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Anschlag auf "Charlie Hebdo": Tausende Polizisten jagen die Attentäter

AFP

Die Angreifer handelten professionell und äußerst grausam. Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" sind Tausende Polizisten auf der Suche nach den Attentätern, auch die Anti-Terror-Einheit Raid.

Paris - "Allah ist groß" und "Wir haben den Propheten gerächt": Das sollen die Attentäter unter anderem in perfektem Französisch beim Angriff auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" gerufen haben. So berichten es Augenzeugen. Die Männer sind flüchtig, die Fahndung läuft.

Zunächst war von zwei Tätern die Rede gewesen, später berichtete der Innenminister Bernard Cazeneuve von dreien. Man werde alles tun, "um die drei Kriminellen, von denen dieser barbarische Akt ausging, so schnell wie möglich auszuschalten".

Fernsehbilder zeigen, dass Hunderte Polizisten in Paris im Einsatz sind. Die Behörden sprachen von 3000 Beamten, darunter die Sondereinheit Raid, die bei Entführungen und Anschlägen eingesetzt wird. Die Zeitung "Le Figaro" meldete, dass sie in die Gegend Seine-Saint Denis entsendet wurde. In der französischen Hauptstadt herrscht höchste Sicherheitsstufe (Verfolgen Sie hier die Ereignisse im Liveblog).

Beamte untersuchten vor dem Gebäude der Redaktion im elften Arrondissement im Zentrum von Paris einen schwarzen Kleinwagen. Die vermummten und komplett schwarz gekleideten Attentäter benutzten das Auto, um zum Anschlagsort zu kommen. Gegen 11.30 Uhr hatten sie das Feuer in den Redaktionsräumen des Satiremagazins eröffnet, das in der Vergangenheit mehrfach mit provokanten Mohammed-Karikaturen für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Die "Charlie Hebdo"-Zeichnerin und Augenzeugin Corinne Rey sagte der Zeitung "L'Humanité" der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert. Sie habe sich während dessen unter einem Schreibtisch versteckt.

Polizisten am Wagen der Täter Zur Großansicht
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Polizisten am Wagen der Täter

Auf ihrer Flucht griffen die Männer, die mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer bewaffnet sind, eine herbeigerufene Polizeistreife an. Ein Amateurvideo zeigt, wie die Angreifer um sich schießen. Einer der Terroristen zielt auf einen Mann, der wehrlos am Boden liegt. Dabei soll es sich um einen Polizisten handeln.

So soll die Fluchtroute der Täter ausgesehen haben:

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Die französische Agentur Ide twitterte diese Grafik, wonach es in der Nähe der Porte de Pantin erneut zu einer Schießerei kam, als die Attentäter in einem Renault Clio ihre Flucht fortsetzten. Dabei überfuhren sie später einen Fußgänger.

Unter den zwölf Opfern des Terroranschlags sind neun Mitarbeiter von "Charlie Hebdo", darunter der als Charb bekannte Zeichner und Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier, dessen Leibwächter und drei weitere Zeichner des Magazins. Zudem wurden nach Erkenntnis der Ermittler zwei Polizisten getötet. Vier Menschen schweben in Lebensgefahr.

"Ohne jedes Zögern durchgezogen"

Die ruhige Art, Zielstrebigkeit und Effizienz der Angreifer weise darauf hin, dass sie ein gründliches Traning militärischer Art absoliviert haben könnten, sagte die Polizei laut "Le Figaro". Deutsche Sicherheitsexperten vermuten angesichts der Vorgehensweise einen radikal-islamischen Hintergrund. Die Angreifer könnten Rückkehrer von den Kämpfen in Syrien und dem Irak sein. "Die Videos zeigen zwei Täter, die bestens im Umgang mit schweren Waffen geschult sind und sie routiniert benutzen", sagte ein deutscher Terror-Fahnder SPIEGEL ONLINE, "so eine Kampferfahrung lernt man nicht in Europa".

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Mehrere Tote in Paris: Blutiger Anschlag auf Satiremagazin

Die Brutalität der Täter schockiert selbst erfahrene Ermittler. Die "gnadenlose Exekution" eines bereits verletzten Polizeibeamten durch einen Kopfschuss erinnere an die Schock-Videos des "Islamischen Staats" (IS) aus Syrien. "Offenkundig war die Tat von langer Hand geplant und wurde heute ohne jedes Zögern durchgezogen", so der Experte. Eine solche Planung sei nur möglich, wenn die Täter bereits Erfahrungen mit Militär- oder Guerillaoperationen hätten, analysierte er.

"Schock für Frankreich"

Präsident François Hollande begab sich sofort an den Tatort. Angesichts des "Terroraktes" rief er die Nation zur Einheit auf. Diese "Barbarei" sei ein "Schock für Frankreich", sagte der sozialistische Staatschef (Lesen Sie hier die Reaktionen).

Bereits am 2. November 2011 war auf die Redaktion des Satiremagazins am Boulevard Davout in Paris ein Brandanschlag verübt worden, der mutmaßlich mit dem Abdruck einer Mohammed-Karikatur auf der Titelseite in Zusammenhang stand.

Seine aktuelle Ausgabe vom Mittwoch widmete das Magazin dem neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 beschreibt. Das Redaktionsgebäude steht seit Monaten unter Polizeischutz.

Für den Mittwochabend sind mittlerweile in zwölf französischen Städten Solidaritätskundgebungen angekündigt. Darunter auch Paris, Nantes, Toulouse, Lille, Straßburg, Lyon und Bordeaux. Auf Twitter zeigen Tausende User unter dem Hashtag #JeSuisCharlie ihr Mitgefühl mit dem Satiremagazin aus, dessen Einsatz für die Pressefreiheit sie würdigen.

heb/mgr/dpa/AFP

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