Mutmaßliche "Charlie Hebdo"-Mörder Kicken mit al-Qaida

Wie eng ist die Verbindung der Brüder Kouachi zu al-Qaida? Bei einem Fußballspiel in Südfrankreich trafen sie auf berüchtigte Islamisten. Der ältere der mutmaßlichen "Charlie Hebdo"-Täter besuchte offenbar ein Terrorcamp.

Aus Paris berichtet

Mutmaßliche Täter von Paris (Video-Standbild): Nähe zu al-Qaida
DPA

Mutmaßliche Täter von Paris (Video-Standbild): Nähe zu al-Qaida


Es war eine besondere Fußballrunde, die sich im April 2010 in Südfrankreich versammelt hatte. Auf dem Platz stand der heute 32-jährige Cherif Kouachi, einer der beiden Hauptverdächtigen des Attentats auf "Charlie Hebdo" (Hier die aktuellen Entwicklungen im Liveticker). Neben ihm drei berüchtigte Islamisten: Ahmed Laidouni, 45, ein Dschihad-Rekrutierer, Farid Melouk, 48, Mitglied der algerischen Terrorgruppe GIA, und Djamel Beghal, 49, ein Qaida-Mann.

Heimlich fotografierte damals der französische Geheimdienst die Fußballspieler, berichtet die Zeitung "Telegraph". Die Zeitung "Le Monde" zeigt nun die Aufnahmen dieses seltsamen Kicks.

Die vier Männer waren im südlichen Département Cantal zusammengekommen. Denn der Qaida-Mann Djamel Beghal durfte die Region wegen Behördenauflagen nicht verlassen. Frankreich hatte dem gebürtigen Algerier, der mit einer Französin verheiratet ist und mehrere Kinder mit ihr hat, 2006 seine französische Staatsbürgerschaft entzogen.

Tatverdächtige Cherif Kouachi,   Said Kouachi (r.): Weiter auf der Flucht
AFP/ French Police

Tatverdächtige Cherif Kouachi, Said Kouachi (r.): Weiter auf der Flucht

Eigentlich wollte Frankreich ihn danach abschieben. Doch Algerien, wo Beghal Folter drohen könnte, kam nicht in Frage. Paris dachte an Französisch-Guayana in Südamerika. Aber der Plan scheiterte, weil Beghal nicht rechtzeitig gegen Gelbfieber geimpft wurde, wie damals "Le Monde" berichtete.

Beghal gilt als einer von Qaidas Anschlagsplanern in Europa

Beghal könnte das Verbindungsglied zwischen den Brüdern Kouachi und al-Qaida sein. Europas Geheimdienste vermuten, dass Beghal einer von al-Qaidas Anschlagsplanern in Europa war. Er hat eine lange Laufbahn im Terrornetzwerk hinter sich. Schon 2000 soll er die Trainingslager in Afghanistan durchlaufen haben. Angeblich ließ er sich auch Abu Hamza nennen, weil er den gleichnamigen Hassprediger bewunderte.

Im Juli 2001 wurde Beghal auf Bitten Frankreichs in Abu Dhabi verhaftet. Den Ermittlern dort sagte er, er habe von al-Qaida den Auftrag erhalten, Anschläge in Europa durchzuführen. Doch als er im Oktober 2001 nach Frankreich ausgeliefert wurde, nahm Beghal diese Aussagen zurück - sie seien unter Folter entstanden.

In Haft kam er trotzdem: 2005 wurde Beghal in Frankreich zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er einen Anschlag auf die US-Botschaft in Paris geplant haben soll und mit Qaida-Anhängern in Großbritannien, Deutschland und Spanien in Kontakt stand.

Kurz nach seiner Freilassung und dem Fußballspiel 2010 fiel Beghal Frankreichs Behörden wieder auf. Er soll versucht haben, einem berüchtigten Terroristen zur Flucht zu verhelfen.

Während der Ermittlungen wurde auch Cherif Kouachis Name genannt.

Er soll von Beghal in den Plan eingeweiht worden sein. Zur Anklage gegen Kouachi kam es nicht. Beghal dagegen wurde 2014 erneut verurteilt: dieses Mal zu zehn Jahren Haft.

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Attentäter von Paris: Einsatz am Boden und in der Luft
Wenig später reist der ältere Bruder in den Jemen

Möglicherweise gab das Fußballspiel im April 2010 auch dem Leben von Said Kouachi, Cherifs älterem Bruder, eine entscheidende Wende: Anders als Cherif war Said bis dahin Frankreichs Behörden nicht mit Verbindungen zum radikalen Islamismus aufgefallen.

Die entscheidende Frage: Hat Beghal den Kontakt der beiden Brüder zu al-Qaida hergestellt? Schon Anfang 2011 reiste Said Kouachi in den Jemen und besuchte dort mehrere Monate lang ein Trainingslager von al-Qaida, berichten US-Medien. Al-Qaida im Jemen (AQAP) ist derzeit der Ableger des Terrornetzwerks, der sich am stärksten international engagiert: AQAP hegt Ambitionen, Anschläge im Westen durchzuführen, und ist auch in der Lage, diese zu organisieren. AQAP steckte beispielsweise hinter dem Versuch des Unterhosenbombers von Detroit.

Für Cherif Kouachi wäre es wohl schwierig gewesen, in ein Flugzeug Richtung Qaida-Trainingslager zu steigen. Im Januar 2005 war er bereits verhaftet worden, weil er nach Syrien reisen wollte. Seine Verbindung zu Beghal brachte ihn zusätzlich auf das Radar der Behörden. Doch sein bis dahin weitgehend unauffälliger älterer Bruder Said konnte - möglicherweise über Umwege - in den Jemen ausreisen.

Erwiesen ist in dem tragischen Fall noch nichts. Es steht jedoch zu vermuten, dass dieser Stabwechsel den Brüdern geholfen haben dürfte, unauffällig zu bleiben. Zuletzt wurden sie nach Angaben der Behörden überwacht. Wie lange, ist jedoch unklar.

Die Brüder gelten weiter als Hauptverdächtige im Fall "Charlie Hebdo". Die Indizien gegen sie verhärten sich. Am Donnerstag sagte Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve, dass Said Kouachi auf einem Foto als der "Aggressor" wiedererkannt wurde.

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amidelis 09.01.2015
1. Ein Glück
Dass die Verfassungsschützer hüben wie drüben sind wohl aus dem selben Holz geschnitzt. Ich habe weniger Furcht vor radikalen als vor der Inkompetenz unserer Sicherheitsorgane
arkimethans 09.01.2015
2.
Natürlich durften sie wieder einreisen. Unfassbar! Das gleiche Trauerspiel hier in Deutschland! Warum darf jemand, der nach Syrien reist, um dort im Namen des Islam zu morden und zu vergewaltigen, wieder in die Bundesrepublik einreisen? Hundertfach in der Bundesrepublik geschehen! Wer schläft denn da in der Politik? Wir haben lauter Juristen im Parlament, aber die sind offenbar unfähig, entsprechende Maßnahmen einzuleiten.
Neonikari 09.01.2015
3.
Während die Familien der zwölf Ermordeten vom 7.01.2015 in Paris noch kaum begriffen haben dürften, welches Schicksal sie getroffen hat, ist die Untat medial bereits endgültig in die vorhandenen Frames einsortiert. Exemplarisch schreibt die ?Berliner Zeitung? von heute: ?Das Massaker von Paris ist Rache für satirische Zeichnungen, in denen die Täter eine Verunglimpfung ihres Propheten sehen.? Woher wissen die Redakteure das? Aus den Ausrufen, die die Killer während des Angriffs gemacht haben sollen? Könnte nicht jeder so etwas rufen? Oder wissen sie es durch den glücklichen Fund des Personalausweises eines Verdächtigen, den er aller sonstigen Professionalität zum Trotz in einem der Fluchtautos verloren haben soll? Er weist einen arabischen Namen auf. Ist damit bereits alles erklärt? Und wenn die Mörder tatsächlich fanatische Islamisten gewesen sind, wieso geht dann fast niemand der kommentierenden Politiker und Medienvertreter davon aus, dass die Muslime ebenso empört über die Tat sind, wie alle anderen auch? Merkt man nicht, dass man sie durch die Interpretationen und Forderungen, die jetzt ebenso vorschnell in den Raum geworfen werden wie die Schlussfolgerungen aus der Tat, aus der Gesellschaft ausgliedert? Wichtige andere Hinweise und Fragen sucht man bisher in der Berichterstattung weitestgehend vergeblich: Warum hatte die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo trotz mehrfacher Anschläge keinen Gebäudeschutz mit mehreren Polizisten, sondern nur Personenschutz für den Chefredakteur? Woher wussten die Attentäter, dass genau zu dem Zeitpunkt die wöchentliche Redaktionssitzung stattfand, bei der ausnahmsweise viele Mitarbeiter da sind? Was bedeutet es, dass diese Tat ganz offensichtlich lange geplant war? Wer auch immer die Terroristen waren und welche Motive sie genau verfolgten, die beobachtbaren Reflexe der Zuweisung von Unterstellungen und Ängsten haben bereits einen wesentlichen Effekt erzielt: Spaltung und Polarisierung. Weitere Radikalisierung und Eskalationen auf allen Seiten sind daher zu erwarten. Die ?Lügenpresse?-Rufer von gestern feiern nun bereits die Meinungs- und Pressefreiheit als nützlichen Gegenpol zu Islam und Muslimen.
raphaela45 09.01.2015
4. Jetzt kommt es drauf an
Es kommt jetzt drauf an, Bürgerkriege innerhalb der mitteleuropäischen Gesellschaften zu verhindern....Sowohl radikale Islamisten sind eine Gefahr als auch extreme Rechte. Die große Mehrheit der Bevölkerungen steht zu Menschen- und Bürgerrechten in einer säkularen Gesellschaft und will FRIEDLICH zusammenleben. Ganz egal, welche individuellen weltanschaulichen Hintergründe die Menschen haben. Dieses friedliche Zusammenleben ist von BEIDEN Seiten (fundamental-religiöser sowie nationalistischer) gefährdet. Und die normalen, friedliebenden Bürger müssen diesen beiden Extremen ohne Angst entgegentreten. Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen ist KEIN Mittel, Gewalt zu verhindern: Weder hinsichtlich Muslimen, noch hinsichtlich derjenigen, die sich an Pegida-Demonstrationen beteiligen. - Bestehende Probleme müssen diskutiert werden (nur SO kann man sie lösen), wobei niemand jemals vergessen sollte, daß wir alle gleichWERTige MENSCHEN sind. Es GIBT gemeinsame Werte, die in den universellen Menschenrechten begründet sind. Besinnen wir uns auf deren wahren Kern, können wir sie GEMEINSAM und GEWALTFREI gegen jeden Versuch der Aufhetzung verteidigen.
Spanier.cs 09.01.2015
5.
Ich hoffe, dass diese Monster lebend gefasst werden. Ihnen soll ein Prozess gemacht werden, damit die Rechtsprechung endlich ein Exempel an Terroristen statuieren kann. Der Tod würde ihnen nur das vermeintliche Paradies bringen!
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