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12. Januar 2015, 23:17 Uhr

Trauermarsch in Paris

Fotos von Spitzenpolitikern in abgesperrter Straße aufgenommen

Dutzende Staats- und Regierungschefs sollen den Trauermarsch in Paris angeführt haben. Fotos zeigen aber: Die prominente Gruppe wurde in einer Nebenstraße aufgenommen - zur Sicherheit der Politiker.

Paris - Diese Bilder gingen um die Welt: Die Staats- und Regierungschefs der Welt marschierten am Sonntag Arm in Arm durch Paris, um ihre Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt zu zeigen. Auf den Bildern sieht man, wie die Staatslenker geschlossen nebeneinander laufen - und wie sie eine scheinbar große Menschenmenge anführen. Der Betrachter glaubt, die Spitzenpolitiker seien ein unmittelbarer Teil der mehr als eine Million Menschen, die in Paris gegen den Terror demonstrierten. Doch die Fotos der Staats- und Regierungschefs täuschen.

Aufgenommen wurden die Bilder nicht auf den Straßen und Plätzen, auf denen Hunderttausende demonstrierten, sondern in einer einsamen Nebenstraße, wie etwa "The Independent" und "Daily News" berichten. Laut französischen Medien wurde die Szene auf dem Platz Léon Blum aufgenommen, in der Nähe der Metro-Station Voltaire. Der Ort sei gewählt worden wegen der symbolischen Bedeutung der Namen. Die Aufnahmen hätten gegen 15:30 Uhr stattgefunden. Nach kurzer Zeit seien dann alle Spitzenpolitiker wieder in ihre Autos gestiegen und davongefahren, berichtet "Le Monde". Nur Frankreichs Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls hätten sich noch auf den Weg gemacht zu den Überlebenden des "Charlie Hebdo"-Attentats.

Fotos, die aus weiterer Distanz aufgenommen worden sind, zeigen, dass die Staats- und Regierungschefs ihre eigene Gruppe bildeten - umgeben von Securitypersonal.

Auf Twitter posteten Nutzer Fotos, die zeigen, dass die Staatslenker weder die Massen anführten noch ein Teil von ihnen waren. Der Journalist Borzou Daragahi twitterte etwa: "Es scheint, dass die Weltführer die 'Charlie-Hebdo'-Demonstranten nicht führten, sondern einen Foto-Termin in einer einsamen, bewachten Straße absolvierten."

Der Wissenschaftler Ian Bremmer schreibt etwa: "Weltführer: Nicht wirklich 'auf' der Pariser Großveranstaltung."

Auf den Bildern erkennt der Betrachter vielmehr, dass Angela Merkel, François Hollande, Benjamin Netanyahu und andere Staats- und Regierungschefs in einer, im Vergleich zur Gesamtdemonstration, relativ kleinen Gruppe zusammengekommen waren.

Dieses Arrangement ist durchaus sinnvoll, wenn man die Sicherheitsvorkehrungen bedenkt, die angesichts der politischen Weltelite vonnöten sind. In Frankreich gilt nach wie vor eine extrem hohe Terrorwarnstufe, mehr als 10.000 Soldaten sind zum Schutz von "anfälligen Punkten" abgestellt. Die Angst vor Nachahmern und Trittbrettfahrern ist weiter groß.

Eine derart rasch zusammengestellte Gruppe von Spitzenpolitikern wie am Sonntag, wäre bei einem direkten Kontakt mit den mehr als eine Million Demonstranten kaum zu schützen gewesen. So hatte auch US-Präsident Barack Obama seine Abwesenheit mit den umfassenden Sicherheitsvorschriften begründet, die für seinen Besuch zu beachten seien.

kha

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