Chavez und die Präsidentenwahl Entertainer, Volksheld, Öl-Sozialist

Er ist einzigartig unter Lateinamerikas Staatschefs. Darum hat Hugo Chávez am Sonntag bei der Wahl in Venezuela beste Chancen - doch die Lage ist nicht ganz so rosig für ihn. Ein Jahr geben Experten seinem ölgeschmierten Sozialismus noch, dann schnappt die Falle aus Schulden, Inflation und Abwertung zu.

Aus Caracas berichtet


Caracas - Gut gelaunt spazierte Hugo Chávez zwischen den Journalisten herum. Eine Spanierin küsste er auf die Wange, einer Argentinierin erzählte er mit heiserer Stimme, dass er kurz zuvor mit deren Präsident Néstor Kirchner geplaudert habe, einer Kubanerin richtete er revolutionäre Grüße an den schwerkranken Fidel Castro aus: "Patria o muerte!" Zum Abschluß seiner letzten Pressekonferenz vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag gab Venezuelas Staatschef, zweifellos der beste Entertainer unter Lateinamerikas Staatschefs, noch ein Ständchen: Mit fester Stimme schmetterte er einige klassische Boleros.

Chavez, indianische Anhänger: "Sozialismus des 21. Jahrhunderts"
REUTERS

Chavez, indianische Anhänger: "Sozialismus des 21. Jahrhunderts"

Kein Wunder, dass der Präsident so gut aufgelegt ist. Die meisten Meinungsinstitute sagen ihm einen klaren Sieg voraus. Es ist das dritte Mal seit seinem Amtsantritt 1998, dass Chávez sich den Wählern stellt, auch einen Putsch hat er schon überstanden. Und der Fahrplan für die kommenden Jahre steht auch schon fest: In drei Jahren will er ein Referendum über die unbegrenzte Wiederwahl abhalten, angepeilt hat er eine Regierungszeit bis mindestens 2013. Bis dahin sollte dann sein Traum vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" in Venezuela Wirklichkeit geworden sein.

Die Opposition rechnet sich die Umfragezahlen schön

Oder sind das womöglich nur die Hirngespinste eines selbstverliebten Despoten, der den Blick für die Realität verloren hat, wie die Opposition weismachen will? Sind die Umfragen irreführend? Haben die Befragten aus Angst oder anderen Beweggründen nicht die Wahrheit gesagt? Steht in Venezuela womöglich ein politischer Erdrutsch bevor wie vor 16 Jahren in Nicaragua, als die sandinistische Revolutionsregierung entgegen aller Umfragen von einer konservativen aus dem Amt gejagt wurde?

Unermüdlich rechnen sich die Experten der Opposition die Zahlen schön. Caracas schwirrt von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Der Präsident selbst leistete dazu einen Beitrag, als er am Donnerstag verkündete, der Geheimdienst habe ein Attentat gegen den Oppositionskandidaten Manuel Rosales vereitelt. Ein Gewehr mit Zielfernrohr und ein präpariertes Auto habe man gefunden. "Ultrafaschistische Kreise" hätten das Attentat geplant, das letztlich gegen ihn, Hugo Chávez, gerichtet gewesen sei: Der Mordverdacht würde automatisch auf die Regierung fallen, das Land destabilisiert, Hugo Chávez als Anstifter zum politischen Mord verfolgt.

Chávez zünde propagandistische Nebelkerzen, vermutet die Opposition. Die Regierung sei in Wirklichkeit schwer beunruhigt wegen des Aufstiegs des Herausforderers. Für den Fall eines knappen Wahlsiegs der Regierung steht das Szenario schon fest: Viele Oppositionsanhänger vermuten Wahlbetrug, sie misstrauen den internationalen Beobachtern der Europäischen Union und des Carter-Centers. Manche erwarten für den Tag nach der Wahl Straßenschlachten und gewaltsame Übergriffe.

"Frühere Präsidenten haben sich nie um uns geschert"

Doch in den Chávez-Hochburgen herrscht gelassene Ruhe. In den endlosen Elendsvierteln der Vororte von Caracas, wo die "bolivarianische Revolution" ihre Wurzeln hat, stehen die Leute fest zu ihrem Präsidenten. "Das Volk wählt Chávez", sagt Marisol Mendoza, eine resolute Mittvierzigerin in einem Armenviertel von Catia, einer riesigen Industriestadt vor Caracas.

Sie hat neuerdings eine Sozialversicherung. Um die Ecke gibt es ein subventioniertes Restaurant für die Bedürftigen. Marisol geht im Mercal einkaufen, wo es verbilligte Lebensmittel gibt. Ihr Sohn besucht eine von Chávez gegründete "bolivarianische" Universität. "Frühere Präsidenten haben sich nie um uns geschert", sagt sie.

Oppositionskandidat Rosales: Wohltaten mit einer Art Kreditkarte
Getty Images

Oppositionskandidat Rosales: Wohltaten mit einer Art Kreditkarte

Die Opposition hat erst spät das "soziale Defizit" wahrgenommen, das sich in den Jahrzehnten vor Chávez in Venezuela aufgestaut hat. Oppositionskandidat Rosales präsentiert sich jetzt als Wohltäter für alle, den Ölreichtum will er mit einer Art Kreditkarte an die Bevölkerung verteilen, genannt "La Negrita". Im Wahlkampf ist der Herausforderer, ein ehemaliger Gouverneur des ölreichen Bundesstaats Zulia, mutig durch die Chávez-Hochburgen gelaufen, um Stimmen zu sammeln.

Rosales ist ein schmächtiger Mann mit vernarbtem Gesicht und rauer Stimme, ihm fehlen das Redetalent und das Charisma des Präsidenten. Doch er hat einen unbestreitbaren Verdienst: Er hat die zerstrittene Opposition zusammengeschmiedet, einen bunten Haufen, der von Ex-Guerrilleros bis zu ultrarechten Unternehmern reicht. Die letzten Parlamentswahlen hatten die Chávez-Gegner boykottiert. Heute geben Oppositionspolitiker hinter vorgehaltener Hand zu, dass das ein schwerer Fehler war. Der Kongress besteht jetzt zu hundert Prozent aus "Chavistas" - die Opposition hatte sich selbst ins Abseits manövriert.

Rosales hat die Verweigerungshaltung aufgegeben. Wenn es ihm gelingt, die Chávez-Gegner auch nach einer Niederlage politisch zusammenzuhalten, könnte sich in dem tief gespaltenen Land erstmals eine demokratische politische Kultur entwickeln. Denn für einen Machtwechsel ist die Zeit noch nicht reif, darin sind sich die meisten Experten einig.

Massenhaft werden Autos gekauft - als Geldanlage

Der Caudillo Chávez braucht die Opposition kaum zu fürchten. Gefahr droht ihm von anderer Seite: Venezuela steuert mittelfristig auf einen Wirtschaftscrash zu. Der Ölboom hat eine gigantische Verschuldungsspirale in Gang gesetzt, die Öldollars versickern zu einem großen Teil in Korruption und Misswirtschaft. Nur der Konsum blüht. Noch nie wurden in Venezuela so viele Autos verkauft. Die Leute erwerben sie, weil sie als halbwegs sichere Wertanlage gelten. Viele fürchten, dass die Landeswährung Bolívar nach der Wahl drastisch abgewertet wird. Kaum einer traut den Banken.

Die Regierung versucht, die hohe Inflation von offiziell 15,5 Prozent über einen staatlich festgesetzten Wechselkurs in den Griff zu bekommen. Jetzt blüht die Schattenwirtschaft: Offiziell ist der Dollar 2100 Bolívar wert, doch auf dem Schwarzmarkt wird er schon mit mehr als 4000 Bolívar gehandelt. Von der Öl-Bonanza profitieren vor allem die Banken und Chávez-freundliche Geschäftsleute.

Etwa ein Jahr geben Wirtschaftsexperten dem ölgeschmierten Chávez-Sozialismus noch, dann schnappt die Falle aus Staatsverschuldung, Inflation und Abwertung zu. Auf jeden Boom folgt irgendwann ein Crash, das war in Venezuela schon immer so. Wenn Chávez das Geld für seine Sozialprogramme ausgeht, ist auch die Geduld seiner Anhänger schnell am Ende. Denn für den Caudillo in Caracas gilt dieselbe Regel wie für die Präsidenten des verteufelten US-Imperiums im Norden: It's the economy, stupid!



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