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Neue Mohammed-Karikaturen: Der Provokateur von Paris

Von , Paris

Die Welt diskutiert über die neuen Mohammed-Karikaturen im französischen Satireblatt "Charlie Hebdo": Darf man das, ausgerechnet jetzt? Natürlich, rechtfertigt sich Chefredakteur Charbonnier. Er sagt: "Eine Zeichnung hat noch nie getötet."

Das Zentrum des medialen Hurrikans liegt zwischen gepflegten Tennisplätzen, einem Kulturzentrum und der Pariser Stadtautobahn, in einem unauffälligen Bürogebäude. Ein paar Werbefirmen sitzen hier und eine Abteilung der städtischen Polizei, zuständig für Strafzettel. Eine diskrete Adresse: Kein Firmenschild verweist auf das Magazin mit seinen rund 25 Mitarbeitern, in der Rufanlage firmiert "Charlie Hebdo" unter anderem Namen. Einziger Unterschied zum sonst ruhigen Alltag: Vor dem Haus ist ein Kleinbus der Bereitschaftspolizei vorgefahren.

Denn hier, im äußersten Osten der französischen Hauptstadt, sind Verlag und Redaktion von "Charlie Hebdo" zu Hause, seit die früheren Redaktionsräume vor einem Jahr durch einen Brandanschlag zerstört wurden. Der Grund, offensichtlich, auch wenn sich seinerzeit niemand zu dem Attentat bekannte: Karikaturen über den Islam, die in einer Sondernummer unter dem polemischen Titel "Charia Hebdo" verbreitet worden waren.

Jetzt steht die Truppe um Chefredakteur und Zeichner Stéphane Charbonnier wieder im Mittelpunkt. Denn das Satireblatt hat mit der neuerlichen Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen einen Sturm der Empörung ausgelöst. Vertreter von Frankreichs Muslim-Rat, prominente Imame und Regierungsvertreter rügen die berufsmäßigen Polemiker, die allwöchentlich gegen politische, gesellschaftliche und religiöse Tabus zu Felde ziehen.

"Eine Zeichnung hat noch nie getötet"

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"Charlie Hebdo": Aufregung um Mohammed-Karikaturen
Redaktionschef Charbonnier, unter Kollegen als "Charb" bekannt, gibt sich trotz des Aufruhrs gelassen. Während vor ihm die TV-Teams defilieren - Franzosen, Japaner und Redakteure aus Katar, Belgien oder Südafrika - sitzt er am Schreibtisch in der Ecke des großen Versammlungsraums, wo seine Zeichnungen entstehen. Er sieht sich vor allem in der Rolle eines Journalisten, der bloß seine Arbeit macht. "Der Vorwurf, wir würden in der jetzigen Situation Öl ins Feuer gießen, geht mir mächtig auf den Senkel", sagt Charbonnier. "Nach der Veröffentlichung dieses absurden und grotesken Films über Mohammed in den USA haben die anderen Zeitungen auf die Ausschreitungen mit Titelgeschichten reagiert. Wir tun das genauso, nur mit Zeichnungen. Und eine Zeichnung hat noch nie getötet."

Explizit provozieren will der Chefzeichner angeblich nicht. "Wir veröffentlichen jede Woche Karikaturen, aber von Kampfansagen und Kriegserklärungen spricht man nur, wenn es dabei um die Person des Propheten geht oder radikalen Islamismus", sagt Charbonnier. "Wenn man beginnt zu sagen, dass man derartige Zeichnungen nicht machen kann, dann wird das bald auch für andere, harmlosere Darstellungen gelten", fürchtet er.

Charbonnier sieht in dem Titel keinen PR-Coup, keine billige Werbung - auch wenn die aktuelle Auflage von 75.000 Stück bereits vergriffen ist. "Extremisten brauchen keine Vorwände. Wir kritisieren nur eine bestimmte Form des extremistischen Islam, wenn auch in kurioser, satirisch zugespitzter Form. Wir sind nicht für die Auswüchse verantwortlich, die anderswo passieren, nur weil wir im Rahmen der gesetzlichen Prinzipien unser Recht auf Meinungsfreiheit ausüben." Charbonnier bescheiden: "Mein Metier ist es, mit Zeichnungen Lachen oder Nachdenken zu provozieren - für die Leser unseres Blattes."

Zu den Reaktionen seiner muslimischen Landsleute sagt er: "Wenn sie über unsere Karikaturen nicht amüsiert sind, dann brauchen sie unser Blatt nicht zu kaufen. Natürlich dürfen sie demonstrieren. Protest gehört geschützt, solange man sich an Recht und Gesetz hält und gewaltfrei bleibt." Charbonnier meint, dass Muslime in Frankreich Bürger wie alle anderen sein sollten - und damit der Toleranz verpflichtet. "Wenn die Regierung davon ausgeht, dass Muslime humorlos sind, dann ist das ein Affront. Damit werden diese Gläubigen zu Bürgern zweiter Klasse."

"Ausgerechnet Marine Le Pen als Verteidigerin der Meinungsfreiheit"

Beifall erhält "Charlie Hebdo" nun ausgerechnet von Politikern, die sonst selbst Satire-Opfer des Blattes werden. Das konservative Lager und sogar Marine Le Pen, die Chefin des rechtsextremen Front national, springen Charbonnier bei. Le Pen erregte sich in einem TV-Interview: "Kann ich zulassen, dass mein Land in Schutt und Asche gelegt wird, nur weil einer von rund 9000 Titeln, die in Frankreich erscheinen, eine Karikatur veröffentlicht? Wollen wir in Angst und Schrecken leben, in der Selbstzensur?" Charbonnier findet das "lachhaft", schließlich sehe Marine Le Pen sich selbst gar nicht gern karikiert.

Repressalien fürchtet Charbonnier nicht, bisher gab es nur Attacken gegen die Internetseite von "Charlie Hebdo". "Wenn man sich bei jeder Zeichnung, bei jeder unserer 1057 Ausgaben Sorgen gemacht hätte um die Konsequenzen, dann hätten wir den Laden längst dichtmachen müssen." Für den Schutz der Polizei, die sich schon während der Drucklegung "höflich und besorgt" nach dem Inhalt der kommenden Ausgabe erkundigt hatte, ist er dennoch dankbar. "Es ist schon verrückt", grinst der Zeichner, "dass ausgerechnet unser Blatt, das die Polizei bei jeder Gelegenheit verspottet, nun von ihr geschützt wird. Was nur bedeutet, dass in unserm Land die Meinungsfreiheit geschützt wird."

Tabus soll es auch künftig nicht geben bei "Charlie Hebdo", gleich ob bei politischen oder religiösen Themen. "Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken." Angst vor Anschlägen, vor Gewalt gegen ihn und seine Kollegen? "Ich habe weder Frau noch Kinder, nicht mal einen Hund. Aber verstecken werde ich mich nicht." Und so wird am Freitag eine weitere Auflage von 75.000 Exemplaren erscheinen.

Für alle Fälle ist die Telefonnummer des lokalen Polizeireviers am Eingang der Redaktionsräume angeschlagen: "Kontakt für Notfälle".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 380 Beiträge
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1. da hat er recht
gsundsamma 19.09.2012
aber auch: Ein Trottel bleibt ein Trottel
2. vollkommen richtig.
atheist1985 19.09.2012
Mohammed muss so lang durch den Kakao gezogen werden bis die Muslime gelernt haben vernünftig damit umzugehen.
3. Bravo ! Bravo!
Fackus 19.09.2012
Zitat von sysopAPDie Welt diskutiert über die neuen Mohammed-Karikaturen im französischen Satireblatt "Charlie Hebdo": Darf man das, ausgerechnet jetzt? Natürlich, rechtfertigt sich Chefredakteur Charbonnier. Er sagt: "Eine Zeichnung hat noch nie getötet." Charlie-Hebdo-Chefredakteur rechtfertigt neue Mohammed-Karikaturen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856804,00.html)
Gerade geht über andere Ticker, dass auch die Titanic nachzieht! Endlich bewegt sich was. Mutig sind die schon. Respekt. Würde mir das unter den gegebenen Umständen nicht trauen. Ich finde das heldenhaft und vorbildlich.
4. Ich verstehe das nicht
wschwarz 19.09.2012
Zitat von sysopAPDie Welt diskutiert über die neuen Mohammed-Karikaturen im französischen Satireblatt "Charlie Hebdo": Darf man das, ausgerechnet jetzt? Natürlich, rechtfertigt sich Chefredakteur Charbonnier. Er sagt: "Eine Zeichnung hat noch nie getötet." Charlie-Hebdo-Chefredakteur rechtfertigt neue Mohammed-Karikaturen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856804,00.html)
Warum müssen sich die Karrikaturisten an Mohammed profilieren, warum aknn man nicht einfach mal Ruhe geben? ich kenne keinen Moslem, der auf das Kreuz sch..t, die Christen verhalten sich andauernd provokant.
5.
Hesekiel 19.09.2012
Zitat von sysopAPDie Welt diskutiert über die neuen Mohammed-Karikaturen im französischen Satireblatt "Charlie Hebdo": Darf man das, ausgerechnet jetzt? Natürlich, rechtfertigt sich Chefredakteur Charbonnier. Er sagt: "Eine Zeichnung hat noch nie getötet." Charlie-Hebdo-Chefredakteur rechtfertigt neue Mohammed-Karikaturen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856804,00.html)
PR? Klar, sicherlich ein Gedanke dahinter. Grundsätzlich aber eine richtige Aktion, die ich mir so auch von anderen Zeitungen und Magazinen wünschen würde. Solidarität ist gerade jetzt gefragt um klarzumachen, dass wir unsere aufgeklärte, demokratische Gesellschaftsordnung nicht opfern, sobald irgendeine anachronistische Ideologie zu marodieren beginnt. Mohammedkarikaturen jetzt, bis den Protestierern die in China genähten Flaggen ausgehen!
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