Ursachensuche nach den Attentaten Ein französisches Problem

Nach den Anschlägen ist Frankreich erschüttert. Wie konnte es so weit kommen? Das Land sucht nach den Ursachen - doch diese liegen wohl in altbekannten Problemen der französischen Gesellschaft.

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Aus Paris berichtet


Drei Tage in Folge haben Attentate Frankreich erschüttert. Viele Franzosen fühlen sich bedroht. Sie sehen eine Verbindung zu den Vorfällen vor Weihnachten: In Nantes und in Dijon rasten zwei psychisch Kranke mit ihren Autos in Weihnachtsmärkte. Die Angst ist groß, dass es nun so weitergehen könnte. Die Terror-Warnung bleibt in Frankreich auf ihrer höchsten Stufe.

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Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

Vor allem Frankreichs Juden sind besorgt. Bereits 2014 hatte sich die Zahl der antisemitischen Anschläge verdoppelt im Vorjahresvergleich - und nun die Attacke auf den jüdischen Supermarkt. In den 48 Stunden nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" wurden in Frankreich auch drei Moscheen beschossen oder mit Granaten beworfen und mindestens sechs verunstaltet.

Krieg - dieses Wort ist in Frankreich in aller Munde; nur Frankreichs Präsident François Hollande (Sozialistische Partei) hat es bisher nicht ausgesprochen. Von einem "Krieg des Islamismus gegen den Westen", "gegen die Zivilisation" oder "gegen unsere Werte" sprechen viele konservative Politiker und Kommentatoren. Sie schlagen einen Bogen von Frankreich über Libyen, Syrien, Irak oder Mali. Wer ist da eigentlich im Krieg gegen wen?

Die Täter und Opfer waren Franzosen. Das sticht bei den Anschlägen von Paris besonders heraus: Anders als bei den Qaida-Anschlägen vom 11. September 2001, von Madrid 2004 oder von London 2005 wurden auch nicht pauschal die Staatsbürger eines Landes ins Visier genommen. Die Täter konzentrierten sich auf bestimmte Personengruppen: Juden sowie Menschen, die sie als feindliche Vertreter des französischen Staates wahrnahmen: Journalisten und Polizisten. Die Attentate sind ein französisches Problem.

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Terror in Frankreich: Zugriff in der Dunkelheit
Erst spät wurden sie zu Radikalislamisten

In ganz Europa lassen sich zunehmender Antisemitismus und eine wachsende Dschihad-Begeisterung feststellen. Allerdings ist diese Tendenz in keinem Land so ausgeprägt wie in Frankreich. Aus keinem europäischen Land sind mehr Bürger in das Kriegsland Syrien ausgereist - mindestens tausend, nach manchen Schätzungen sogar bis zu 2000 Franzosen. Der erste und bisher einzige Anschlag in Europa, der von Syrien-Heimkehrern verübt wurde, war die Attacke von Brüssel. Der Täter? Ein Franzose. Was läuft schief in Frankreich?

Frankreichs Debatte dreht sich bisher vor allem um mutmaßliche kulturelle Gründe: Viele französische Radikalislamisten haben einen arabischen oder afrikanischen Migrationshintergrund. Doch sie wurden wohl kaum mit einem Dschihad-Gen geboren und offenbar auch nicht zu Radikalislamisten erzogen: Die Brüder Kouachi, Amedy Coulibaly und die vierte Verdächtige, Hayat Boumedienne, haben sich erst sehr spät, in ihren Zwanzigern, für Dschihadismus interessiert.

Nichts entschuldigt die Attentate. Solche Verbrechen können auch nicht erklärt werden. Keine schwierige Kindheit - als Waisen wie bei den Brüdern Kouachi oder durch den frühen Verlust des Vaters wie im Fall von Amedy Coulibaly - zwingt jemanden dazu, zum Mörder zu werden. Man kann sich der Gewalt nur annähern. Welche Bedingungen machen einen Menschen eher anfällig dafür?

Es sind Frankreichs altbekannte Missstände

Die Lebensläufe der Brüder Kouachi und von Amedy Coulibaly wurden seit den Anschlägen gründlich unter die Lupe genommen. Auffällig sind drei Gemeinsamkeiten - alles französische Dauerprobleme.

  • Häftlinge: Chérif Kouachi und Amedy Coulibaly waren im Gefängnis. Beide kamen radikalisierter heraus als sie es vorher waren: Danach standen sie in Kontakt mit einem Qaida-Mann, Djamel Beghal. Coulibaly begann erst in Haft, sich überhaupt für den Islam zu interessieren. Das Problem der Radikalisierung in den Gefängnissen treibt Frankreich seit den Neunzigern um. Immer wieder gibt es Reformversuche, bisher ohne Erfolg.
  • Arbeitslose: Die Kouachis, Coulibaly und Boumedienne haben sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten - Pizza-Bote, Fischverkäufer, Kassiererin. Keiner von ihnen hatte studiert. Mindestens zwei von ihnen hatten Berufsausbildungen, doch fanden sie danach keinen Job. Die Arbeitslosigkeit der 18- bis 24-Jährigen liegt in Frankreich bei über 20 Prozent, bei den nicht-Akademikern sogar bei knapp 25 Prozent.
  • Dauerverlierer: Frankreich ist Schlusslicht in den jährlichen Pisa-Studien: In den Schulen verstärkt sich die soziale Ungleichheit. Die Kluft ist zuletzt sogar noch weiter gewachsen. Frankreich hat auch eine hohe Zahl an Schulabgängern ohne Abschluss. Diese unterschiedlichen Möglichkeiten stellen die Weichen fürs weitere Leben.

Es sind die altbekannten Missstände, die Frankreich umtreiben. Bisher entluden sie sich regelmäßig ohne automatische Waffen und ohne religiösen Beigeschmack - man denke an die gewalttätigen Unruhen von 2005 in Frankreichs Vororten. Die Sorge ist groß, dass sich dies gerade ändert.

Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
habo10 10.01.2015
1.
Das Problem ist, das die Lösungen des Problems Geld kosten. Hier wie dort. Reform der Gefängnisse, bessere Integrationsbemühungen, Schulreformen alles sehr teuer. Sobald ein Politiker dafür Geld ausgeben will, geht die Neiddebatte los, ala "Inländer zuerst" etc. Das traurige ist, das die gleichen Leute, die indirekt verhindern das für Integration mehr Geld ausgegeben wird, kein Problem damit haben das gleiche Geld lieber in vermeintliche "Schutzmassnahmen" zu stecken. Zu verhindern, das sich Menschen radikalisieren kommt uns im Endeffekt günstiger, als die Massnahmen die hinter nötig sind. Von den Kollateralschäden ganz zu schweigen. Aber leider ist das wohl "nicht vermittelbar".
kuac 10.01.2015
2.
Coulibaly, nicht Coudibaly.
jalu-2008 10.01.2015
3. Ist das so schwer zu verstehen?
Die Probleme sind doch aber bekannt! Die Kinder von schlecht integrierten Einwanderern leben in einer Parallelgesellschaft. Die Schulbildung wird als unwichtig betrachtet, die Kinder tun sich schwer, werden Aussenseiter, Verlierer der Gesellschaft. Nach der Schule wartet die Arbeitslosigkeit, Langweile und Sinnfragen treiben die Jugendlichen zu den Wurzeln Ihrer missratenen Integration, dem extremen Glauben. Nun folgt die Gehirnwäsche, die Betroffenen werden folgsam und schließlich radikal. Kriminalität ist nur ein beiläufiger Effekt. Der Krieg in Syrien wird als Aufgabe verstanden, hier werden sie gebraucht, wozu auch immer. Was mir Angst macht: In Deutschland sieht die Perspektive von vielen Einwandererkindern nicht viel besser aus, ein etwas besserer Arbeitsmarkt hilf uns vielleicht dabei, aber wie wir sehen konnten, können auch wenige Extremisten viel Unheil anrichten.
Ishibashi 10.01.2015
4. Jugendarbeitslosigkeit
In anderen Südeuropäischen Ländern ist die Jugendarbeitslosigkeit deutlich höher als in Frankreich. So einfache Erklärungsmuster wie in dem Artikel führen nur in die Irre. Trotzdem ist es natürlich ein Faktor unter vielen. In so einer Situation mehr Einwanderung zu fordern ist bestimmt kontraproduktiv. Das sieht man auch an unseren Langzeitarbeitslosen. Solange genügend neue Arbeitskräfte einwandern haben Problemfälle Null Chance.
sysop 10.01.2015
5.
Zitat von kuacCoulibaly, nicht Coudibaly.
Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert, die Redaktion.
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