Chalid Scheich Mohammed Der Mann, der 9/11 ausheckte

Trinker, Taucher, Terrorist: Ohne Chalid Scheich Mohammed hätten die Anschläge vom 11. September 2001 nicht stattgefunden. Heute erheben die USA Anklage gegen den Kuweiter, der bei al-Qaida trotzdem eine Randfigur blieb - weil Rache, nicht religiöser Fanatismus sein Motiv war.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Sein Engagement für den militanten Dschihad begann mit gebrauchten T-Shirts, die er den Mudschahidin aus den USA nach Afghanistan schickte, als sie gegen die sowjetischen Invasoren kämpften. Und es endete mit - überschlagen - 3300 Morden, für die er als Drahtzieher und Planer die Verantwortung trägt: Chalid Scheich Mohammed, 43 Jahre alt, Kuweiter mit pakistanischen Wurzeln, ehemaliger Operationschef al-Qaidas und aktuell Insasse des US-Internierungslagers Guantanamo.

Chalid Scheich Mohammed bei seiner Festnahme 2003: Er war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten
AP

Chalid Scheich Mohammed bei seiner Festnahme 2003: Er war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten

Am heutigen Donnerstag werden die USA offiziell Anklage gegen den Mann erheben. Mindestens 27 Aliasnamen verwendete Chalid Scheich Mohammed in seiner langen Laufbahn, zuletzt aber war er praktisch nur noch unter dem Akronym "KSM" bekannt - denn unter diesem Kürzel führen ihn die US-Behörden wegen der englischen Umschrift seines Namens.

Auch wenn noch kein Urteil gefällt ist und voraussichtlich bis mindestens November nicht fallen wird, steht doch schon jetzt außer Zweifel, dass der polyglotte Maschinenbauer mit den vielen Namen und Gesichtern einer der ruchlosesten Terroristen der Weltgeschichte ist. Zweimal hat er sich öffentlich damit gebrüstet, für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington verantwortlich gewesen zu sein: 2002 gegenüber dem arabischen Satellitensender al-Dschasira, als er noch in Freiheit war, und dann noch einmal im März 2007, als seine Anhörungen in Guantanamo Bay begannen.

Und nicht nur 9/11 gab er willig zu - gleich für 31 weitere Anschläge übernahm Scheich Mohammed die Verantwortung, darunter den ersten Anschlag auf das World Trade Center von 1993, den angeblich eigenhändigen Mord an dem US-Journalisten Daniel Pearl, die Anschläge von Bali 2002 und die Anschläge von Istanbul 2003. Selbst wenn einige seiner Einlassungen Übertreibungen aus Eitelkeit gewesen sein mögen: Für eine gute Dekade, von der Mitte der Neunziger bis zu seiner Festnahme in Pakistan am 1. März 2003, war KSM das Hirn und manchmal auch die Hand hinter zahlreichen Anschlägen al-Qaidas und kooperierender Terrorgruppen.

Ein "Unternehmer des Terrors"

Trotzdem ist KSM nach wie vor ein Mysterium. Er passt in keine Schublade, er ist ein Sonderfall des internationalen Dschihadismus. Anders als Osama Bin Laden ist er kein Asket, sondern zog Hotelsuiten stets den Lehmhütten der Mudschahidin vor. Anders als Aiman al-Sawahiri interessierten ihn Ideologie und Theologie zeitlebens wenig. KSM war der Hitman al-Qaidas, Planer und Logistiker - aber weder ein Vordenker, noch ein sonderlich frommer Mann.

"Niemand versinnbildlicht das Modell eines terroristischen Unternehmers mehr als er", befand die 9/11-Kommission über KSM. "Anders als bei den meisten Qaida-Terroristen und -Führern ist die Motivation Mohammeds nicht Religion, sondern Rache und Vergeltung", schreibt der Qaida-Experte Roman Gunaratna. "Ihn treibt eine einzige Mission: Die USA und ihre Freunde zu bestrafen." Insbesondere die Unterstützung Israels und die Außenpolitik der USA im Nahen Osten scheinen seinen Hass entfesselt zu haben. Im Führungszirkel al-Qaidas hieß er zuletzt schlicht "al-Much": Das Gehirn.

Rotlichtbars und Alkohol

Chalid Scheich Mohammed wurde wahrscheinlich am 24. April 1965 geboren. Er war der vierte Sohn des Predigers Scheich Mohammed Ali, eines gebürtigen Pakistaners aus Belutschistan, der Mitte der fünfziger Jahre nach Kuweit übergesiedelt war. Über seine Jugend ist wenig bekannt, aber es gibt Hinweise, dass er als Teenager unter den Einfluss der Muslimbruder geriet - damals allerdings nichts Ungewöhnliches. Ganz verschrieb er sich deren Idealen in jedem Fall nie: KSM war noch bis kurz vor 9/11 bekannt für Besuche in Rotlicht-Distrikten, für Flirts mit westlichen Frauen, für den Konsum von Alkohol.

Nach seinem Schulabschluss besorgte er sich einen pakistanischen Pass und ging zum Studieren in die USA. "Er war sehr clever", erinnerte sich ein Kommilitone, Mohammed al-Buluschi, 2003 in einem Gespräch mit der "Financial Times". "Er war lustig, er konnte 24 Stunden lang Witze erzählen." Die englische Sprache habe er sehr schnell gelernt.

Zu dieser Zeit allerdings scheint sich das politische Bewusstsein des jungen Mannes geschärft zu haben. Zwei Auslöser scheinen eine Rolle gespielt zu haben: Die islamistische Revolution in Iran und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Zwei von KSMs Brüdern schlossen sich den Mudschahidin am Hindukusch an und fielen. Sechs Monate nach seinem Abschluss als Maschinenbauer ging auch er in die Krisenregion. Zunächst nach Pakistan, wo er erste Kontakte zu den Größen der Bewegung knüpfte, später nach Afghanistan. Er verbrachte jedoch viel Zeit außerhalb des Schlachtfeldes, zumeist auf den Philippinen.

Die 9/11-Blaupause entsteht

Es war 1992, als die erste Skizze dessen entstand, was Jahre später, am 11. September 2001, al-Qaidas "Operation heiliger Dienstag" werden sollte: Gemeinsam mit seinem Neffen Ramsi Jusuf plante er einen ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York: Sprengstoff in der Tiefgarage sollte das Gebäude zum Einsturz bringen. Dafür reichte die Bombe zwar nicht aus, aber sechs Menschen kamen zu Tode. Es war dies der erste Terroranschlag, den KSM mitverantwortete. Während der Vorbereitungen absolvierte er auf den Philippinen einen Tauchkurs.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.