Historische Konferenz bei "Charlie Hebdo" "Die erwarten einen großen Mohammed von uns"

Wie arbeitet "Charlie Hebdo?" Ein Film zeigt eine Redaktionskonferenz von 2006 - berührende Aufnahmen, die Einblick in das Denken der ermordeten Zeichner geben. Die nächste "Ausgabe der Überlebenden" soll in einer Auflage von einer Million erscheinen.

vimeo/Jérôme Lambert & Philippe Picard

Paris - Die Aufnahmen sind neun Jahre alt, es sind unspektakuläre Bilder einer Redaktionskonferenz. Die Atmosphäre ist entspannt, gleichzeitig konzentriert. Man sieht hier französischen Intellektuellen bei der Arbeit zu, beim Zeichnen, beim Denken. Oft wird gelacht.

Jetzt, nach der bestialischen Attacke auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", haben diese Bilder eine neue Bedeutung. Sie legen Zeugnis ab vom Werk der ermordeten Journalisten und Karikaturisten der Satirezeitschrift. Sie zeigen die Männer, die jetzt tot sind - vor drei Tagen erschossen von islamistischen Terroristen, mitten in Paris, bei ihrer Arbeit, in einer ähnlichen Situation, wie der in der der Film sie zeigt.

Das französische Fernsehen strahlte den Film von Jérôme Lambert und Philippe Picard mit dem Titel "Cabu, politicement incorrect!" im Jahr 2006 aus. Er zeigt, wie die "Charlie Hebdo"-Macher die nächste Ausgabe planen und wie das Titelbild entsteht. Es wurde eine historische Ausgabe, denn "Charlie Hebdo" druckte im Februar 2006 die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" nach und ergänzte sie um eigene Zeichnungen.

"Frankreich ist ein Paradies"

Bei der Redaktionskonferenz stehen die ZeichnerCabu, Georges Wolinski und Tignous, alle drei wurden am Mittwoch ermordet, sowie der ehemalige langjährige Chefredakteur des Blattes, Philippe Val, im Zentrum. Die Konferenz beginnt damit, dass Wolinski erklärt, warum er Interviews zu den Mohammed-Karikaturen, die in Dänemark erschienen und in der muslimischen Welt mit Gewalt beantwortet wurden, abgelehnt habe. "Was hätte ich sagen sollen?" Dass es normal sei, dass man über alles lache, fragt er.

Was soll aber das eigene Blatt dazu bringen? "Die Erwartung ist ein großer Mohammed-Kopf", so Cabu. Val wiederholt: "Ja, ich glaube, die erwarten einen großen Mohammed von uns." Cabu und Wolinksi sprechen darüber, dass kommunistische Führer im eigenen Land fast nie karikiert würden - zum Beispiel Fidel Castro in Kuba. Dann sagt Cabu: "Also haben wir Schwein". Ein anderer, der Stimme nach Wolinski, ergänzt: "Frankreich ist ein Paradies."

Viele Zeichnungen sind mittlerweile an eine Wand gepinnt und Cabu zeichnet das spätere Titelbild - den Propheten Mohammed, der sich die Augen zuhält. Dazu die Zeile: "Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden." Cabu im karierten Hemd lacht. Philipp Val, der Chefredakteur hat noch einen anderen Satz, der dazu soll: "Mohammed von Fundamentalisten überfordert".

So sollte der Titel dann erschienen.

Asterix-Zeichner Uderzo will für "Charlie Hebdo" zeichnen

Die Redaktion von "Charlie Hebdo" muss nun ohne ihre prominenten Zeichner, ohne ihre Freunde auskommen - aber sie macht, neu aufgestellt, weiter. Die Kollegen der Zeitung "Libération" haben den "Charlie Hebdo"- Leuten Unterschlupf gewährt. Die "Ausgabe der Überlebenden" soll neben Frankreich auch in mehreren weiteren Ländern erscheinen - in Spanien und der Schweiz, möglicherweise auch in Kanada. Statt der üblichen 60.000 Exemplare soll eine Auflage von einer Million gedruckt werden. Der neue Chefredakteur des Magazins, Gérard Biard, kündigte am Freitag an, dass die Ausgabe Zeichnungen der gesamten Redaktion, einschließlich der vier getöteten Karikaturisten, enthalten werde.

Das neue Heft erscheint mit Unterstützung anderer Zeitungen sowie der Pressevertreiber, die für die neue Ausgabe kein Geld nehmen wollen. "Charlie Hebdo" litt bereits vor dem Anschlag unter schweren finanziellen Problemen. Auch die französische Regierung will dem Magazin eine Million Euro zuschießen, damit es weiter erscheinen kann. Andere Medien stellen Räume, Personal und Material zur Verfügung. Selbst der Zeichner Albert Uderzo, der Vater von Asterix und Obelix, will aus dem Ruhestand zurückkehren und für "Charlie Hebdo" zeichnen.

Millionenfach haben sich Menschen weltweit unter dem Slogan "Je suis Charlie" mit dem Magazin solidarisiert. Auf Twitter wurde das Hashtag #JeSuisCharlie nach eigenen Angaben nach der Attacke vom Mittwoch bisher mehr als fünf Millionen Mal benutzt.

"Charlie Hebdo"-Zeichner wundert sich über viele neue Freunde

Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, erklärte am Freitag, "Charlie Hebdo" werde Ehrenbürger der Stadt. "Mit der Entscheidung, sie an 'Charlie Hebdo' zu verleihen, zollt Paris, unsere Stadt, einer heroischen Zeitung den Respekt, der Helden gebührt", erklärte Hidalgo.

Nicht alle Solidaritätsbekundungen gefallen den überlebenden "Charlie Hebdo"-Mitarbeitern. Der niederländische Karikaturist Willem, der für das Magazin zeichnet, sagte der Zeitung "Volkskrant": "Wir haben viele neue Freunde wie den Papst, Königin Elizabeth und Putin. Da muss ich lachen." Mit Blick auf Unterstützungsbekundungen des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders sagte Willem, "wir kotzen auf all die Leute, die plötzlich sagen, unsere Freunde zu sein".

In Bezug auf die Vorsitzende des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, sagte der 73-jährige Karikaturist, sie sei "entzückt, wenn Islamisten irgendwo herumschießen".

Willem saß am Mittwoch im Zug zwischen Lorient und Paris, als er von dem Angriff auf die "Charlie Hebdo"-Redaktionskonferenz in der französischen Hauptstadt erfuhr.

anr/AFP/Reuters

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tesse 10.01.2015
1.
das ist die richtige Entscheidung, gerade jetzt ist es doch wichtig die Zeitschrift nicht aufzugeben!
scharfekante 10.01.2015
2. Doppelmoral
Dasselbe Magazin hat sich nicht gescheut, einen islamischen Karikaturisten wegen "Antisemitismus" fristlos zu entlassen, nur weil er eine Schwiegertochter des französischen Präsidenten aufs Korn genommen hat. Da gibt's auf einmal keine "Meinungsfreiheit".
hanseat89 10.01.2015
3.
Noch schön Profit rausholen, so habe ich mir das gedacht, schade dass ich nicht vorher schon eingestiegen bin! Da wird jetzt der Mega Reibach gemacht Naja Unternehmergeist haben sie
zostrianos 10.01.2015
4. Cabu, politicement incorrect!
Politisch inkorrekt - so so. Das zeigt ja dann wohl auch den deutlich den Unterschied zu unseren politisch weichgespülten Medien, die sich jetzt auch noch den wohlfeilen Spruch, Je suis charlie, ans Revers heften möchten. Nein, liebe SPON-Meinungsmacher, ihr habt mit Charlie nichts zu tun, ihr könnt ganz beruhigt sein, bei euch wird kein wilder Islamist mit der Kalaschnikow vor der Tür stehen. Warum sollte er? Am 11. Dezember hatte ich in einem Beitrag auf Theo van Gogh, der genau vor 10 Jahren umgebracht wurde, hingewiesen, auch auf Pim Fortuyn. Auf Autor Salman Rushdie, der seit Jahrzehnten im Versteck leben muss. Auf den Karikaturisten und Islamkritiker Kurt Westergard, auf den ein Mordanschlag verübt wurde. Auf Hamed Abdel-Samad, über den die Fatwa verhängt wurde. Ich hatte einen Tag nach seinem Tode auf Ralph Giordanos hingewiesen und seinen Satz: "Der Islam ist uns den Beweis schuldig, ob er mit der Demokratie vereinbar ist!" Der Beitrag blieb unveröffentlicht.
taglöhner 10.01.2015
5. Vive la France
Unsere Nachbarn zeigen Heldenmut, gerade wenn es ans Eingemachte geht. Bravo. Vor diesem Hintergrund möge man sich manche Texte Augstein Juniors ins Gedächtnis rufen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.