Hamburg - Es war der Alptraum der venezolanischen Mittel- und Oberschicht, seit Hugo Chávez 1999 an die Macht kam: dass eines Tages die Busfahrer das Land regieren. Dass nicht mehr die hellhäutige "Meritokratie" herrscht, die sich in den besseren Viertel von Caracas hinter hohen Mauern, Stahlgittern und mit privaten Sicherheitsdiensten verschanzt - sondern die dunkelhäutigen Barrio-Bewohner, die in klapprigen, stinkenden und überfüllten Bussen die Armenviertel an den Hängen von Caracas auf- und abfahren.
Ist es nun so weit? Fast jedenfalls. Vizepräsident Nicolás Maduro, Jahrgang 1962, führt die Geschäfte, bis spätestens in 30 Tagen Neuwahlen stattfinden. Er fuhr seit den achtziger Jahren zwar keine Busse, aber immerhin U-Bahnen der Metro Caracas. Der Schnauzbartträger und Schulabbrecher ist Sohn eines Gewerkschaftsführers und wurde selbst zum Gewerkschaftsaktivisten und -funktionär, als er begann, für die Rechte der U-Bahn-Schaffner zu kämpfen. Er gehörte als Mitglied der leninistischen Liga Socialista zu den wenigen Zivilisten, die Chávez schon unterstützten, als der im Februar 1992 mit einem Militäraufstand scheiterte.
Seither ist Maduro nicht von Chávez' Seite gewichen: Er kämpfte für dessen vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis und lernte dabei seine Ehefrau Cilia Flores kennen, die derzeitige Generalstaatsanwältin. Das Paar gründete mit dem Comandante Mitte der Neunziger die Sammlungsbewegung Movimiento Quinta República (MVR) und bestritt mit Chávez den Präsidentschaftswahlkampf 1998, der diesen an die Macht brachte.
Maduro lässt keine Gelegenheit aus, den "US-Imperialismus" zu geißeln - und am Dienstag, dem Todestag von Chávez, verwies er einen Mitarbeiter der US-Botschaft des Landes. Den US-Botschafter hatte Caracas bereits 2009 ausgewiesen, Washington schickte daraufhin den Vertreter Venezuelas zurück. Andererseits beriet Maduro erst im November 2012 mit Roberta Jacobsen, der damaligen Vizeaußenministerin, wie die Beziehungen zwischen beiden Ländern normalisiert werden könnten.
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"Maduro ist bei den Leuten beliebt", sagte der deutsche Sozialwissenschaftler und ehemaliger Chávez-Berater Heinz Dieterich auf die Frage, warum Venezuelas verstorbener Präsident im Dezember dem Volk den Ex-Gewerkschafter als neuen Anführer schmackhaft machte. Chávez glaube, "dass Maduro der Nachfolger ist, der mit größtmöglicher Genauigkeit sein politisches Projekt weiterführt".
Darum scheint es nun zu gehen: Da ein ähnlich populärer Politiker nicht in Sicht ist, muss der Nachfolger vor allem glaubwürdig vermitteln, dass er das legitime Erbe des Verstorbenen antritt und alle seine kommenden Schritte im Sinne des Comandante sind. Für diesen Job ist Maduro der talentierteste Kandidat.
Tränen bei der Todesnachricht
Kurz nachdem Maduro am späten Dienstagnachmittag unter Tränen das Ableben des Präsidenten verkündet hatte, trat Verteidigungsminister Diego Molero Bellavia vor die Kameras, bekannte sich zum "sozialistischen Vaterland" und rief zu "Einheit, Ruhe und Verständnis unter den Lagern" auf. Der Appell mag an die oppositionellen Kräfte gerichtet gewesen sein - doch er darf auch als Bekenntnis gelten, dass sich das Militär vorläufig in die bestehende Hackordnung nicht einzumischen gedenkt.
Ohnehin ist die Gemengelage komplex. Chávez' Macht gründete sich immer auch auf den Basisorganisationen - Tausende von Gesundheitskommitees, kommunalen Räte und Landwirtschaftskollektive, die mit dem Segen der Regierung und mit Geldmitteln des Erdölstaatskonzerns Petróleos de Venezuela (PdVSA) die sozialistische Vergesellschaftung vorantreiben sollen. Wo immer es in den 14 Jahren der Chávez-Regierung wegen ausbleibender Mittel, Korruptionsvorwürfen, wegen Wohnungsmangel oder Bandenkriminalität zu Protesten gegen die Behörden oder lokale Autoritäten kam, protestierten die chávistischen Organisationen im Namen des Comandante gegen eine nach wie vor korrupte politische Klasse.
Ob Maduro sich in den anstehenden Wahlen gegen Henrique Capriles Radonski durchzusetzen kann, ist aber fraglich. Der Kandidat des Oppositionsbündnisses fing als militanter Antichávist an und kam bei den Wahlen im Oktober 2012 auf immerhin 45 Prozent der Stimmen - mit dem Versprechen, Chávez' Sozialpolitik gemäßigter und effektiver fortführen zu wollen.
Im Falle eines Wahlsiegs steht Nicolás Maduro vor großen Herausforderungen. Zwar ist Venezuela reich an Bodenschätzen, doch die Abhängigkeit von der Ölindustrie ist sehr groß, gleichzeitig gehen die Erlöse aus dem Ölvorkommen zurück. Nicht etwa, weil die Vorkommen erschöpft sind. Nein, die Infrastruktur ist marode und muss dringend modernisiert werden.
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