Reaktionen in Russland auf Terror in Paris Duma-Abgeordneter sieht Ursache in westlicher Syrien-Politik

"Frankreich, halte durch!" Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" teilt Russland die Trauer der Franzosen, Präsident Putin sprach sein Beileid aus. Doch es gibt auch andere Töne.

Französische Botschaft in Moskau: "Frankreich, halt durch!"
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Französische Botschaft in Moskau: "Frankreich, halt durch!"


Moskau - Russland hat wie kaum ein zweites Land in Europa in den vergangenen Jahren unter islamistischem Terror gelitten. Bei Anschlägen kamen Hunderte Menschen ums Leben, zuletzt starben vor einem Jahr Dutzende bei zwei Selbstmordattentaten in Wolgograd im Süden des Landes.

Entsprechend groß ist in Russland die Anteilnahme im Fall von "Charlie Hebdo": Vor der französischen Botschaft in Moskau legten Bürger Blumen nieder. "Frankreich, halte durch!", hat jemand auf ein Plakat geschrieben.

Präsident Wladimir Putin hat den Franzosen sein Beileid übermittelt und Solidarität versprochen. Russland sei bereit zur "Fortsetzung der Zusammenarbeit im Kampf gegen die Terrorbedrohung", so der Kreml-Chef. (Internationale Reaktionen auf den Anschlag finden Sie hier.)

Russlands Intelligenzija zeigt sich schockiert. Viele Twitter-Nutzer teilen die Karikaturen von "Charlie Hebdo", verbreiten auch die Solidaritätsbotschaft "Ich bin Charlie" auf Russisch. Mit dem Mordanschlag "haben die Islamisten auf unser aller Grundwerte geschossen", sagte Wiktor Jerofejew, einer der bekanntesten russischen Schriftsteller der Gegenwart. In einer Sendung von Radio Echo Moskaus erinnerte er daran, wie er sich schon zu Sowjetzeiten über Charlie-Hebdo-Hefte amüsierte, die ihm französische Diplomaten zuspielten.

Ebenfalls im Programm des Senders Echo Moskaus rief der Publizist Sergej Schargunow allerdings dazu auf, "über die Grenzen des Erlaubten im Journalismus nachzudenken". Er findet, "Charlie Hebdo" hätte Karikaturen über den Islam und Islamisten nie veröffentlichen dürfen. Ähnlich argumentierte der Autor Tony Barber in der Online-Ausgabe der "Financial Times". (Lesen Sie hier unseren Kommentar dazu.)

"Nicht Russland bedroht Europa"

Alexej Puschkow, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Parlament, nutzte die Tragödie für eine Attacke auf den Kurs des Westens in der Ukraine-Krise. Der Terroranschlag "zeigt, dass nicht Russland Europa bedroht. Die wahre Gefahr geht von den Adepten des Terrors aus".

Noch schärfer formulierte es der Abgeordnete Robert Schlegel, Mitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland": "Wer Wind sät, wird Sturm ernten", schrieb er auf Facebook. Russland habe bereits vor Jahren die Europäer davor gewarnt, die Rebellionen in der Arabischen Welt blind zu unterstützen, so Schlegel.

Er spielt damit auf Indizien an, bei den flüchtigen Attentätern könnte es sich um Islamisten handeln, die zuvor in Syrien gekämpft hatten. (Die aktuellen Entwicklungen hier im Newsblog)

"Leider wollten unsere europäischen Kollegen damals nicht zuhören", sagt Schlegel heute. "Es ist traurig. Aber das, was wir nun erleben, wird vermutlich so weitergehen. Genauso, wie wir damals gewarnt hatten."

Mit kaum verhohlener Schadenfreude reagierte der Sicherheitsexperte Igor Korotschenko. Er ist Chefredakteur der Moskauer Zeitschrift "Nationale Verteidigung" und ein Wortführer der russischen Hardliner. Die Attacke zeige das "vollständige Versagen des europäischen Anti-Terror-Systems", militante Islamisten könnten jederzeit jede Stadt in Europa angreifen.

beb



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