Tod der "Charlie Hebdo"-Attentäter 53 Stunden auf der Jagd

Mehr als zwei Tage waren die Terroristen Chérif und Saïd Kouachi auf der Flucht - und Zehntausende Polizeikräfte auf ihren Spuren. Der Ablauf einer beispiellosen Jagd durch den Norden Frankreichs.

Von und (Grafik)


Paris - Der Zugriff erfolgt in der Dämmerung. Gegen 17 Uhr kommt es am Freitagabend zum Showdown zwischen den Terroristen, die Frankreich in Atem gehalten haben, und ihren Häschern.

Zu hören sind Schüsse, mehrere Explosionen an der belagerten Druckerei in einem Gewerbegebiet im Norden Frankreichs. Am Ende sind die beiden Attentäter auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" tot, ihre Geisel ist am Leben.

Mehr als zwei Tage sind die Terroristen auf der Flucht. Zehntausende Polizisten sind ihnen auf den Fersen. In ganz Frankreich beteiligen sich zwischenzeitlich 88.000 Einsatzkräfte an der Jagd: Anti-Terror-Einheiten der Polizei, Spezialkräfte der Gendarmerie, Hubschrauberstaffeln.

Die Terroristen, die Brüder Chérif und Saïd Kouachi, entwischten den Verfolgern mehrfach. Sie überfallen eine Tankstelle, wechseln mehrmals das Fluchtauto, am Ende verschanzen sie sich in einer Druckerei.

Dies ist eine erste Rekonstruktion der Jagd, die Frankreich und die Welt in Atem gehalten hat.

  • Mittwoch

Um 11.30 Uhr überfallen die Täter das Magazin in der Rue Nicolas Appert im 11. Arrondissement von Paris. Sie töten elf Menschen, auf der Straße noch einen Polizisten (die Rekonstruktion der Tat lesen Sie hier). Dann fliehen die Männer in einem schwarzen Citroën C3 über den Boulevard Richard Lenoir. Drei Kilometer weiter nördlich stoßen sie an der Place du Colonel-Fabien mit einem Volkswagen zusammen, dessen Fahrerin leicht verletzt wird.

Kurz darauf lassen sie in der Rue de Meaux im 19. Arrondissement ihren Wagen zurück. An der nahen Porte de Pantin überfallen sie einen Autofahrer und fahren mit dessen Wagen, einem grauen Rénault Clio, weiter. Hier verliert die Polizei zunächst ihre Spur.

Um 12.45 Uhr wird in Paris die höchste Terror-Alarmstufe ausgerufen, 500 zusätzliche Beamte werden auf die Straßen geschickt. Am Nachmittag sind 3000 Beamte im Einsatz, darunter Kräfte der Anti-Terror-Einheit Raid.

Im zurückgelassenen Citroën wird der Ausweis von Saïd Kouachi, geboren 1981, gefunden. Erst später erklären die Behörden, man habe auch Molotow-Cocktails und eine islamistische Flagge im Auto gefunden. Die Ermittler gehen ab jetzt davon aus, dass das Duo weitere Anschläge geplant hat.

Am Abend gibt die Polizei einen Fahndungsaufruf für drei mutmaßliche Attentäter heraus. Neben den Brüdern wird der 18-jährige Hamid Mourad gesucht, ein Schwager von Chérif Kouachi. Er meldet sich gegen 23 Uhr bei der Polizei in der Kleinstadt Charleville-Mézière nahe der belgischen Grenze bei der Polizei. Mourad beteuert seine Unschuld, Zeugen sagen aus, er habe zur Tatzeit in der Schule gegessen.

Zur gleichen Zeit ist die Spezialeinheit Raid in der Stadt Reims im Einsatz, ein Gebäude im Vorort Croix-Rouge wird umstellt, dann von Forensikern durchsucht. Hier hat einer der Brüder zuletzt gewohnt. Im Laufe der Nacht werden neun Verdächtige aus dem Umfeld der beiden festgenommen und verhört.

Einsatz in Reims: Spezialeinheiten durchsuchen Wohnung
REUTERS

Einsatz in Reims: Spezialeinheiten durchsuchen Wohnung

  • Donnerstag

8.20 Uhr, Montrouge, ein Vorort im Südwesten von Paris: Ein Mann schießt mit einem Schnellfeuergewehr auf Polizisten, eine Polizistin erliegt später ihren Verletzungen. Der Innenminister betont, es gebe zu diesem Zeitpunkt keinen "eindeutigen Zusammenhang" zum Terrorangriff. Erst am Freitag heißt es, den gebe es doch.

Um 10.30 Uhr wieder eine Spur der Täter, 80 Kilometer von Paris entfernt: Sie haben eine Avia-Tankstelle im Norden Frankreichs an der Nationalstraße 2 überfallen. Der Tankwart in der Gemeinde Villers-Cotterêts im Departement Aisne gibt an, die Männer "eindeutig erkannt" zu haben. Er sagt, sie seien immer noch schwer bewaffnet. Demnach tanken sie voll, nehmen Schokoriegel sowie Getränke mit und sind weiterhin im Renault Clio unterwegs.

Die Tankstelle wird abgeriegelt. Zeugen berichten, das Duo hätte das Auto kurz nach dem Überfall verlassen. Die oberste Alarmstufe, die für den Großraum Paris gilt, wird auf die Region ausgeweitet. Jetzt mobilisiert die Regierung zur Großfahndung, Suchradius 20 Kilometer. Landesweit sind 88.000 Einsatzkräfte auf der Jagd.

In der Region werden Eliteeinheiten von Polizei und Gendarmerie mit Hubschraubern abgesetzt. Polizeibeamte durchkämmen die Region zwischen den Orten Villers-Cotterêts und Crépy-en-Valois. Die Polizisten sind für den Norden, die Gendarmen für den Süden zuständig. Bisher waren die beiden Eliteeinheiten noch nie zusammen im Einsatz.

Polizisten im Dorf Longpont: Jedes Haus, jeder Stall wird durchsucht
AP

Polizisten im Dorf Longpont: Jedes Haus, jeder Stall wird durchsucht

Wichtige Straßen werden abgesperrt. Im Dorf Longpont, 300 Einwohner, wird jedes Haus, jeder Stall durchsucht, ein Waldstück durchkämmt. Helikopter kreisen über der Gegend. Spät am Abend brechen die Sicherheitskräfte die Suchaktion im Wald ab. In der Nacht werden einige von ihnen von der Suche abgezogen.

  • Freitag

40 Kilometer von Longpont entfernt wird im Dorf Montagny-Sainte-Félicité gegen 8 Uhr einer Frau ein grauer Peugeot 206 gestohlen. Auf der nahen Nationalstraße 2 liefern sich Polizei und Terroristen eine Verfolgungsjagd. An einer Straßensperre kommt es zu einem Schusswechsel. Dabei wird niemand verletzt.

Die Attentäter verschanzen sich gegen 10 Uhr in einer Druckerei in der Kleinstadt Dammartin-en-Goëlle. Sie bringen eine Geisel in ihre Gewalt. Großeinsatz: Polizeilaster, Rettungswagen und gepanzerte Fahrzeuge rasen zum Tatort im Gewerbegebiet, die Druckerei wird umstellt.

Ein Mann konnte sich in einem Karton verstecken und per Telefon die Fahnder informieren. Die beiden Terroristen, die sich in einem anderen Teil des Industriegebäudes aufhielten, hätten den Mann nicht entdeckt, berichtete der TV-Sender BFMTV am Freitagabend. Der Mann habe die Polizei detailreich über die Örtlichkeit informiert.

Zwischenzeitlich werden zwei Landebahnen auf dem Flughafen Charles de Gaulle geschlossen, er liegt nur zwölf Kilometer entfernt. Hubschrauber kreisen über dem Gewerbegebiet. Die Schulen des Ortes werden evakuiert.

Die Spezialeinheiten, die die Druckerei umstellt haben, versuchen, mit den Verdächtigen ins Gespräch zu kommen. Dann passiert drei Stunden wenig - in der Zeit kommt es zu einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris. Der Geiselnehmer dort hat Verbindungen zu den Brüdern.

Die Dämmerung hat eingesetzt, als um 16.56 Uhr Schüsse und mehrere Explosionen auf dem Gelände zu hören sind. Rauch steigt über der Druckerei auf, Spezialkräfte klettern über Zäune. Die Kouachi-Brüder rennen aus dem Gebäude und eröffnen das Feuer - die Einsatzkräfte erschießen sie. Ihre Geisel ist am Leben.



insgesamt 121 Beiträge
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93160 09.01.2015
1. Als Franzoesin
...zweifle ich heute an unseren Rechtsstaat.Nicht umsonst wurde im TV ueberall gestern gesagt, die Taeter lebend zu fassen. Denn der Sozialberater des juengeren Taeter, der verhaftet wurde bevor er nach Syrien aufbrach sagte gestern, der taetter aette damals gesagt so zufrieden gewesen zu sein, verhaftet zu werden. Denn er haette panische Angst gehabt nach Syrien zu gehen. Wir werden wieder nichts wissen.Garnichts. Bis zum naechsten mal.Polizisten sind nicht ausgebildet zum toeten.Sie sind ausgebildet Opfer und sich zu schuetzen.Ich und viele meiner Landsleute zweifeln heute.
klarobello 09.01.2015
2. Hau drauf statt Diplomatie
Die französische Polizei scheint eine ziemlich brutale Vorgehensweise zu haben. Da muss ich die deutsche Polizei loben: da wird das Leben der Geisel als Höchstes angesehen, da lässt man die Terroristen fliehen mit der Geisel, verfolgt sie, verhandelt und wartet auf eine Gelegenheit - und meistens klappt es.
licorne 09.01.2015
3. Korrektur
In der Druckerei wurde keine Geisel genommen, sondern ein Angestellter hatte sich die ganze Zeit hinter oder in einem Karton versteckt, von dem die Attentäter keine Ahnung hatte. Dieser mutige Mann hat mit seinem Telefon die Polizei laufend informiert.
udlinger 09.01.2015
4. No Mercy
...die französichen Polizisten sollten in Ihrem Bericht nicht als "Häscher", sondern vielmehr als mutige Männer bezeichnet werden. Chapeau!
walter kuckertz 09.01.2015
5. Dank, Glückwunsch, Trauer
Dank und Glückwunsch an die französischen Sicherheitskräfte. Trauer um den Tod der unschuldigen Geiseln, für den allein der Geiselnehmer verantwortlich ist.
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