dschasira, als er noch in Freiheit war, und dann noch einmal im März 2007, als seine Anhörungen in Guantanamo Bay begannen.

Und nicht nur 9/11 gab er willig zu - gleich für 31 weitere Anschläge übernahm Scheich Mohammed die Verantwortung, darunter den ersten Anschlag auf das World Trade Center von 1993, den angeblich eigenhändigen Mord an dem US-Journalisten Daniel Pearl, die Anschläge von Bali 2002 und die Anschläge von Istanbul 2003. Selbst wenn einige seiner Einlassungen Übertreibungen aus Eitelkeit gewesen sein mögen: Für eine gute Dekade, von der Mitte der Neunziger bis zu seiner Festnahme in Pakistan am 1. März 2003, war KSM das Hirn und manchmal auch die Hand hinter zahlreichen Anschlägen al-Qaidas und kooperierender Terrorgruppen.

Ein "Unternehmer des Terrors"

Trotzdem ist KSM nach wie vor ein Mysterium. Er passt in keine Schublade, er ist ein Sonderfall des internationalen Dschihadismus. Anders als Osama Bin Laden ist er kein Asket, sondern zog Hotelsuiten stets den Lehmhütten der Mudschahidin vor. Anders als Aiman al-Sawahiri interessierten ihn Ideologie und Theologie zeitlebens wenig. KSM war der Hitman al-Qaidas, Planer und Logistiker - aber weder ein Vordenker, noch ein sonderlich frommer Mann.

"Niemand versinnbildlicht das Modell eines terroristischen Unternehmers mehr als er", befand die 9/11-Kommission über KSM. "Anders als bei den meisten Qaida-Terroristen und -Führern ist die Motivation Mohammeds nicht Religion, sondern Rache und Vergeltung", schreibt der Qaida-Experte Roman Gunaratna. "Ihn treibt eine einzige Mission: Die USA und ihre Freunde zu bestrafen." Insbesondere die Unterstützung Israels und die Außenpolitik der USA im Nahen Osten scheinen seinen Hass entfesselt zu haben. Im Führungszirkel al-Qaidas hieß er zuletzt schlicht "al-Much": Das Gehirn.

Rotlichtbars und Alkohol

Chalid Scheich Mohammed wurde wahrscheinlich am 24. April 1965 geboren. Er war der vierte Sohn des Predigers Scheich Mohammed Ali, eines gebürtigen Pakistaners aus Belutschistan, der Mitte der fünfziger Jahre nach Kuweit übergesiedelt war. Über seine Jugend ist wenig bekannt, aber es gibt Hinweise, dass er als Teenager unter den Einfluss der Muslimbruder geriet - damals allerdings nichts Ungewöhnliches. Ganz verschrieb er sich deren Idealen in jedem Fall nie: KSM war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten, für Flirts mit westlichen Frauen, für den Konsum von Alkohol.

Nach seinem Schulabschluss besorgte er sich einen pakistanischen Pass und ging zum Studieren in die USA. "Er war sehr clever", erinnerte sich ein Kommilitone, Mohammed al-Buluschi, 2003 in einem Gespräch mit der "Financial Times". "Er war lustig, er konnte 24 Stunden lang Witze erzählen." Die englische Sprache habe er sehr schnell gelernt.

Zu dieser Zeit allerdings scheint sich das politische Bewusstsein des jungen Mannes geschärft zu haben. Zwei Auslöser scheinen eine Rolle gespielt zu haben: Die islamistische Revolution in Iran und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Zwei von KSMs Brüdern schlossen sich den Mudschahidin am Hindukusch an und fielen. Sechs Monate nach seinem Abschluss als Maschinenbauer ging auch er in die Krisenregion. Zunächst nach Pakistan, wo er erste Kontakte zu den Größen der Bewegung knüpfte, später nach Afghanistan. Er verbrachte jedoch viel Zeit außerhalb des Schlachtfeldes, zumeist auf den Philippinen.

Die 9/11-Blaupause entsteht

Es war 1992, als die erste Skizze dessen entstand, was Jahre später, am 11. September 2001, al-Qaidas "Operation heiliger Dienstag" werden sollte: Gemeinsam mit seinem Neffen Ramsi Jusuf plante er einen ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York: Sprengstoff in der Tiefgarage sollte das Gebäude zum Einsturz bringen. Dafür reichte die Bombe zwar nicht aus, aber sechs Menschen kamen zu Tode. Es war dies der erste Terroranschlag, den KSM mitverantwortete. Während der Vorbereitungen absolvierte er auf den Philippinen einen Tauchkurs.

Wie KSM al-Qaida für seine Anschlagsidee gewann

Zugleich spielte er erstmals mit dem Gedanken, Flugzeuge für Anschläge zu nutzen. In immer neuen Variationen und mit immer neuen Kooperationspartnern spielte er die Idee durch: Mal sollte ein mit Sprengstoff gefüllter Minijet in die CIA-Zentrale krachen, mal sollten gleich zehn Passagiermaschinen an Ost- und Westküste der USA zugleich gesprengt werden. Zeitweise hatte KSM vorgehabt, alle Männer an Bord zu töten, die Frauen und Kinder freizulassen, und dann auf einem Flughafen eine flammende Rede zu halten.

Zweimal entkam er damals knapp seiner Verhaftung: Erst in Pakistan, dann in Katar, wo er ab 1996 kurzzeitig in einem Ministerium arbeitete. Jetzt wandte er sich wieder den Mudschahidin in Afghanistan zu - und mittlerweile hatte er Osama Bin Laden etwas anzubieten: Ein ganzes Netzwerk von Beziehungen zu allen wichtigen militanten Islamistengruppen Südostasiens, zu denen er in den vergangenen Jahren Kontakte geknüpft hatte.

Al-Qaida steigt ein

Obwohl er sich al-Qaida lange formal nicht anschloss, stieg er de facto zum Operationschef auf. Bin Laden machte sich seine Idee, Flugzeuge in einem Anschlag auf amerikanischem Boden einzusetzen, zu eigen und stellte Personal und Ressourcen. KSM entwarf einen Trainingsplan für die 9/11-Piloten und leitete sie an. Die Ziele wurden festgelegt, der Countdown begann. Parallel beaufsichtigte KSM nach eigenen Angaben für al-Qaida die Versuche, biologische und nukleare Kampfstoffe zu entwickeln.

Die CIA wiederum hatte KSM längst auf dem Radar. Sie hielt ihn für einen Terroristen und suchte ihn weltweit wegen der bekanntgewordenen ersten Planungen, Flugzeuge zu entführen. Dass er für al-Qaida arbeitete, war ihr jedoch entgangen. Selbst nach 9/11 dauerte es noch ein Jahr, bis ihr klar wurde, welchen Anteil KSM an den Monsterattacken gehabt hatte.

Die Twin Towers waren gerade erst gefallen, da machte KSM sich schon an die Planung der nächsten Anschläge: Deutsche Behörden sind überzeugt, dass er hinter den Bomben von Djerba steckte, denen 2002 vor allem deutsche Touristen zum Opfer fielen. Als im selben Jahr in Bali 202 Menschen durch Autobomben getötet wurden, hatte KSM wahrscheinlich ebenfalls seine Hände im Spiel: Er soll die "Jemaah Islamiah" angestiftet haben.

Was KSM schließlich zu Fall brachte, war seine Eitelkeit: Das Interview, das er dem TV-Sender al-Dschasira zusammen mit dem 9/11-Verschwörer Ramzi Binalshibh gab, wurde ihm wohl zum Verhängnis. Es ist nie bestätigt worden, aber es gilt als plausibel, dass der Emir von Katar, Sponsor von al-Dschasira, den USA die Informationen zur Verfügung stellte, die zu seiner Festnahme am 1. März 2003 führten. Von diesem Tag datiert ein Bild, das um die Welt ging: Es zeigt einen finster drein blickenden, zerzausten Mann in einem weißem T-Shirt.

KSM ist das erste bestätigte "Waterboarding"-Opfer

Danach verschwand KSM von der Bildfläche - und in ein CIA-Geheimgefängnis. Mittlerweile hat CIA-Direktor Michael Hayden bestätigt, dass KSM einer der Häftlinge war, die dem sogenannten "Waterboarding" ausgesetzt wurden - einer Praxis, bei der Ertrinken simuliert wird und die als eine der härtesten Methoden gilt, jemandem zum Reden zu bringen. Menschenrechtsorganisationen betrachten die Praxis als Folter. KSM jedenfalls redete - und gab Details über die 9/11-Planungen preis, etwa, dass das vierte Flugzeug das Capitol in Washington treffen sollte, nicht das Weiße Haus. Ob alles stimmt, was er in den harten Verhören erzählte, weiß niemand; aber Grund zum Zweifel gibt es wenig.

Im September 2006 wurde KSM mit 13 weiteren Terrorverdächtigen nach Guantanamo überstellt. Nun soll sein Prozess beginnen - ein Verfahren nach sehr eigenen Regeln, denn KSM ist als "feindlicher Kämpfer" eingestuft und genießt weniger Rechte als gewöhnliche Angeklagte.

Die Anklage wird vermutlich die Todesstrafe fordern, alles andere wäre eine Überraschung.

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