Chaos in Pakistan Bushs Musharraf-Strategie bricht zusammen

Pakistans Machthaber - ein enger Partner, ein Garant für Stabilität im Kampf gegen Terror: So preist US-Präsident Bush seinen politischen Freund Musharraf. Der Mord an Benazir Bhutto beweist, dass er falsch liegt. Der Pakt ist gescheitert. Die USA brauchen eine neue Strategie.

Von , Washington


Was, wenn in Pakistan auch noch Pervez Musharraf bei einem Attentat getötet wird: Versinkt das Land im Chaos? Welche Rolle spielt die Armee? Wie reagieren die USA?

An der US-Universität Harvard wird dieses Szenario seit Jahren mit Studenten durchgespielt. Es war all die Jahre nahe genug dran an der Realität: Musharraf hat in den vergangenen Jahren haarscharf Anschläge islamischer Extremisten überlebt. Jetzt sind die Fragen Realität: Wie groß ist das Chaos, was macht die Armee, was machen die USA? Allerdings nicht nach einem Attentat auf Präsident Musharraf - sondern dem auf Benazir Bhutto. Jene Oppositionsführerin, die die US-Regierung als Premierministerin etablieren wollte. Als demokratisches Gegengewicht zum autoritär regierenden Staatschef.

Der Mordanschlag gegen Bhutto hat Musharraf politisch beschädigt - schon wegen der Gerüchte, er habe seine Finger im Spiel gehabt. Vor allem aber wegen der Folgen der neuen Krise für sein Verhältnis zur Regierung von George W. Bush. Denn dieses ist für Diktator überlebenswichtig.

US-Präsident Bush hat den Anschlag umgehend als Attacke radikaler Islamisten und als neue Etappe im Kampf gegen den Terror eingestuft – noch bevor die Urheberschaft von al-Qaida geklärt ist. Sein erster Anruf galt Musharraf.

Beides könnte als Bestätigung dafür dienen, dass Bush seiner Linie treu bleibt, ihn als engen Freund der USA zu preisen. Als Verbündeten im Kampf gegen den Terror. Als die einzige politische Führungsfigur in Pakistan, die das Land vor Chaos und den islamischen Extremisten bewahren kann.

Musharraf konnte das Arrangement nicht aufrechterhalten

Allerdings ist keinesfalls ausgeschlossen, dass das Weiße Haus noch zu einer ganz anderen Einsicht kommt. Nämlich dass der Mord an Bhutto nur unterstreicht, wie umfassend das Experiment einer Partnerschaft mit Musharraf gescheitert ist – und es nach Wegen aus dieser Abhängigkeit zu suchen gilt.

Der Mord an Bhutto ist für die Pakistan-Strategie der USA der letzte und wohl dramatischste Rückschlag. Nun ist endgültig erwiesen, dass die Regierung Bush über Musharraf keine Stabilität im Land garantieren kann. Er war nicht in der Lage, das Arrangement aufrechtzuerhalten, das die USA für ihn und Bhutto vorgesehen hatten. Oder er wollte nicht - weil er von Anfang an entschlossen war, die Macht nicht zu teilen.

Musharraf könnte das Attentat als Vorwand nutzen, um erneut den Ausnahmezustand auszurufen und vorübergehend mehr Kontrolle zu erhalten. So erwarten Spitzenvertreter der US-Regierung ersten Stellungnahmen zufolge nicht mehr, dass die geplanten Wahlen am 8. Januar stattfinden.

Doch schon mittelfristig könnten sich Musharrafs Probleme wieder drastisch verschärfen. "Die Menschen in Pakistan sind außer sich. Nicht nur Bhuttos Anhänger, sondern die ganze Nation", sagt Rasul Baksh Rais von der Universität Lahore. Hassan Abbas von der Harvard-Universität: "Viele Pakistaner werden Musharrafs Sicherheitsdienste dafür verantwortlich machen, den Anschlag zugelassen zu haben."

Bhutto hatte sich, wie jetzt bekannt wurde, schon vor Monaten in einer E-Mail beschwert, sie werde nicht genug geschützt. Am 26. Oktober schrieb sie einem US-Berater: "Wenn wieder etwas passiert, werde ich Musharraf dafür verantwortlich machen." Das war acht Tage nach einem ersten Attentat, bei dem 130 Menschen in Karatschi getötet wurden. Bhutto verwies darauf, Musharraf wiederholt um mehr Polizeischutz gebeten zu haben - doch bislang sei wenig passiert. Ihr Mann hat mittlerweile den Staatschef für den Tod verantwortlich gemacht.

Die US-Regierung hat bisher wenig Kontakt zu Kandidaten gehalten, die als Alternative zu Musharraf in Frage kämen. Bisher hat das Weiße Haus vor allem auf ihn gesetzt - der Idee folgend: Lieber er an Pakistans Spitze als ein islamischer Hitzkopf. Nur ihm schien man zuzutrauen, die Extremisten im Land im Zaum zu halten und al-Qaida an der afghanischen Grenze zu bekämpfen. Deshalb pumpte Washington in den vergangenen Jahren rund elf Milliarden Dollar in das zweitgrößte muslimische Land der Welt. Nur rund zehn Prozent davon flossen in Entwicklungshilfe - der große Teil ging direkt an das von Musharraf dominierte Militär.

Wird das Geld weiter fließen? Bush hat sich bisher zur Überprüfung der Finanzhilfen zurückhaltend geäußert. Der Kongress besteht auf einer Kopplung der Hilfen an Fortschritte beim Demokratie-Aufbau und hielt einen kleinen Teil der Gelder zurück.

In den vergangenen Monaten gab es Konflikte zwischen Außenministerium und Weißem Haus über die Frage, wie deutlich man in Zukunft noch auf Musharraf setzen sollte. "Schon länger scheint die Bush-Regierung in ihrer Pakistan-Strategie gespalten", sagt Abbas. "Bush und Cheney halten weitgehend unbeirrt an Musharraf fest und preisen dessen persönlichen Einsatz im Kampf gegen den Terrorismus. Im Außen- und Verteidigungsministerium werden die Bedenken gegen diese Strategie dagegen immer lauter."

"Der General hat nicht geliefert"

Die nüchternen Planer in den Ministerien stellen Bushs blumiger Freundschaftsrhetorik die mageren Ergebnisse der bisherigen "Musharraf-Strategie" gegenüber. Der Machthaber "hat weder wie versprochen wesentlich mehr Demokratie in Pakistan geliefert, noch für große Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus gesorgt", sagt Muqtedar Khan von der Brookings Institution zu SPIEGEL ONLINE. "Man muss sich nur die US-Verluste in Afghanistan anschauen. Die sind so hoch wie seit 2001 nicht mehr. Die Taliban und al-Qaida sind in der Region wieder viel stärker geworden." Daniel Twining vom "German Marshall Fund": "Dass sich Musharraf so an die Macht klammert, hat in Pakistan den Hass auf die USA verschärft, die islamischen Fundamentalisten gestärkt und die pakistanische Armee in völlige Verwirrung gestürzt."

Musharrafs Zukunft hängt vor allem am Militär. Der General ist gerade als Armeechef zurückgetreten - er hat Vertraute als Nachfolger installiert. Das allerdings bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie ihn weiter unterstützen. Teresa Schaffer vom "Center for Strategic and International Studies" der "New York Times": "Ganz viel hängt davon ab, wie die Armee reagiert. Wollen sie nun alle Unruhen ersticken? Oder zögern sie? Machen sie Musharraf für die Krise verantwortlich?"

Für den Machthaber ist die Eskalation auf jeden Fall eine neue Glaubwürdigkeitskrise. "Ohne Glaubwürdigkeit kann man in Pakistan gar nichts ausrichten. Und gegen Terroristen auch nicht", sagt Hassan Abbas. Rückendeckung durch Bush hilft da auch nicht.

Schon jetzt ist in pakistanischen Umfragen Osama Bin Laden sehr viel beliebter als Pervez Musharraf. Und auch erfolgreicher - das hat der Anschlag unmissverständlich gezeigt.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.