Chávez und die USA: In Hassliebe vereint

Von Marc Pitzke,  New York

Venezuelas Präsident Chávez, US-Präsident Obama (2009): Seitenhieb zum AbschiedZur Großansicht
AFP

Venezuelas Präsident Chávez, US-Präsident Obama (2009): Seitenhieb zum Abschied

"Esel", "Teufel", "Hitler": Jahrzehntelang beharkten sich Hugo Chávez und die USA als Erzfeinde, die nicht ohne einander auskamen. Nach Chávez' Tod setzt US-Präsident Obama nun auf politische Reformen in Venezuela - eine Hoffnung, die sich kaum erfüllen dürfte.

Die Reaktion von US-Präsident Barack Obama auf den Tod seines venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez war bemerkenswert: Was fehlte, war Beileid.

Venezuela schlage "ein neues Kapitel in seiner Geschichte" auf, hieß es , in der Chávez' Name nur einmal vorkam, fast am Rande. Dieses Kapitel möge doch bitte Folgendes enthalten: "demokratische Prinzipien, Rechtsstaatlichkeit und Respekt für Menschenrechte". Punkt, aus.

Ein Seitenhieb zum Abschied: Anders als sonst üblich in solchen Fällen verlor Barack Obama kein Wort über Chávez' Leben und Wirken. Doch ignorieren konnte das Weiße Haus den Todesfall nicht. Also rief Obama seine Kritik noch einmal ins Grab nach - und gab damit einer politischen Hoffnung Ausdruck, die sich kaum erfüllen dürfte.


Das ist typisch für das schizophrene Verhältnis, das Chávez und Washington seit Jahrzehnten pflegten. Sie hassten sich, politisch und gelegentlich auch persönlich. Doch irgendwie konnten sie nicht ohne den anderen - wie ein Ehepaar, dem die Scheidung zu kostspielig ist.

Diese Hassliebe zeigte sich im wankelmütigen Umgangston dieser Erzfeinde, die sich mal anfauchten, mal ignorierten und mal leise gegeneinander agitierten. Sie zeigte sich in den Tiraden der Republikaner gegen Chávez selbst jetzt, nach seinem Ableben, und in der Glamour-Faszination, die er auf viele Stars Hollywoods ausübte. Und sie zeigte sich noch am Dienstag in der Ausweisung zweier US-Militärattachés, kurz vor Chávez' Krebstod.

Wie ein begeisterter Tourist

Nach seinem missglückten Putschversuch 1992 hatten die USA Chávez zunächst zur Persona non grata erklärt. Erst als er sechs Jahre später die Präsidentenwahl gewann, gewährte ihm das State Department ein Einreisevisum.

Prompt besuchte Chávez 1999 die USA - wie ein begeisterter Tourist. Er läutete die Glocke der New York Stock Exchange und warf, als lebenslanger Baseball-Fan, im Yankee-Stadion den ersten Pitch. Präsident Bill Clinton empfing ihn im Weißen Haus. Washington ließ Chávez lange gewähren - nicht zuletzt wegen seiner lukrativen Ölgeschäfte in und mit Venezuela.

Doch Chávez trieb das Spiel bis auf die Spitze. So beehrte er im August 2000 den irakischen Despoten Saddam Hussein - als erster Staatschef seit dem Golfkrieg.

2002 kippte das Verhältnis zwischen den USA und Venezuela nach einem erneuten Putschversuch endgültig. Diesmal war es Chávez, der kurz die Macht verlor, sich aber mit Hilfe des kubanischen Staatschefs Fidel Castro, seines engsten Freundes, halten konnte. Chávez rächte sich an seinen Feinden - und an den USA, die von dem Coup vorab gewusst haben sollen.

Chávez nannte Bush einen "Esel"

Chávez' Hass konzentrierte sich auf Clintons Nachfolger George W. Bush, dem er Kriegstreiberei und den Versuch vorwarf, ihn ermorden lassen zu wollen. Je lauter er wetterte, umso stärker wurde sein eigener Ruf daheim - ohne Widerstand des Weißen Hauses, dessen außenpolitische Aufmerksamkeit anderswo lag.

Die Sprüche wurden heftiger, die Aktionen auch. Chávez nannte Bush einen "Esel", warf ihm Rassismus vor. Er schloss US-Vertretungen in Venezuela, sperrte seinen Luftraum für Flüge der US-Drogenfahndung, kungelte mit Iran. Prophezeite eine "multipolare Welt", ohne die geschwächten USA. Nicht immer ignorierten die das Poltern aus Caracas. Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verglich Chávez einmal mit Hitler. Das State Department setzte Venezuela auf eine Liste von Nationen, die sich im "Krieg gegen den Terror" als "unkooperativ" erwiesen hätten.

Lob von Hollywoods Prominenz

Unterdessen hofierte Chávez US-Reporter. Allen voran Jon Lee Anderson vom "New Yorker", den er auch mal in seinem Staatsjet mitnahm. Er selbst besuchte die USA unbehelligt weiter, insgesamt sieben Mal.

Einer dieser Besuche wurde zur legendärsten Episode des bilateralen Zanks: 2006 trat Chávez vor der Uno-Vollversammlung auf und verhöhnte Bush, der dort am Vortag gesprochen hatte. "Gestern war der Teufel hier", schimpfte er auf Spanisch. "Es riecht heute noch nach Schwefel." Womit er sich bekreuzigte.

Hollywoods Prominenz hofierte ihn trotzdem - bis zum Schluss. Der Schauspieler und Aktivist Sean Penn nahm noch im Dezember an einer Mahnwache für den kranken Chávez in Bolivien teil und nannte ihn "eine der wichtigsten Kräfte, die wir auf diesem Planeten haben".

Solche Töne sind jetzt seltener zu hören. Der demokratische Kongressabgeordnete José Serrano würdigte Chávez als einen "Führer, der die Bedürfnisse der Armen kannte". Der Republikaner Ed Royce dagegen twitterte: "Diesen Diktator wären wir los."


Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 47 Beiträge
Walter Sobchak 06.03.2013
klar, "Reformen" im Sinne von Oeffnung der Oelquellen fuer Exxon und BP und am besten auch die Wasserversorgung privatisieren. Du meine Guete SPON! Venezuela hatte (!) 14 Jahre Reformen am laufenden Band. Allerdings [...]
klar, "Reformen" im Sinne von Oeffnung der Oelquellen fuer Exxon und BP und am besten auch die Wasserversorgung privatisieren. Du meine Guete SPON! Venezuela hatte (!) 14 Jahre Reformen am laufenden Band. Allerdings betrafen die nur die Unterschicht und nicht die wenigen oben, die schon immer mehr US Einfluss wollten um ihren Reichtum weiter zu staerken.
lemming51 06.03.2013
Die USA wollen also politische Reformen !? Wie sähe das vermutlich aus ?? Abschaffung aller Chavez-Reformen, Auslieferung der Schlüsselindustrien (Öl !!!) an US-Multis, totale Kontrolle dieser Multis über die ven. Innen- [...]
Zitat von sysop"Esel", "Teufel", "Hitler": Jahrzehntelang beharkten sich Hugo Chávez und die USA als Erzfeinde, die nicht ohne einander auskamen. Nach Chávez' Tod setzt US-Präsident Obama nun auf politische Reformen in Venezuela - eine Hoffnung, die sich kaum erfüllen dürfte. Chávez und die USA: In Hassliebe vereint - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/chavez-und-die-usa-in-hassliebe-vereint-a-887116.html)
Die USA wollen also politische Reformen !? Wie sähe das vermutlich aus ?? Abschaffung aller Chavez-Reformen, Auslieferung der Schlüsselindustrien (Öl !!!) an US-Multis, totale Kontrolle dieser Multis über die ven. Innen- und Außenpolitik, kurzum, das alte Dominanzspielchen des mil./ind. US-Komplexes über einen abhängigen südamerikanischen "Bananen-" Staat. Dann ist wieder alles in bester Ordnung und ein bißchen "War on Drugs" mit ordentlichen "Ergebnissen" kann auch geführt werden.
tonybkk 06.03.2013
Was fuer Reformen? Die Rueckkehr von "Big Oil" und "American Fruits"? Die USA war ja immer sehr am Aufbau Suedamerikas interessiert..., von Batista bis Pinochet, einfach ein Segen was da nach Washingtons [...]
Zitat von sysop"Esel", "Teufel", "Hitler": Jahrzehntelang beharkten sich Hugo Chávez und die USA als Erzfeinde, die nicht ohne einander auskamen. Nach Chávez' Tod setzt US-Präsident Obama nun auf politische Reformen in Venezuela - eine Hoffnung, die sich kaum erfüllen dürfte. Chávez und die USA: In Hassliebe vereint - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/chavez-und-die-usa-in-hassliebe-vereint-a-887116.html)
Was fuer Reformen? Die Rueckkehr von "Big Oil" und "American Fruits"? Die USA war ja immer sehr am Aufbau Suedamerikas interessiert..., von Batista bis Pinochet, einfach ein Segen was da nach Washingtons Gnaden immer so regiert hat... Na Reformen nach US - Gnaden hatten die Suedamerikaner lange genug. Das war so heilsbringend, dass ein sehr reicher Kontinent ueber Jahrzehnte in voelliger Verarmung der Massen verharrte und eine kleine Oberschicht im Buendnis mit den US-Multis alle Gewinne einstrich.
detleferl 06.03.2013
... oder wie man ein Land ruiniert. Unter dem vom Kommunismus entlehneten Regierungsprinzip ¨alles für das Volk¨ hat Chávez es fertiggebracht, sein Land auf das frühere Ostblock-Niveau herunterzuregieren, die Infrastruktur - [...]
... oder wie man ein Land ruiniert. Unter dem vom Kommunismus entlehneten Regierungsprinzip ¨alles für das Volk¨ hat Chávez es fertiggebracht, sein Land auf das frühere Ostblock-Niveau herunterzuregieren, die Infrastruktur - Strassenbau, Stromversorgung, Telefon - herunterzuwirtschaften und das Volk um keinen Deut wohlhabnder zu machen. Als Nachfolger fehlt ebenso wie in Kuba, ein wahrer Reformer.
Raphael 06.03.2013
Aloha, es kann den Medien nicht schnell genug gehen, das Bild eines frisch Verstorbenen zu besudeln. Kein Wort von der Umverteilung von 300 Milliarden Dollar an die ärmsten Bevölkerungsschichten. Ein Betrag, der hierzulande für [...]
Aloha, es kann den Medien nicht schnell genug gehen, das Bild eines frisch Verstorbenen zu besudeln. Kein Wort von der Umverteilung von 300 Milliarden Dollar an die ärmsten Bevölkerungsschichten. Ein Betrag, der hierzulande für die Rettung von Banken ausgegeben wird. Ich frage mich, wer der größere Menschenfreund ist/war. Bei dem Gedanken an US-gesteuerte Reformen dreht sich mir der Magen um und die Ausweisung der Militärattachés geschah auch nicht ohne Gründe aber darüber verliert der SPON natürlich kein Wort, denn es steht der Vorwurf der Desatbiliserung des Landes im Raum - ein Verstoß gegen das Völkerrecht, wie ihn die USA nicht zum ersten mal begehen. Chávez mag auch kein Heiliger gewesen sein aber as was ihn zur Hassfigur in den USA machte, war der Umstand, dass er die Wahrheit unverblümt geäußert hat und deswegen musste dieser Mann auch so schnell wie möglich weg. Natürlich musste er auch weg, weil Venezuela über große Ölvorkommen verfügt, die Cháves zum Wohle des Volkes privatisierte. Was für ein Zufall - nun kommt die Demokratie in das nächste Ölförderland, das vorher nicht auf Seiten der USA stand. Zum Thema Militärattachés noch ein weiterführender Artikel: Wie sagt man so schön: "Traue keiner Verschwörung, bis sie nicht offiziell geleugnet wird!" http://de.rian.ru/politics/20130306/265666935.html mit dem wundervollen Sprichwort: "Traue keiner Verschwörungstheorie, bis sie nicht offiziell geleugnet wird!"
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Hugo Chávez

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Mittwoch, 06.03.2013 – 09:59 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 47 Kommentare

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite






TOP



TOP