Frankreich und der Front National Die Spalter

Frankreich trauert - still und würdevoll. Nur der Front National wirbt unverblümt um neue Wähler, auch an diesem Sonntag auf einer Kundgebung im Süden. Ein Anhänger ruft: "Journalisten und Bärtige auf den Scheiterhaufen!"

FN-Chefin Le Pen in Beaucaire: Balanceakt der Rechtsextremen
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FN-Chefin Le Pen in Beaucaire: Balanceakt der Rechtsextremen

Aus Beaucaire berichtet


Die Anhänger der rechtsextremen Partei Front National (FN) verteilen in der südfranzösischen Kleinstadt Beaucaire "Ich bin Charlie"-Poster. Das Parteilogo ist nicht abgedruckt. Dafür steht auch "Im Gedenken an die Opfer islamistischen Terrors" darauf. Die Schrift wird von oben nach unten immer größer. Von Weitem ist nur zu lesen: "Islamistischer Terror".

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Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

"Charlie Hebdo" hat plötzlich seltsame neue Freunde gewonnen. Mehrere Hundert FN-Anhänger sind an diesem Sonntag auf dem Marktplatz von Beaucaire zusammengekommen. Das Dorf in Frankreichs Südosten ist eine Bastion der Rechten. Auch aus den umliegenden Dörfern sind einige FN-Fans angereist.

Eigentlich herrscht zwischen den Rechten und der Satirezeitschrift tiefe Feindschaft. Der FN hat immer wieder versucht, "Charlie Hebdo" gerichtlich zu belangen. Die Satirezeitschrift forderte ihrerseits das Verbot der Partei. 2012 hatte sie Parteichefin Marine Le Pen auf der Titelseite. "Die Kandidatin, die Ihnen ähnelt", hieß es dort über sie. Darunter die Zeichnung eines dampfenden Haufens Kot.

Den Demonstranten von Beaucaire geht es nicht um die Meinungsfreiheit. "Wir müssen härter vorgehen, um unser Land zu schützen. Wir müssen unsere Grenzen dichtmachen", sagt Jean-Paul Bernet, 53. Vom Frankreich der republikanischen Werte ist in Beaucaire wenig zu spüren. Auf dem Marktplatz entlädt sich viel Wut und Hass. Die Stimmung ist angespannt. Einer französischen Journalistin stockt der Atem. Neben ihr ruft ein Demonstrant: "Journalisten und Bärtige auf den Scheiterhaufen!"

"Wir haben zu viele Araber kommen lassen", sagt Jean Legrand, 75. "Wir sind nicht streng genug mit ihnen. Wir sollten sie rausschmeißen." - "Wir verhalten uns wie Schafe und lassen uns von ihnen schlachten", sagt Alex Cros, 26. "Wenn sie auf uns schießen, müssen wir zurückschießen." - "Das wird böse enden. Wir haben unsere Republik aufgegeben. Wir haben es zu weit kommen lassen mit den Muslimen", sagt eine Lehrerin. Sie ist die Einzige, die nicht möchte, dass ihre Aussagen namentlich zitiert werden.

"Ich bin Charlie, nicht der FN"

Marine Le Pens Strategie der "Entdiabolisierung" ist aufgegangen. Der FN ist für viele Franzosen aus der Schmuddelecke heraus - auch wenn Frankreichs Linke dies anders sieht und die Partei nicht in Paris dabeihaben wollte. Auf dem Marktplatz von Beaucaire hetzt es sich ungeniert.

Als Le Pens blonden Haare auf dem Balkon des Rathauses aufleuchten, jubelt der Platz. "Marine! Marine!" Die 46-Jährige lässt es sich nicht nehmen, kurz vor die Mikrofone zu treten. Doch von den hinteren Reihen des Marktplatzes wird sie so laut ausgepfiffen, dass sie kaum zu verstehen ist. Dort stehen die Einwohner von Beaucaire, die es nicht mit den Rechten halten. Jean Muller, 58, hält ein Poster hoch: "Ich bin Charlie, nicht der FN."

Marine Le Pen spielt ein riskantes Spiel. Die 46-Jährige weiß: Eine parteipolitische Vereinnahmung der Attentate kommt bei den Franzosen nicht an. Doch gleichzeitig möchte sie es sich nicht nehmen lassen. Sie macht keinen Hehl aus ihren Ambitionen auf Frankreichs Präsidentenamt 2017. Die Attentate sind Wasser auf ihre Mühlen.

Die Rechte ruft zum Kampf gegen den Terrorismus auf. Sie spricht von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Anders als ihr antisemitischer Vater bedauert sie die jüdischen Opfer. Schon nach wenigen Minuten verschwindet Marine Le Pen wieder unter dem Jubel ihrer Fans. Diese gehen nun die Pfeifenden an: "Wir sind hier bei uns! Wir sind hier bei uns!", skandieren sie, und: "Seid ihr etwa nicht Frankreich?"

"Beaucaire ist eine geteilte Stadt"

Linke wie Rechte beschwören nach den Anschlägen die "nationale Einheit". Doch "das Volk" gibt es nicht. An diesem Sonntag gehen Franzosen im ganzen Land aus unterschiedlichen Gründen auf die Straße. Manche sehen ihr Land bedroht durch eine vermeintliche Islamisierung. Andere fürchten Zulauf für die islamophobe Rechte und sehen dadurch die Werte der Nation in Gefahr.

Am Rande der Demonstration steht Marie-Laure Delvaux, 64, aus Beaucaire. Auf ihrem Poster steht "Gemeinsam für Frieden". Ein muslimischer Franzose aus Beaucaire macht ein Foto von ihr. "Das ist schön", sagt er und geht wieder zurück zu seinen Freunden. Viele muslimische Franzosen aus Beaucaire nehmen an der Demonstration in Beaucaire teil. Doch sie stehen am Rande des Marktplatzes, nicht in der Mitte, wo es nun wieder "Marine! Marine!" hallt.

"Beaucaire ist eine geteilte Stadt", sagt Marie-Laure Delvaux. Ihr Plakat erklärt sie mit leiser Stimme: "Ich möchte, dass unsere arabischstämmigen Bürger von Beaucaire wissen, dass wir nicht alle so denken wie die." Delvaux zeigt auf die FN-Fans vor sich.

Sébastian Durand, 41, kommt dazu, ein Anhänger der Rechtsextremen aus einem Nachbardorf. Er kennt Marie-Laure Delvaux nicht, doch er möchte, dass sie sich nun vor ihm rechtfertigt. "Wo sind denn heute die Muslime?", fragt er aufgebracht. Die Dutzende neben ihm zählen nicht. "Ich meine die richtigen, die aus den Vororten", sagt er.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
freier_europäer 11.01.2015
1. Realistisch gesehen
ist der FN schön längst keine Splitter-Partei mehr. Großdemonstrationen und Solidaritätsbekundungen sind ja gut, schön und wichtig. Allerdings erwartet der französische Bürger auch Konsequenzen im politischen Handeln. Ich fürchte Hollande wird dazu nicht in der Lage sein - Marine Le Pen verspricht diese. Meiner Meinung nach sind es die fehlenden Antworten der regierenden Parteien zum Umgang mit radikalen jeglicher Coleur, die den Zulauf europaweit in die links- wie rechtsradikale Parteien unterstützen.
mesalliance 11.01.2015
2.
die ziele le pen's sind sehr ähnlich wie die der radikalislamstischen attentäter - beide versuchen die demokratie zu schwächen, möglichst bis zur abschaffung - beide sind widerlichst feindselig gegenüber allen die ihre abstrusen auffassungen nicht teilen - beide sind zutiefst menschenverachtend. ich denke zudem dass die front national einen nicht unerheblichen anteil daran hat dass es in frankreich so viele potentielle radikalislamstische attentäter gibt - im perversen spiel mit hass und gewalt spielen sich beide seiten gegenseitig in die hände. lasst uns hierzulande dafür sorgen dass der braune sumpf in dresden und anderswo sich nicht weiter ausbreiten kann, damit wir nicht so ein geschwür wie die front national wachsen lassen bis es unsere gesellschaft zerstört - wir sind alle menschen, also alle brüder und schwestern - wer sich bewußt dagegen wendet um dies zu zerstören verspielt seinen platz in diese gemeinschaft, egal ob er sich nationale front, "christliches abendland" oder islamistischer staat nennt. sanktionen und resentiments gegen solche menschen sind sicher nicht unberechtigt, viel wichtiger ist jedoch dass wir uns bewußt bleiben was unser leben hier so reich macht, im immateriellen wie im materiellen sinne - die verbindung von freiheit und menschlichkeit die unsere kultur ausmacht.
honey_d 11.01.2015
3. Still und würdevoll
Zitat von freier_europäerist der FN schön längst keine Splitter-Partei mehr. Großdemonstrationen und Solidaritätsbekundungen sind ja gut, schön und wichtig. Allerdings erwartet der französische Bürger auch Konsequenzen im politischen Handeln. Ich fürchte Hollande wird dazu nicht in der Lage sein - Marine Le Pen verspricht diese. Meiner Meinung nach sind es die fehlenden Antworten der regierenden Parteien zum Umgang mit radikalen jeglicher Coleur, die den Zulauf europaweit in die links- wie rechtsradikale Parteien unterstützen.
ja, so ist es leider. Erschreckend oft werden z.B. FN-Leute im Fernsehen interviewt, jedenfalls auf bestimmten Kanälen. Immerhin hat die Gesellschaft hier eine gute Chance (und hat sie m.E. genutzt), um zu zeigen, dass es doch immer noch eine überwältigende Mehrheit gibt, die für ein friedliches Zusammenleben statt für Polarisierung ist. Bleibt zu hoffen, dass die Regierung damit würdevoll umgeht.
sappelkopp 11.01.2015
4. Wer mal hinter die Kulissen schaut...
...merkt schnell, dass sich Islamisten und Rechtsradikale kaum unterscheiden. Im Gründe Wollen beide dasselbe, die Abschaffung der Freiheit.
egoneiermann 11.01.2015
5.
Zitat von freier_europäerist der FN schön längst keine Splitter-Partei mehr. Großdemonstrationen und Solidaritätsbekundungen sind ja gut, schön und wichtig. Allerdings erwartet der französische Bürger auch Konsequenzen im politischen Handeln. Ich fürchte Hollande wird dazu nicht in der Lage sein - Marine Le Pen verspricht diese. Meiner Meinung nach sind es die fehlenden Antworten der regierenden Parteien zum Umgang mit radikalen jeglicher Coleur, die den Zulauf europaweit in die links- wie rechtsradikale Parteien unterstützen.
Die rechten Rattenfänger erzählen doch nur was von Problemen und nicht von Lösungen. Will Frau Le Pen Franzosen aus ihrem eigenen Land werden, weil diese der falschen "Religion" angehören? Oder die etwa alle in Ghettos sperren? Kaum ist wohl gedacht die Probleme in den Cités zu lösen, eher diese zu verschärfen. Ist schon grausam, wenn die Rechten nun so täten als wären sie für eine pluralitische Gesellschaft, denen ist doch Presse- und Religionsfreiheit genauso egal wie den Islamisten. Der Islamismus ist ein politisches Problem kein religiöses oder eins was man mit mehr Polizei bekämpfen kann. Die Gesellschaft weiter nach rechts zu schieben potentiert das Ganz nur, ist also das Richtige für denjenigen, der Eskalation sucht.
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