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Terror in Paris: Der Angriff auf "Charlie Hebdo" - eine Rekonstruktion

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Schusswechsel der Täter mit der Polizei: Entschlossene, kaltblütige Angreifer Zur Großansicht
AFP

Schusswechsel der Täter mit der Polizei: Entschlossene, kaltblütige Angreifer

Der Terroranschlag auf das Magazin "Charlie Hebdo" wurde blitzschnell und kaltblütig ausgeführt. Was passierte in der Redaktion? Wie flüchteten die Täter durch Paris? Der Tathergang.

Paris - Die Erkenntnisse über den Terroranschlag in Paris deuten darauf hin, dass es sich um eine professionell geplante Tat handelt. Die zwei Täter waren schwer bewaffnet: Sie trugen Kalaschnikows, Westen mit zusätzlicher Munition, sie gingen entschlossen und kaltblütig vor.

Noch immer gibt es Unklarheiten und widersprüchliche Angaben, etwa zur Rolle des dritten Verdächtigen. Waren die mutmaßlichen Täter Chérif und Said Kouachi bei der Tat zu zweit - oder saß im Fluchtwagen noch ein dritter Mann? Welche Rolle spielt der 18-Jährige, der sich gestellt hat?

Gleichzeitig werden immer neue Details des Angriffs mit zwölf Toten und elf Verletzten bekannt, und viele sind von mehreren Quellen bestätigt worden. Ausführliche Schilderungen finden sich etwa bei "Le Monde" und bei "Le Figaro". Davon ausgehend unternehmen wir eine erste Rekonstruktion des Terrorangriffs auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo".

  • Angriff auf das Redaktionsgebäude

Gegen 11.20 Uhr kommen die zwei vermummten Männer, beide tragen eine Kalaschnikow, am Redaktionssitz von "Charlie Hebdo" an: Rue Nicolas Appert, im bürgerlichen 11. Arrondissement, von außen ist das Büro nicht zu erkennen. Erst gehen sie zur Hausnummer 6, ein Nebengebäude des Magazins, in dem das Archiv untergebracht ist. "Ist das hier 'Charlie Hebdo'?" rufen sie. Dann machen sie kehrt und laufen weiter zur Hausnummer 10, dort sitzt die Redaktion tatsächlich.

Im Gebäude treffen die Täter im Erdgeschoss auf zwei Putzkräfte und fragen nach der Redaktion. Ein Täter eröffnet das Feuer, erschießt eine männliche Reinigungskraft, 42 Jahre alt. Das erste Todesopfer.

Die "Charlie Hebdo"-Zeichnerin Corinne Rey berichtet, die Täter hätten sie dann mit vorgehaltener Waffe bedroht. Sie habe schließlich den Türcode zu den Redaktionsräumen im zweiten Stock eingetippt.

Rettungswagen vor dem "Charlie Hebdo"-Gebäude: Zwölf Tote Zur Großansicht
AP

Rettungswagen vor dem "Charlie Hebdo"-Gebäude: Zwölf Tote

Dort stürmen die Täter in die wöchentliche Redaktionskonferenz. Mehrere Zeugen berichten, dass sie "Allahu akbar" schreien ("Gott ist groß") und das Feuer auf die versammelten Redakteure eröffnen. Dort töten sie zehn Menschen, unter anderem "Charlie Hebdo"-Herausgeber Stéphane Charbonnier ("Charb") und die Zeichner Georges Wolinski, Jean Cabut ("Cabu") und Bernard Verlhac ("Tignous"). Nach "Charb" rufen sie, bevor sie ihn erschießen. Laut dem Pariser Vizebürgermeister Patrick Klugman und verschiedenen Berichten rufen die Täter auch andere Zeichner einzeln mit Namen auf, bevor sie sie ermorden. Dass es tatsächlich so geschehen ist, ist aber noch nicht bestätigt.

Nachbarn berichten von 20 bis 30 Schüssen, die sie gegen 11.30 Uhr kurz hintereinander gehört haben. Zeichnerin Rey, die sich unter einem Schreibtisch versteckt hatte, berichtet später, das Ganze habe fünf Minuten gedauert. Der Polizist, der als Personenschützer von Chefredakteur Charb abgestellt war, habe keine Möglichkeit gehabt zu reagieren, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Als die Attacke beginnt, setzt ein Mitarbeiter einen Notruf ab. Anderen gelingt es, auf das Dach und von dort auf das Nachbargebäude zu fliehen. Einer filmt mit dem Handy die Täter, wie sie wieder auf die Straße hinausrennen.

  • Schüsse auf Polizisten

Die Männer laufen aus dem Gebäude hinaus auf eine Gasse, sie rufen wieder "Allahu akbar" und schießen weiter. Sie treffen auf eine Polizeistreife auf Fahrrädern, dann auf einen Streifenwagen. Sie feuern mehrere Schüsse auf die Windschutzscheibe des Autos, verletzt wird offenbar dabei niemand.

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Als sie mit einem schwarzen Citroën C3 losfahren, treffen sie nahe dem Boulevard Richard Lenoir auf mindestens einen Polizisten. (Manche Medien berichten von zwei Polizisten.) Sie feuern auf den 42-Jährigen, ein Streifschuss trifft ihn. Die folgende Szene geht später auf Videoportalen um die Welt: Der Schutzpolizist Ahmed Merabet liegt angeschossen auf dem Bürgersteig. "Willst du uns umbringen?", ruft der Terrorist, der Polizist hebt seinen Arm: "Nein, schon gut, Chef." Dann erschießt der Täter den Polizisten aus nächster Nähe, im Vorbeigehen, ohne einen Moment des Zögerns.

Beide gehen im Laufschritt zurück zum Auto. Der Beifahrer hebt noch einen Schuh auf, bevor sie einsteigen. Sie rufen "Wir haben den Propheten gerächt!" und "Wir haben 'Charlie Hebdo' getötet!". Die Polizei findet später den schwarzen Handschuh eines Täters auf der Straße.

  • Flucht mit dem Auto

Die Täter fahren mit dem Auto weiter auf dem Boulevard Richard Lenoir. Wenige Kilometer weiter nördlich stoßen sie an der Place du Colonel-Fabien mit einem Volkswagen zusammen, dessen Fahrerin dabei leicht verletzt wird.

Rue de Meaux: Polizisten sichern ersten Fluchtwagen Zur Großansicht
DPA

Rue de Meaux: Polizisten sichern ersten Fluchtwagen

Kurz darauf lassen sie in der Rue de Meaux, nahe dem Park Buttes-Chaumont im 19. Arrondissement, ihren Wagen zurück. Dabei lässt einer der Täter einen Personalausweis im Fluchtwagen liegen. An der Porte de Pantin überfallen sie einen Autofahrer, der unverletzt bleibt. Sie fahren mit dessen Wagen, einem grauen Rénault Clio, weiter. Hier verliert die Polizei zunächst ihre Spur.

Karte Charlie Hebdo Fluchtweg

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