Chaos und Proteste Chinesen bestehen auf Fortsetzung des Fackellaufs

Trotz der Proteste besteht China auf der Fortführung des olympischen Fackellaufs. Doch im IOC regen sich Zweifel, Spitzenfunktionäre fordern, über einen Abbruch des Spektakels nachzudenken. Der Aufenthaltsort der Flamme ist nun vorerst geheim - aus Angst vor Ausschreitungen.


Peking - Wo ist das Olympische Feuer? In San Francisco, so viel steht fest. Doch der genaue Ort der Fackel wird derzeit geheimgehalten. Bei der Ankunft aus Paris standen auf dem Flughafen an der Westküste der USA mehr als 500 Sicherheitskräfte bereit, nachdem es schon am Montag in der kalifornischen Stadt zu Protestkundgebungen gegen die Menschenrechtspolitik Chinas gekommen war. Für Mittwoch werden Demonstrationen erwartet - dann soll die Fackel auf einer etwa zehn Kilometer langen Route getragen werden.

Bürgermeister Gavin Newsom stellte in Aussicht, dass die geplante Route entlang der Hafenpromenade verkürzt werden könnte. Nach Angaben der Polizei werden Beamte zum Schutz der 80 Fackelträger an deren Seite mitlaufen. San Francisco ist die einzige US-Station beim Fackellauf rund um die Welt nach Peking.

Mehrere tausend pro-tibetische Demonstranten hatten beim Fackellauf in Paris für tumultartige Szenen gesorgt. Die Fackel war nach Polizeiangaben sogar für rund 20 Minuten erloschen. Auch in London hatte sich die Zeremonie am Sonntag zu einem Spießrutenlauf entwickelt.

Trotz der wütenden Anti-China-Proteste bestehen die Veranstalter auf einer Fortführung des internationalen olympischen Fackellaufs. In einer offiziellen Stellungnahme aus Peking heißt es laut CNN, man verurteile die Proteste "aufs Schärfste". Die "verabscheuungswürdigen Aktionen" der Demonstranten störten zwar den "olympischen Geist", aber gerade deswegen müsse der Fackellauf weitergehen.

Der Sprecher des Pekinger Organisationskomitees der Spiele sagte, der Fackellauf werde weitergeführt. "Keine Kraft" könne ihn stoppen. "Der Fackellauf wird seine Reise weiter fortsetzen mit der Unterstützung von Menschen in der ganzen Welt", sagte Sun Weiode. "Wir verurteilen entschieden den Protest einer Handvoll von Demonstranten, die den Fackellauf in Paris sabotieren wollten."

Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) werden erste Zweifel laut, ob der Lauf weitergeführt werden sollte. Wegen der teils chaotischen Proteste in London und Paris hat sich IOC-Chef Jacques Rogge dafür ausgesprochen, darüber zu diskutieren, ob der globale Fackellauf abgebrochen werden muss. Das Thema solle beim Treffen des IOC-Exekutivausschusses am Freitag besprochen werden, sagte Rogge der Nachrichtenagentur AP. Er sei "tief betrübt" über die gewaltsamen Proteste in London und Paris, sagte Rogge. Auch IOC-Vizepräsidentin Gunilla Lindberg äußerte sich ähnlich. Auf die Frage, ob sie einen Abbruch des internationalen Teils des Fackellaufs durch das IOC für möglich halte, sagte Lindberg, sie sei sich sicher, dass es darüber bei dem Treffen Diskussionen geben werde.

Zuvor hatte bereits ein weiteres IOC-Mitglied Konsequenzen gefordert: Die "internationale Route" müsse überdacht werden, erklärte Kevan Gosper, australisches IOC-Mitglied. Zwar sollte die 137.000 Kilometer lange Reise nach Peking wie geplant fortgesetzt werden, sagte Gosper. Das IOC solle erwägen, die Flamme künftig aus dem griechischen Olympia direkt in das jeweilige Gastgeberland zu schicken.

Gleichzeitig verurteilte Gosper die jüngsten Proteste in London und Paris. "Alles, was ich sagen kann ist, dass wir äußerst enttäuscht sind", sagte Gosper. Die Demonstranten zeigten mit ihren Protesten ihren "Hass" gegen China, das Gastgeberland der Olympischen Sommerspiele, und dieser Hass richte sich dann gegen "unsere Fackel".

Nach den Vorkommnissen in Paris hatte das IOC schon gefordert, "das Recht der Fackel" zu respektieren, "friedlich herumgereicht zu werden". Wie es in einer jetzt veröffentlichten Pressemitteilung am Rande der Olympischen Woche in Peking weiter hieß, will das IOC aber auch das "Recht einer friedlichen Demonstration" respektieren.

In San Francisco sind massive Protesten angekündigt. Pro-tibetische Demonstranten haben mit einer spektakulären Aktion auf der Golden Gate Brücke gegen Chinas Menschrechtspolitik protestiert. Mitglieder der Gruppe "Studenten für ein freies Tibet" erklommen das Wahrzeichen der US-Küstenstadt, hängten zwischen den Stahlseilen ein Transparent mit der Aufschrift "Eine Welt, ein Traum, freies Tibet" auf. Mehrere Stunden war das Banner zu sehen, bevor es von Brückenarbeitern wieder abgenommen wurde. Sieben Menschen wurden festgenommen.

ffr/dpa/AP/AFP

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