Anschlag auf "Charlie Hebdo" Krisenmanager Hollande ist zurück

Frankreichs Staatschef meldet sich zurück als Lenker der Nation: Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" verspricht der Präsident Härte gegen die Terroristen und appelliert zugleich an die Einheit der Franzosen.

Von , Paris


Paris - "Frankreich ist im Herzen getroffen, angegriffen wurde die ganze Republik", sagt François Hollande und beschreibt die ermordeten Journalisten als Verfechter der Meinungsfreiheit: "Sie sind gestorben für die Vorstellung, die sie sich von unserm Land gemacht haben. Sie sind unsere Helden."

Das Gesicht gezeichnet, der Auftritt gefasst, die Erklärung entschlossen: Am Abend nach dem Anschlag tritt Frankreichs Präsident im Élysée um 20 Uhr vor die Kameras - der Staatschef in der Rolle des verantwortlichen Lenkers der Nation und zugleich in der Verantwortung als oberster Gebieter über Polizei und Sicherheitskräfte. "Sie werden überall dort stationiert, wo Gefahr bestehen könnte."

François Hollande, gewiss kein sprachgewaltiger Volkstribun, muss an diesem Mittwoch den richtigen Ton finden zwischen Anteilnahme, Empörung und Engagement. "Wir werden die Urheber dieser infamen Tat verfolgen, sie vor Gericht stellen und bestrafen mit der ganzen Härte des Gesetzes."

Die Neujahrsansprache, in der ein optimistischer Hollande versuchte, Frankreich auf mehr Zuversicht einzustimmen, liegt gerade eine Woche zurück - eine politische Ewigkeit: Mobilisierung des Landes für Wettbewerb, Wachstum und mehr Jobs? Stabilität und Investitionen in Europa? Das mörderische Attentat auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" hat die Agenda des Sozialisten völlig umgekrempelt.

Eben stand Hollande noch schwer in der Kritik

Nach dem blutigsten Anschlag in der Geschichte der V. Republik ist nicht mehr der gelernte Ökonom gefragt, der Streit um die wirtschaftlichen Strukturreformen, der Zwist um das Gesundheitsgesetz sind bestenfalls Nebensache. Im Vordergrund für den Präsidenten und die Franzosen steht nur noch ein Thema: Sicherheit vor Anschlägen.

Für Hollande ist das eine Chance. Im Kampf gegen den Terror meldet sich der Sozialist als durchgreifender Staatschef zurück. Gerade noch im Visier der Kritiker, karikiert - auch von "Charlie Hebdo" - als müder, entscheidungsschwacher Steuermann des "Ozeandampfers France" steht Kapitän Hollande im Sturm wieder auf der Brücke.

Entschlossenheit im Kampf gegen den Terror

Es ist nicht das erste Mal, dass Hollande den Krisenmanager gibt, im Januar 2013 hatte er schnell und entschlossen die Entsendung französischer Streitkräfte nach Mali befohlen. Und sich prompt von den Islamisten Ansar al-Din die Drohungen für Rache und Vergeltung eingeholt: "Stoppt eure Angriffe gegen uns oder ihr werdet das Grab eurer eigenen Kinder graben", gifteten die Rebellen im westafrikanischen Krisenstaat.

Hollande ließ sich nicht einschüchtern und stieg prompt im Ansehen der Franzosen - eines der wenigen Male, dass sich die rekordverdächtige Negativbewertung in den Meinungsumfragen vorübergehend abschwächte. Außenpolitik als Trumpf? Auch im Syrien-Konflikt beorderte der Präsident im vergangenen September den Einsatz französischer Kampfflieger. Er zeigte sich damit als Musterverbündeter von US-Präsident Barack Obama und überging dabei die Bedenken an der Militärmission innerhalb der eigenen Partei. Hollande nutzt damit die besondere Machtfülle über die Frankreichs Präsidenten verfügen: Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte während der Georgien-Krise 2009 ähnlich gehandelt.

Und beim Libyen-Konflikt im Frühjahr 2011 verhängte der Konservative im Alleingang Luftschläge zur Unterstützung der Opposition.

"Unsere stärkste Waffe ist die Einheit der Nation"

Der zu Hause immer noch unbeliebte Hollande scheut deshalb keine Anstrengung, um als internationaler Krisenvermittler zu glänzen - zuletzt mit einem Abstecher nach Moskau, um durch persönlichen Einsatz Russlands Staatschef Wladimir Putin in der Ostukraine-Konfrontation auf Kompromisskurs zu bringen. Immerhin, beim Zwischenstopp auf der Rückreise aus Kasachstan, wurde für Mitte Januar ein Treffen aller Konfliktparteien vereinbart.

Dennoch: In Frankreich bleiben die Voraussetzungen für ein überzeugendes Comeback hoch. Das Attentat in der eigenen Hauptstadt stellt Hollande vor eine andere, vielleicht noch komplexere Herausforderung: Die Befriedung der eigenen Nation. Es gilt, nicht nur die flüchtigen Täter zu finden und vor Gericht zu stellen. Zugleich muss der Präsident versuchen, die Einheit der Republik zu erhalten - trotz des traumatischen Terroranschlags und dem bröckelnden Zusammengehörigkeitsgefühl der Franzosen.

"Unsere stärkste Waffe ist die Einheit der Nation, Frankreich war immer am stärksten, wenn es als Block zusammenstand", sagt der Präsident. Fast flehend sein Appell: "Nichts kann uns teilen, nichts darf uns gegeneinander aufhetzen. Nichts darf uns trennen. Rücken wir zusammen."

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