Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Im Zweifel links: Der Terror ist ein Teil von uns

Eine Kolumne von

Nach dem Anschlag von Paris müssen Franzosen und alle Europäer beweisen, dass sie klüger agieren als die USA nach dem 11. September 2001: Krieg gegen Terror lässt sich nur mit den Waffen des Wortes gewinnen.

Das Bündnis hat sich zu Wort gemeldet: "Die Nato-Verbündeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen", erklärte Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel. "Wir stehen in voller Solidarität bei unserem Verbündeten Frankreich." Was soll das? Kampfflugzeuge gegen Kapuzenmänner? Panzereinsätze in muslimischen Vorstädten?

Terrorismus ist alles Mögliche - ein kulturelles Problem, ein religiöses, ein soziales, ein kriminologisches, ein geheimdienstliches -, aber sicher kein militärisches. Aus den Worten des Nato-Chefs tönt unsere Hilflosigkeit. Es gibt nur eine Antwort auf den Terror: Man bleibt, wer man sein will. Und man kämpft mit der einzigen Waffe, die die Herzen der Menschen erreicht: mit dem Wort.

Zwölf Menschen sind tot. Das Leben ihrer Familien vernichtet. Die Attentäter sind auf der Flucht. Sie werden dabei umkommen oder den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen. Milde wird es nicht geben. Frankreich empfindet den Anschlag in der Pariser Rue Nicolas-Appert als Angriff auf die ganze Nation. Was wird aus so viel Leid?

Wenn wir erlauben, dass das Grauen von uns Besitz ergreift, dann ist das der wahre Triumph des Terrorismus. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die USA dieser Herausforderung nicht gewachsen. Sie waren zu schwach. Im Kampf mit Osama Bin Laden haben die USA die schwerste Niederlage ihrer Geschichte erlitten: Sie haben gegen sich selbst verloren. Abu Ghuraib, die Folterkeller der CIA, die Bespitzelung der Welt durch die NSA - Amerika hat sich verändert. Wenn das noch der Westen ist, wer will dann Westen sein?

Wir Europäer müssen beweisen, dass wir anders sind. Leicht wird auch uns das nicht fallen. Aus Frankreich werden die ersten Angriffe auf muslimische Einrichtungen gemeldet. Und eine Bertelsmann-Studie sagt: Beinahe 60 Prozent der Deutschen fühlten sich schon vor dem Pariser Anschlag vom Islam bedroht. Jeder Vierte findet gar, die Einwanderung von Muslimen nach Deutschland sollte verboten werden.

Aber was machen wir mit denen, die schon bei uns sind? Wenn es stimmt, was die Versprengten von Pegida sagen, was jetzt so oft in Springers "Welt" steht, was die Schriftstellerin Monika Maron schreibt - dass der Islam eine Gefahr darstellt -, was folgt denn daraus? Was machen wir mit all den deutschen, den europäischen Muslimen?

Internierung? Es sind ein bisschen viele dafür. Die USA hatten es im Zweiten Weltkrieg nur mit annähernd 120.000 Japanern und US-Bürgern mit japanischen Wurzeln zu tun, die sie in Lager einsperrten. Nur wegen ihrer Abstammung - der reine Rassismus. Ein abwegiger Vergleich? Mitnichten. Uns ist alles zuzutrauen.

Der Terror ist ein Teil von uns

Wenn man das Problem global betrachtet, wird es noch schwieriger. Es gibt 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt. Wenn die alle Anhänger einer faschistischen Ideologie sind, wie Hamed Abdel-Samad findet, oder, etwas gemäßigter, einer "Religion, der die Aufklärung noch bevorsteht" (Monika Maron) - was fängt man mit denen an, bis sie endlich so geworden sind wie wir?

Wir sollten uns die wirre Weltsicht der Islamkritiker ebenso wenig aufdrängen lassen wie die der Islamisten. Jan Fleischhauer hat hier gerade zu Recht geschrieben: Uns beunruhigt am Islam nicht nur seine extremistische Seite, sondern überhaupt seine religiöse.

Wenn der Westen die Auseinandersetzung mit dem Islam sucht, weil er ein Feindbild sucht, dann kann er sich jetzt in einen neuen Kampf gegen den Terror stürzen. Dann aber hat der Terror bereits gewonnen. Ansonsten muss die Losung lauten: Vergesst den Islam. Er ist nicht unser Problem.

Marine Le Pen, die Chefin des rechten Front National, hat nach den Toten von Paris gefragt: "Welchen Weg haben die Attentäter genommen? Was sind die Verbindungen des radikalen Islam in unser Land? Woher stammt das Geld? Welche Länder unterstützen ihn?" Die Rechtsradikale will Staatspräsidentin werden, man sieht, wie sie sich auf das höchste Amt vorbereitet: abgewogene Worte. Aber sie hält diesen Terror für etwas Fremdes, etwas Anderes, er kommt von außen. Das ist entweder ein Irrtum oder Propaganda.

Die Brüder Zarnajew, die mutmaßlich den Bombenanschlag in Boston verübten, waren in den USA aufgewachsen. Anders Breivik, der Attentäter von Utøya, stammte aus Oslo. Die Brüder Kouachi, die der Taten von Paris verdächtigt werden, wurden in Frankreich geboren.

Der Terror ist ein Teil von uns.

Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 568 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Augstein for president
deutschegründlichkeit 08.01.2015
!
2.
roxxor 08.01.2015
die Waffen der Worte verhallen im Nichts, also weiter so wie in den letzten 20 Jahren? nichts tun?
3. Man könnte damit anfangen
TheBear 08.01.2015
Ja, man könnte damit anfangen mal zu erwähnen was für ein trauriger Gott und Prophet es sein muss, wenn man ihn durch feige, kriminelle Handlungen "verteidigen" muss.
4. In den Medien finden aber zum Großteil nur die Worte...
gersco 08.01.2015
...von Pegida, AfD, Front National und anderen menschenverachtenden Spinnern statt. Da könnten die Medien sich auch mal an die eigene Nase fassen und die teils reißerische Berichterstattung mal überdenken. Prinzipiell ist aber Augstein auf der richtigen Schiene!
5.
Olaf 08.01.2015
Wir sind also selber Schuld am Terror. Irgendwie überrascht mich das jetzt nicht. Fehlt noch der Vorschlag eine Kirche zur Moschee umzuwidmen oder einen islamischen Feiertag einzuführen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jakob Augstein
In dieser Woche...

...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:

  • Nie wieder Kreuzzug: Der Westen und der Islam nach den Morden von Paris

    Reaktion: Mithilfe der Pegida-Bewegung arbeitet die AfD an ihrer Umwandlung in eine deutsche Tea-Party

    Vita: Helmut Schmidt und die NS-Verbrechen: der Historiker Hannes Heer über die neue Altkanzlerbiographie

    Casino: Mark Wahlberg hat im grandiosen Remake von "The Gambler" ein klares Ziel: Selbstzerstörung

  • Neu! Der "Freitag" jetzt auch digital
  • Lernen Sie jetzt den "Freitag" kennen!

Fotostrecke
Gedenken an die Opfer in Paris: Mit Stiften gegen Waffen

Fotostrecke
Mehrere Tote in Paris: Blutiger Anschlag auf Satiremagazin

Facebook

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: