Wichtige Fakten im Grafik-Überblick Das Terrornetz von Paris

Mindestens zwei der drei Attentäter von Paris gehörten vor Jahren zur Islamistenzelle "Buttes Chaumont". Was ist das für eine Gruppe? Wer kannte wen? Unsere Grafik zeigt die Verstrickungen auf.

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Buttes-Chaumont-Park in Paris
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Buttes-Chaumont-Park in Paris

Buttes-Chaumont heißt ein idyllischer Park im Nordosten von Paris. Nun wird der Name weltweit zum Inbegriff des Terrors. Vor zehn Jahren trafen sich dort regelmäßig Radikalislamisten zum Joggen - und zur Vorbereitung auf den Dschihad im Irak. Frankreichs Sicherheitskräfte nannten sie deswegen die "Buttes-Chaumont-Zelle". Die "Charlie-Hebdo"-Attentäter Chérif und Saïd Kouachi gehörten dazu, vermutlich auch Geiselnehmer Amédy Coulibaly.

Zwar wurde die Gruppe 2005 aufgelöst und ihre Anhänger verurteilt. Wie eng der Kontakt unter den einstigen Mitgliedern zuletzt noch war, ist bisher nicht bekannt.

Wer war mit wem in Kontakt? Wer gehörte zu welcher Gruppe? Die SPIEGEL-ONLINE-Grafik mit den bisher bekannten Fakten.


AFP

Saïd Kouachi: in Paris geboren, algerischstämmig, 34 Jahre alt. Soll Teil der Buttes-Chaumont-Gruppe gewesen sein. US-Medienberichten zufolge wurde er 2011 bei al-Qaida im Jemen militärisch ausgebildet. Laut unbestätigten Berichten aus dem Jemen soll er sich dort bereits 2009 aufgehalten haben. Er soll auf einer Terror-Beobachtungsliste der USA gestanden haben.


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Chérif Kouachi: in Paris geboren, algerischstämmig. Der 32-Jährige war Teil der Buttes-Chaumont-Gruppe. Kouachi wollte im Januar 2005 über Damaskus in den Irak reisen, wurde allerdings am Flughafen in Paris festgenommen und saß bis Oktober 2006 im Gefängnis. Dort soll er sich stark radikalisiert haben. Wurde dann 2008 zu drei Jahren Haft verurteilt, davon 18 Monate auf Bewährung. Diese Strafe galt durch die vorherige Untersuchungshaft als abgegolten.

Der jüngere der beiden Brüder soll 2010 an Plänen beteiligt gewesen sein, Belkacem aus dem Gefängnis zu befreien. Dies konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden. Während des Attentats auf "Charlie Hebdo" bekannte er sich gegenüber einem TV-Sender zu al-Qaida im Jemen (AQAP). Kouachi hat sich nach eigenen Angaben im Jemen aufgehalten. Er selbst behauptete, dort Kontakt mit Anwar al-Awlaki, einer zentralen AQAP-Führungsfigur, gehabt zu haben. Er soll auf einer Terror-Beobachtungsliste der USA gestanden haben.


AP

Amédy Coulibaly: malische Wurzeln, 33 Jahre alt. Soll Teil der Buttes-Chaumont-Gruppe gewesen sein, seit wann genau ist unklar. Seit 2001 saß er wegen verschiedener Delikte mehrere Haftstrafen ab und lernte Chérif Kouachi wahrscheinlich 2005 im Gefängnis kennen. 2010 wurde er erneut verhaftet wegen seiner Beteiligung an Plänen, den inhaftierten Smaïn Aït Ali Belkacem zu befreien. Er wurde deswegen erneut zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber schon 2014 wieder auf freien Fuß. Er bekannte sich in einem Video zum "Islamischen Staat", das nach seinem Überfall auf den jüdischen Supermarkt öffentlich wurde.


AFP

Hayat Boumeddiene: Lebensgefährtin von Coulibaly, 26 Jahre alt. Ihre Rolle bei den Attentaten ist unklar. Sie hatte Frankreich beim Beginn der Taten bereits verlassen und war über die Türkei nach Syrien ausgereist. Soll zuvor intensiven telefonischen Kontakt mit der Frau von Chérif Kouachi gehabt haben, zumindest legen das die Überwachungsdaten der französischen Sicherheitsdienste nahe.


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Smaïn Aït Ali Belkacem: in Algerien geboren, 46 Jahre alt. Er war an einer Serie von islamistischen Attentaten beteiligt, die 1995 Frankreich erschütterte. Damals tobte in Algerien ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen den Militärs und den Islamisten. Belkacem gehörte der radikalislamistischen Organisation "Groupe Islamique Armé" (GIA) an. Sie verübte sowohl in Algerien als auch in Frankreich Anschläge. Bis 1962 war Algerien eine Kolonie Frankreichs. Belkacem wurde 2002 zu lebenslanger Haft verurteilt. 2010 sollen Amédy Coulibaly und Chérif Kouachy an einem Plan beteiligt gewesen sein, ihn aus der Haft zu befreien.

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Farid Benyettou: algerischstämmig, 1981 geboren. Offenbar religiöser Vordenker der Buttes-Chaumont-Gruppe. Er soll Altersgenossen überredet haben, zum Kämpfen in den Irak zu reisen. Die Kouachi-Brüder lernten ihn 2003 offenbar im Umfeld der inzwischen abgerissenen Adda'wa-Moschee im Viertel um den Buttes-Chaumont-Park kennen. Er wurde ebenfalls 2005 bei dem Versuch der Ausreise in den Irak verhaftet und im Mai 2008 wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. 2011 entlassen, machte er danach eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Seitdem ist er französischen Sicherheitsdiensten nicht mehr aufgefallen.


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Boubaker al-Hakim: Offenbar zentrale Figur der Zelle. Hakim soll im Irak gekämpft haben und gilt heute als Top-Terrorist für den IS in Syrien. Benyettou und Hakim kennen sich aus dem Umfeld der Adda'wa-Moschee. Hakim soll im August 2004 nach Syrien gereist, an der Grenze zum Irak verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert worden sein. Er wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Reiste nach seiner Freilassung nach Tunesien. Hakim bekannte sich 2014 im Namen des "Islamischen Staats" zu den Morden an den beiden tunesischen Oppositionspolitikern Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi. Wie lange er mit Mitgliedern der Buttes-Chaumont-Gruppe Kontakt hatte, ist unklar.


AFP

Djamel Beghal: Angeblich ist er 2000/2001 in Terrorlagern in Afghanistan ausgebildet worden. Er wurde wegen eines Anschlagsplans auf die US-Botschaft in Paris zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung 2009 lebte er in Murat im Département Cantal. Wurde dort um 2010 von Chérif Kouachi und Coulibaly besucht. Nachdem der Plan aufgeflogen war, Belkacem zu befreien, wurde Beghal wegen seiner Beteiligung an den Plänen erneut zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Er ließ eine Verwicklung in den Anschlag auf "Charlie Hebdo" dementieren. Chérif Kouachi und Beghal sollen sich bereits 2005/2006 im Gefängnis kennengelernt haben. Geheimdienste gehen davon aus, dass Beghal ein wichtiger Rekrutierer al-Qaidas in Europa war.


DPA/ SITE Intelligence

Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP): Ableger al-Qaidas im Jemen. Ihr Ideologe Anwar al-Awlaki, 2011 bei einem Drohnenangriff getötet, rief mehrfach dazu auf, Karikaturisten zu ermorden, die aus seiner Sicht den Propheten Mohammed beleidigen. AQAP gilt derzeit als der Qaida-Ableger mit den größten internationalen Ambitionen. Immer wieder hat die Gruppe versucht, Anschläge im Westen zu organisieren. 2009 schickte sie den sogenannten Unterhosenbomber von Detroit. Eine Woche nach den Anschlägen von Paris hat sich AQAP zu dem Attentat bekannt.


"Islamischer Staat" (IS): Der IS entstand als irakischer Ableger von al-Qaida. Die Gruppe entwickelte jedoch ein Eigenleben. 2013 sagte sie sich von der Qaida-Zentralführung los.


Buttes-Chaumont-Zelle: Die Gruppe junger Islamisten ist nach dem Buttes-Chaumont-Park im 19. Arrondissement benannt; warb Freiwillige für den Dschihad im Irak und die dortige al-Qaida an. Die französische Polizei deckte die Verbindung 2005 auf, mehrere Mitglieder wurden verhaftet.

Mitarbeit: Mara Küpper, Nina Ulrich, Rainer Szimm

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