"Charlie Hebdo": Pariser Satire-Zeitung zeigt neue Mohammed-Karikaturen

Frankreichs Regierung ist besorgt, die Polizei trifft Sicherheitsvorkehrungen vorm Redaktionsgebäude: Das Satireblatt "Charlie Hebdo" hat trotz der Gewaltwelle in islamischen Ländern erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Der Chefredakteur des Blattes rechtfertigt die Zeichnungen.

Chefredakteur Charbonnier: Rechtfertigung für die Karikaturen Zur Großansicht
AFP

Chefredakteur Charbonnier: Rechtfertigung für die Karikaturen

Paris - Auf der Titelseite von "Charlie Hebdo" ist ein gebrechlicher Mann mit Turban in einem Rollstuhl zu sehen, der von einem Juden geschoben wird. "Man darf sich nicht lustig machen", wird den beiden Figuren in einer Sprechblase in den Mund gelegt. Darüber prangt der Titel "Intouchables 2" ("Die Unantastbaren 2", in Anlehnung an den Titel eines beliebten Films, der in Deutschland als "Ziemlich beste Freunde" in die Kinos kam).

Diese Karikaturen präsentiert das französische Satireblatt in seiner neuen Ausgabe - während es in vielen muslimischen Ländern auf der Welt seit Tagen zu gewalttätigen Protesten wegen des Mohammed-Schmähvideos kommt.

Frankreichs Regierung ist denn auch besorgt wegen der Veröffentlichung der Zeitung. Alles, was in der gegenwärtigen Lage provoziere, müsse verurteilt werden, sagte Außenminister Laurent Fabius. Premierminister Jean-Marc Ayrault teilte seine "Missbilligung jeder Zügellosigkeit" angesichts der aktuellen Ereignisse mit. Er appellierte an ein verantwortungsbewusstes Verhalten aller. Der französische Rat der Muslime teilte seine "tiefe Bestürztheit" angesichts der "beleidigenden Zeichnungen" mit. Der Rat sei besorgt, dieser "unverantwortliche Akt" könne neue Spannungen schüren.

Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte Besonnenheit. "Ich will dazu aufrufen, dass wir nicht auch noch Öl ins Feuer gießen", sagte der FDP-Politiker im ZDF-"Morgenmagazin". Zwar gelte in Europa die Presse- und Meinungsfreiheit. Die Meinungsfreiheit sei aber "nicht grenzenlos".

Doch der Chefredakteur von "Charlie Hebdo" rechtfertigte die Entscheidung, die Zeichnungen zu veröffentlichen. "Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles jede Woche. Wenn wir es aber mit dem Propheten machen, wird es Provokation genannt", sagte Stephane Charbonnier.

"Ist die Pressefreiheit eine Provokation?", so Charbonnier weiter. "Ich rufe strenggläubige Muslime ebenso wenig auf, 'Charlie Hebdo' zu lesen, wie ich in eine Moschee gehe, um einen Diskurs anzuhören, der meinen Überzeugungen widerspricht", sagte er. Die Karikaturen würden nur diejenigen schockieren, die schockiert sein wollten.

Frankreich verbietet Demo gegen Mohammed-Video

Wenige Stunden vor der Veröffentlichung traf die französische Polizei nach eigenen Angaben bereits Sicherheitsvorkehrungen vor dem Redaktionsgebäude von "Charlie Hebdo" in Paris. Im November 2011 war es bereits zu massiven Protesten gekommen, nachdem das Wochenblatt eine Sonderausgabe dem islamischen Recht, der Scharia, gewidmet hatte und diese "Charia Hebdo" genannt hatte. Darin war der Prophet Mohammed als außerordentlicher Chefredakteur "eingeladen". Demonstranten hatten damals das Gebäude in Brand gesetzt.

Nach der Ankündigung neuer Karikaturen war der Internetauftritt von "Charlie Hebdo" am Mittwochmorgen nicht mehr erreichbar. Zunächst war unklar, ob die Website von radikalen Islamisten lahmgelegt wurde oder beispielsweise zu Wartungszwecken vom Netz genommen werden musste.

Die französische Regierung verbietet eine in Paris geplante Demonstration gegen das islamfeindliche Mohammed-Video aus den USA. Es gebe keinen Grund, Konflikte zuzulassen, die mit dem eigenen Land nichts zu tun hätten, erklärte Premier Ayrault in einem Interview des Radiosenders RTL. Der eingereichte Protestantrag für diesen Samstag werde zurückgewiesen.

als/dapd/Reuters/dpa

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