Terrorangriff auf Satiremagazin Warum "Charlie Hebdo"?

Das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" ist weltweit bekannt geworden, weil es mehrfach Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hat. Wurden die Redakteure deshalb zum Ziel?

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AFP

Hamburg/Paris - "Charlie Hebdo" ist mit seiner Islamkritik weltweit bekannt worden. Mehrfach druckte das Satiremagazin Karikaturen des Propheten Mohammed. Es wurde dafür von heimischen Politikern kritisiert - und zur Zielscheibe für Angriffe von Islamisten.

In der jüngsten Ausgabe geht es um das neue Buch "Unterwerfung" des französischen Autors Michel Houellebecq, das sich mit dem Szenario einer Islamisierung Frankreichs unter einem muslimischen Präsidenten beschäftigt und in Frankreich kontrovers diskutiert wird.

Titel der letzten "Charlie Hebdo"-Ausgabe: Houellebecq auf dem Cover
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Titel der letzten "Charlie Hebdo"-Ausgabe: Houellebecq auf dem Cover

Auf Seite sieben heißt es in einer Karikatur "Immer noch keine Attentate in Frankreich" - darunter sagt ein bewaffneter Bärtiger: "Warten Sie ab! Wir haben ja bis Ende Januar, um die Feiertagsgrüsse zu übermitteln." Der Witz liest sich jetzt wie eine makabere Vorahnung.

Das linksgerichtete Magazin wurde 1969 als Nachfolger des verbotenen Anarchoblatts "Hara-Kiri" gegründet und hatte zuletzt noch eine Auflage von etwa 30.000 Exemplaren pro Woche. Die Redaktion hat sich nie um politische Korrektheit geschert. Ihr Spott traf vor allem die Religionen, neben dem Islam auch Christen- und Judentum, sowie Politiker, Wirtschaftsbosse, Rechtsextreme.

  • Welche Veröffentlichungen haben für Streit gesorgt?

"Charlie Hebdo" war eine von wenigen Zeitschriften, die im sogenannten Karikaturen-Streit im Jahr 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" nachdruckten - unter anderem ein Bild des Propheten mit einer Zündschnur unter dem Turban. Die Redaktion setzte noch eins drauf und stellte den Zeichnungen ein Titelblatt voran, das Mohammed in einer Pose schierer Verzweiflung zeigte: "Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden", klagt Mohammed, den Kopf in die Hände vergraben - unter Anspielung auf Selbstmordattentäter, die sich im Namen des Allmächtigen in die Luft sprengen. Der Dachverband französischer Muslime verklagte "Charlie Hebdo" daraufhin wegen "rassistischer Beleidigungen", unterlag aber vor Gericht.

Im März 2006 druckte das Magazin ein Manifest gegen Islamismus ab, das unter anderem Salman Rushdie und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali unterzeichnet hatten.

2011 gab es zum Wahlerfolg von Islamisten in Tunesien eine Ausgabe namens "Scharia-Hebdo". Als Gastredakteur wurde scherzhaft "Mohammed" angegeben. "Wenn ihr euch nicht totlacht, gibt es 100 Peitschenhiebe!", hieß es auf dem Titel.

Später veröffentlichte das Magazin weitere Mohammed-Karikaturen. Heikel war dies im Jahr 2012, auf dem Höhepunkt der Proteste gegen den islamfeindlichen Film "Die Unschuld der Muslime". Der Film führte zu Protesten in zahlreichen arabischen Ländern. Die Regierung in Paris schloss damals 20 Konsulate und kritisierte das Blatt für den Zeitpunkt der Veröffentlichung: "Charlie Hebdo" gieße Öl ins Feuer, sagte Außenminister Laurent Fabius damals.

Im Januar 2013 legte das Magazin nach, dieses Mal veröffentlichte es eine Comicbiografie von Mohammed, gezeichnet vom Chef-Satiriker Stéphane Charbonnier, genannt Charb. Dort wird der Prophet unter anderem nackt dargestellt.

  • Welche Angriffe gab es bereits auf "Charlie Hebdo"?

Insbesondere die Veröffentlichung der Scharia-Satire-Ausgabe führte zu Protesten vor dem Redaktionsgebäude und zu Attacken. Im November 2011 wurde ein Brandanschlag auf das frisch bezogene Redaktionsgebäude am Boulevard Davout verübt. Die Räume wurden zerstört, die Redaktion musste umziehen, jedoch verletzt wurde damals niemand. Die Täter wurden bis heute nicht gefasst.

Auch die Internetseite des Magazins wurde gehackt. Statt des Titelbilds der aktuellen Ausgabe war eine Aufnahme vom Pilgerort Mekka zu sehen. Darunter stand "Kein Gott, nur Allah". Ein Hacker aus der Türkei bekannte sich später dazu.

Nach der Veröffentlichung neuer Karikaturen 2012 rief ein Mann aus La Rochelle in einem Islamisten-Forum dazu auf, Chefredakteur Charbonnier zu köpfen. Charbonnier bekam einen Leibwächter, der Forist wurde festgenommen. Auch andere Zeichner standen unter Polizeischutz.

  • Wie rechtfertigte sich das Blatt?

Die Macher verteidigten sich stets mit Verweis auf die Meinungs- und Pressefreiheit. Chefredakteur Charbonnier sagte einmal: "Wir veröffentlichen jede Woche Karikaturen, aber von Kampfansagen und Kriegserklärungen spricht man nur, wenn es dabei um die Person des Propheten geht oder radikalen Islamismus."

Er verwehrte sich stets dagegen, Rücksicht auf religiöse Gefühle zu nehmen. "Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken", sagte Charbonnier.

Beim Angriff am Mittwoch kam auch er ums Leben.

Mitarbeit: Mara Küpper



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