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01. Januar 2008, 21:32 Uhr

Chaos in Kenia

Massaker-Szenen wie beim Völkermord von Ruanda

Von Thilo Thielke, Nairobi

Die Unruhen in Kenia weiten sich zum Stammeskrieg aus. In einer Kirche in Eldoret verbrannten rund 40 Menschen bei lebendigem Leib, in der Hauptstadt Nairobi wurden Dutzende Menschen mit Macheten massakriert. Nun will die Opposition einen Massenaufmarsch inszenieren.

Nairobi - Sie stehen in kleinen Grüppchen vor dem Leichenschauhaus nahe der Ngong Road in Nairobi und warten. Seit Stunden schon. Sie sprechen leise. Sie haben ihre besten Schuhe angezogen und ihren Sonntagsstaat. Die sich hier versammeln, trauern um die Toten der nächtlichen Schlachten, die seit einigen Tagen Kenias Hauptstadt Nairobi erschüttern. Dann und wann lugen sie ängstlich zu den aufmarschierenden Bereitschaftspolizisten herüber, die in ihren nagelneuen grüngepanzerten Uniformen an die Comicfiguren Ninja Turtles erinnern. Die Truppen marschieren Richtung Kibera, einem von Afrikas größten Elendsgebieten. Sie ziehen in die Schlacht. Und wieder wird es Tote geben. Über 300 sollen es mittlerweile im ganzen Land sein.

Demonstranten in Nairobi: Krieg zwischen den Stämmen
REUTERS

Demonstranten in Nairobi: Krieg zwischen den Stämmen

Geoffrey Washiali, 35, ist gekommen, um die Leiche seines Cousins zu identifizieren: Harrison Musungu. Vorgestern wurde sie hierher gebracht. Das Gesicht des Mannes war von einer Machete gevierteilt worden. Musungu wurde zum Verhängnis, dass er zum Stamm der Luhya gehört. Und in der Shantytown von Kariobangi, wo er mit seiner Familie hauste, leben viele Kikuyu. Das kann ein Todesurteil sein. Seit Präsident Mwai Kibaki, ein Kikuyu, das Wahlergebnis ganz offensichtlich manipuliert hat, herrscht zwischen den Stämmen des ostafrikanischen Staats Krieg.

Nur wenige Kilometer entfernt, im Mara-South-Sitzungsraum des vornehmen Intercontinental-Hotels, in dem auch Bundeskanzler Gerhard Schröder schon einmal residierte, herrscht derweil großer Auftrieb. Alexander Graf Lambsdorff von der FDP, Neffe von Otto Graf Lambsdorff, hat zur Pressekonferenz geladen. Lambsdorff ist Chef der Wahlbeobachtermission der Europäischen Union. 150 Beobachter des Staatenbunds haben das Wahldebakel verfolgt. Fiebrig warten die Kenianer seit Tagen auf das vorläufige Urteil der Europäer.

"Die Nation stolz gemacht"

Es fällt vernichtend aus. "Diese Wahlen haben internationale Demokratiestandards nicht erfüllt", sagt Lambsdorff, "in zwei Wahlkreisen, die beide Kibaki gewann, wurden von unseren Beobachtern Unregelmäßigkeiten festgestellt. In jedem wurden der regierende PNU rund 20.000 Stimmen mehr angerechnet, als in einer ersten Zählung festgestellt wurden." In fünf Wahlkreisen seien Mitarbeiter der EU-Mission zudem von der Zählung ausgeschlossen worden. In einigen Regionen war die Wahlbeteiligung ungewöhnlich hoch. Fazit: "Wir haben Zweifel an diesen Wahlen."

Mwai Kibaki steht nun ziemlich allein da. Bei seiner Vereidigung am Sonntagabend hatte er anwesenden Claqueuren und ungläubig staunenden Kenianern vor den Fernsehbildschirmen noch erzählt, diese Wahlen hätten "das demokratische Profil Kenias geschärft", das Land sei "politisch erwachsen geworden" und die "freien und fairen Wahlen" hätten die "Nation stolz gemacht".

Mittlerweile geht auch Kenias Partner im Kampf gegen den Terror auf Distanz. Nachdem die US-Amerikaner Kibaki bereits vorzeitig zu seinem Wahlsieg gratuliert hatten, ist sich der Sprecher des Weißen Hauses, Tom Casey, jetzt nicht mehr sicher, "wem er eigentlich gratulieren" soll. Der kanadische Außenminister sieht es ähnlich. "Die Aussetzung der Fernseh-Live-Berichterstattung und Unregelmäßigkeiten beim Berichten der Ergebnisse" seien "sehr beunruhigend".

Auch der Oppositionsführer Raila Odinga erkennt die Wahlen nicht an. Er spricht vom "zivilen Putsch" einer "illegalen Regierung", vergleicht Präsident Mwai Kibaki sogar mit Idi Amin. Für Donnerstag hat Odinga, der sich "Präsident des Volks" nennen lässt, seine Anhänger auf die Straßen gerufen. Es wird ein Blutbad befürchtet, die Polizei hat den Aufmarsch bereits verboten.

Kritische SMS sind verboten

Um zu verhindern, dass sich Meldungen über die Aktivitäten der Opposition verbreiten, hat die kenianische Mobilfunkgesellschaft Safaricom Nachrichten versendet, denen zufolge ab sofort das Verschicken von SMS mit politischen Inhalten verboten ist und mit Verhaftungen geahndet wird.

Auf den Straßen der Hauptstadt wiederholen sich derweil die Szenen. Vor der Polizei flüchtende Demonstranten, die zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit beide Arme in die Höhe recken. Schlagstockschwenkende Polizisten. Heranpreschende Pickups, von deren Ladeflächen Spezialeinheiten wild in die Luft schießen. Immer wieder die Rufe: "No Raila - No Peace!"

Besonders verheerend jedoch scheint derzeit der Stammeskrieg zu sein, den die Wahlen entfacht haben. In einer Kirche in der Gebirgsstadt Eldoret verbrannten über 40 Menschen bei lebendigem Leib. Sie gehörten der Ethnie der Kikuyu an und hatten sich in das Gotteshaus vor Angehörigen des Kalenji-Stamms geflüchtet. Unter den Toten befanden sich offensichtlich viele Kinder. Überall in der Gegend von Eldoret werden Straßensperren von machetenschwingenden Jugendlichen errichtet, Hunderte von Häusern brennen. Aufgehetzte Trupps von Marodeuren ziehen durch die Wohnviertel und markieren die Häuser, in denen Kikuyu leben.

Es sind Szenen, die das Schlimmste befürchten lassen und an den Völkermord in Ruanda erinnern, wo 1994 innerhalb weniger Wochen Hunderttausende von Menschen massakriert worden waren. Damals war es der Krieg der Hutu gegen die Tutsi. Auch die Toten von Nairobi scheinen auf Stammesauseinandersetzungen zurückzugehen. 45 Opfer der letzten Krawalle zählt Jacob Nyongaza, der Leiter des Leichenschauhauses von Nairobi: "Einige starben an Schussverletzungen, doch die meisten wurden mit Macheten zerstückelt."

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