Chávez, Ortega und Castro Gaddafis letzte Freunde

Gaddafi lässt auf brutale Weise das libysche Volk zusammenschießen, doch einige wenige Verbündete bleiben ihm weiter treu - in Lateinamerika. Venezuelas Präsident Chávez und Nicaraguas Staatschef Ortega wollen dem Despoten aus der Klemme helfen.

REUTERS

Von


Hamburg - Venezuelas Präsident Hugo Chávez galt bislang eher als Provokateur denn als Friedensengel. Nun aber bemüht er sich, "einen friedlichen Weg aus dem Drama zu finden, welches das libysche Volk heute erlebt". Nach eigenen Worten hat er zu diesem Zweck eine Delegation des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi empfangen. Vertreter der Rebellen oder der Nato sind offenbar nicht eingeladen. Und so zeigt Chávez einmal mehr, wem seine Sympathien gelten: Gaddafi.

Chávez gehört zu den wenigen Verbündeten, die dem Libyer noch geblieben sind. Außer ihm halten in Lateinamerika noch Nicaraguas Präsident Daniel Ortega in Nicaragua und Kubas Polit-Rentner Fidel Castro zu ihm. Sonst ist es einsam geworden - da kann auch Spaniens Ex-Regierungschef José Maria Aznar nicht helfen, der kürzlich sagte: "Gaddafi ist ein extravaganter Freund, aber er ist ein Freund."

Die Latino-Freunde des Libyers eint vor allem eines: ihre Ablehnung gegenüber den USA. Der verlängerte Arm des nordamerikanischen "Imperiums" sind in ihren Augen die Nato und die alliierten Streitkräfte. Chávez wirft ihnen vor, libysches Öl und Wasser an sich reißen zu wollen und Bomben auf Kasernen, Schulen, Geschäftszentren zu werfen. "Wer hat ihnen das Recht dazu gegeben?", schimpfte er Ende April bei einem Treffen mit venezolanischen Arbeitern. Zuvor hatte er über den Militäreinsatz gewütet: "Das Imperium ist verrückt geworden, das Imperium hat jetzt die extreme Phase des Wahnsinns erreicht."

Dieser Meinung ist Castro, der soeben als Chef der Kommunistischen Partei abgetreten ist und jetzt noch mehr Zeit zum Schreiben findet, wohl schon lange. Ende März polterte er, wenn Gaddafi wie versprochen bis zum letzten Atemzug an der Seite der Libyer kämpfen werde, würden "die Nato und ihre kriminellen Projekte im Morast der Schmach versinken". Die Völker respektierten und glaubten eben an "Männer, die ihre Aufgaben erfüllen können".

Für den Befreiungskampf der Rebellen haben die Revolutionäre jenseits des Atlantiks offenbar nicht viel Verständnis. Unterstützten sie zuvor ausdrücklich die Aufstände in Ägypten und Tunesien, schlagen sie sich nun auf die Seite Gaddafis.

"Das Imperium ist verrückt geworden"

Chávez kann auf eine lange Freundschaft mit dem Wüsten-Tyrannen zurückblicken. Schon 1998 gab es Gerüchte, dass Gaddafi den Venezolaner im Wahlkampf unterstützt habe. Umgekehrt reiste Chávez im September 2009 gerne zum Jubiläum von Gaddafis Machtübernahme und durfte sich endlose Reihen marschierender Soldaten, Reitershows und nachgestellte Exekutionsszenen anschauen.

Wenige Wochen später schenkte Chávez seinem libyschen Freund auf der Insel Margarita die Nachbildung eines Schwertes des südamerikanischen Unabhängigkeitshelden Simon Bolivar. Gaddafi revanchierte sich mit einer silbernen Rüstung und nutzte sonst den Aufenthalt, um Digitalkameras und Schmuck zu kaufen.

Die gegenseitigen Huldigungen gingen so weit, dass Chávez Gaddafi als einen der "größten Führer unseres Jahrhunderts" bezeichnete. Dieser taufte im Gegenzug eine neue Sportarena in Bengasi zum "Hugo Chávez Fußballstadion". (Inzwischen haben die Rebellen einen neuen Namen gefunden: "Stadion der Märtyrer des Februar.")

Beduinenzelt im Präsidentengarten

Plausibel erschien daher vielen, dass Gaddafi als mögliches Exil Venezuela wählen könnte. "Die beiden verdienen einander immer mehr", urteilte die Londoner "Financial Times" im März. Beduinenzelte im Garten seines Präsidentenpalastes stören Chávez ohnehin nicht: Als Venezuela im Oktober 2010 von Regenfällen überschwemmt wurde, kündigte er an, sein Büro für die Opfer räumen und aus dem Zelt heraus regieren zu wollen. Ungeklärt ist bis heute, ob er das Zelt tatsächlich aufstellen ließ.

Eine Hürde allerdings gab es dann doch für die Exil-Pläne. Seit Anfang März ermittelt der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen Gaddafi, dem er Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwirft. Weil Venezuela das Römische Statut ratifiziert hat, das die Grundlage des IStGH bildet, müsste das Land Gaddafi im Falle eines Haftbefehls ausliefern.

Letzte Zuflucht Nicaragua?

Insofern könnte Gaddafi deutlich entspannter im mittelamerikanischen Nicaragua leben - dort hat er in Präsident Ortega seinen wohl treuesten Unterstützer gefunden. Ortega ist auch das Machtstreben Gaddafis nicht fremd, wurde der frühere Guerillaführer doch in den achtziger Jahren selbst für seinen autoritären Stil kritisiert. Beim Präsidentschaftswahlkampf 2006 präsentierte er sich als geläuterter Demokrat, hat sich aber inzwischen wieder auf seine alten Gewohnheiten besonnen: Er hat sich erneut als Kandidat für die Wahl im November aufstellen lassen, obwohl die Verfassung das verbietet.

Ortega und Gaddafi fühlen sich seit langem verbunden. Der Nicaraguaner kämpfte in der Sandinistischen Befreiungsfront, die in den sechziger und siebziger Jahren gegen die Diktatur aufbegehrte, den Despoten stürzte, später regierte - und sich auf die Lieferung von Waffen, Beratern und Geld aus Tripolis verlassen konnte.

Entsprechend schmerzen Ortega nun die "tragischen Momente", die Libyen zurzeit durchlebe. "Nicaragua, meine Regierung, die Sandinistische Nationale Befreiungsfront und unser Volk begleiten Sie in diesen Schlachten", versicherte er. Doch es sollte nicht bei solidarischen Worten bleiben.

Die nicaraguanische Regierung kündigte Ende März an, man werde Gaddafis Libyen künftig bei der Uno vertreten. Der bisherige libysche Botschafter hatte sich Ende Februar unter Tränen vom Regime losgesagt. Fortan sollte nach dem Willen Managuas der frühere nicaraguanische Außenminister Miguel D'Escoto Brockmann Gaddafis Stimme bei den Vereinten Nationen sein. Er gilt als enger Vertrauter Ortegas und war 2008 und 2009 ein Jahr Präsident der Vollversammlung.

Doch die hochfliegenden Pläne gerieten zum Debakel. Die Kritik von der Opposition in Libyen ("der Diplomat als Söldner") und in Nicaragua ("eine Missachtung der Demokratie") konnte Ortega wohl noch verkraften. Aber dann folgte ein wochenlanges Hin und Her über D'Escotos Papiere.

Uno-Sprecher Farhan Haq erklärte dazu nüchtern: "Nicaragua hat nie formell den Antrag gestellt, Libyen vertreten zu wollen." Nicaraguas Botschafterin bei den Vereinten Nationen will sich bislang dazu nicht äußern. Es ist aber auch zu peinlich: "Keiner ist akkreditiert, um Libyen bei der Uno zu repräsentieren", so Haq, "der Sitz ist leer."

Offenbar kann sich Gaddafi auch auf seine treusten Verbündeten nicht unbedingt verlassen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
burninghands, 04.05.2011
1. Obama lässt auf brutale Weise das libysche Volk zusammenschießen
koennte man mit dem gleichen Recht sagen - merkt denn bei SpOn keiner, dass die Leser auf diesen Spin nicht mehr hereinfallen? Oder ist es ausreichend, den Vorgaben der "Herren" entsprechend irgendetwas hinzuschmieren, damit der Rubel rollt?
jörg pk 04.05.2011
2. Ihr könnt es drehen und wenden wie ihr wollt...
Zitat von burninghandskoennte man mit dem gleichen Recht sagen - merkt denn bei SpOn keiner, dass die Leser auf diesen Spin nicht mehr hereinfallen? Oder ist es ausreichend, den Vorgaben der "Herren" entsprechend irgendetwas hinzuschmieren, damit der Rubel rollt?
...aber derzeit ist das Gute auf dem Vormarsch: 1. Werden Massenmörder und Staatsverbrecher inzwischen immer häufiger gefasst. Leider werden davon nicht alle vor das ICC gezerrt und für immer eingekerkert. 2. Stürzen die Despoten inzwischen in immer mehr Ländern. Und so kann man den Libyern nur die Daumen drücken. Wenn die Opposition mit Gaddafi fertig ist (und der Verbrecher entweder in Den Haag oder unter der Erde) dann wird es auch in Damaskus, Sanaa, Bahrain, und (so hoffe ich doch!!!) Teheran kein Halten mehr geben. Diese furchtbaren Unterdrücker und ihre miesen kleinen Schergen werden alle weggewischt, Zack-Bum-Fertig! Natürlich gibt es ein paar Leute hier und in anderen Foren, die das nicht wahr haben wollen. Einige können es nicht verstehen, andere fürchten um ihren dreckigen Lohn oder haben Freunde unter den Schergen. Wieder andere haben sich vor 20 Jahren noch als IMS verdingt... Aber die überwältigende Mehrheit der Menschen hier in Deutschland, in Europa, In Nordafrika, im Nahen Osten und weiter in China genauso wie in Nordkorea wollen nur eines: FREIHEIT, MENSCHENWÜRDE, UND EINE REGIERUNG DIE IHREM VOLK DIENT (anstatt umgekehrt). Diese Ideale setzen sich durch. Und das wissen die Despoten. Und sie fürchten sich, können nicht mehr schlafen, zittern und drehen teilweise schon vollkommen durch. Teils kann man die Verzweiflung schon in Ihren Gesichtern sehen (Saleh, Assad). Diese Revolution wird sie fressen! Damit wird die Welt nicht gemütlicher, aber ganz sicher besser. Hier in SPON mögen das ein paar hundert Leute bestreiten aber Milliarden Menschen denken ähnlich wie ich. Jawohl, so einfach ist das. Es lebe die Revolution & Nieder mit den Unterdrückern!
Durruti, 04.05.2011
3. na
jetzt ist erstmal Osama wichtig. Da der SpOn-Artikel keinerlei nennenswerte neue oder aktuelle Informationen enthält, kann man davon ausgehen, daß die Rebellen derzeit auch keine großen Erfolge feiern. Die Tage, in denen man jetzt Bin Laden auf der Titelseite feiern/präsentieren/hassen kann, werden mit Sicherheit genutzt werden, um danach mit einer runderneuerten Libyen-Propaganda wieder voll am Start zu sein. Bin mir sicher, daß Gadaffi im Hintergrund schon wieder ganz unbeschreibliche Greueltaten plant, über die man rechtzeitig berichten wird.
slaba 04.05.2011
4. Andere Quellen berichten
Der Hafen von Misurata wurde vor zwei Tagen von Regierungstruppen eingenommen, 500 "Rebellen" mussten ihre Waffen niederlegen.
moliebste 04.05.2011
5. Ex-Freund Berlusconi
Die Autorin hat alleine in Südamerika übersehen: Argentiniens Präsidentin Kirchner sagte, die Länder, die das Bombardement in Libyen veranstalten, könnten sich nicht weiter zivilisiert nennen. Der Ex-Präsident von Brasilien "Lula" verurteilt den NATO-Angriff in aller Schärfe. Weiter geblickt über den ideologischen Tellerrand: Putin spricht von "Kreuzzug", ..., afrikanische Länder schicken Solidaritätsadressen - und Kämpfer der sogenannten Pan African Army strömen jetzt über die Südgrenze Libyens ins Land. Es sollen schon 16.000 sein (Quelle: Gerold Pereirra) Ex-Freund Berlusconi ist an der Heimatfront unter Druck geraten und muss im Parlament einer Befristung der NATO-Angriffe zustimmen. Um die "Willigen" der NATO scheint es einsamer zu werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.