Humanitäre Versorgung in Syrien: Rot-Kreuz-Chef bittet Moskau um Hilfe

Hilfsorganisationen könnten Tausenden notleidenden Menschen in Syrien helfen - wenn sie Zugang zu den Krisengebieten bekämen. IKRK-Chef Kellenberger bittet jetzt in Russland um Unterstützung für die Helfer. Auch Außenminister Westerwelle setzt auf einen Sinneswandel in Moskau.

IKRK-Chef Jakob Kellenberger (Archivbild): "Lage in Syrien könnte sich verschlimmern" Zur Großansicht
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IKRK-Chef Jakob Kellenberger (Archivbild): "Lage in Syrien könnte sich verschlimmern"

Genf - Zwei Stunden Feuerpause pro Tag in Syrien - das ist das derzeit wichtigste Anliegen von Jakob Kellenberger, Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Den meisten Hilfsorganisationen gelingt es noch immer nicht, in die syrischen Krisengebiete zu gelangen. Die Lage in Syrien "bleibt extrem schwierig und könnte sich weiter verschlimmern", sagte Kellenberger am Sonntag.

Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond konnten zwar Tausende Menschen versorgen, doch müsse der Zugang deutlich verbessert werden. Deshalb nimmt der IKRK-Chef jetzt den Umweg über Moskau. Mit russischer Unterstützung, so hofft er, könnten die internationalen Helfer vielleicht die dringend benötigte Nahrungsmittel, Medikamente und Decken in die besonders umkämpften Gebiete bringen.

Am Montag trifft Kellenberger in Russland mit Außenminister Sergej Lawrow zusammen, um sich mit ihm über die humanitäre Lage zu beraten. Das Rote Kreuz fordert eine eindeutige Verpflichtung aller Parteien zu einem täglichen Waffenstillstand von mindestens zwei Stunden. Zudem sei ein humanitärer Korridor wesentlich für Notevakuierungen, hieß es.

Bereits zweimal scheiterte im Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung der Gewalt in Syrien am Veto Moskaus und Pekings. Russland ist einer der wenigen verbliebenen Verbündeten von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Dieser lässt einen seit einem Jahr einen gegen ihn gerichteten Aufstand mit Gewalt niederschlagen. Erst am Wochenende waren bei Bombenanschläge in Damaskus und Aleppo Dutzende Menschen getötet worden.

Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle setzt weiterhin auf einen Sinneswandel in Moskau. "Die jüngsten kritischen Äußerungen meines russischen Amtskollegen Sergej Lawrow an die Adresse des syrischen Regimes markieren hoffentlich den Beginn eines Politikwechsels in Moskau gegenüber Assad", sagte Westerwelle in einem Interview mit dem "Flensburger Tageblatt". An Spekulationen über eine militärische Interventionen wolle er sich nicht beteiligen, sagte Westerwelle. Allerdings gelte es auch, "einen Flächenbrand und einen Stellvertreterkrieg, der die ganze Region anstecken kann, zu verhindern".

Am Montag reist zudem ein Team der Vereinten Nationen im Auftrag des internationalen Syrien-Sondergesandten Kofi Annan nach Syrien. Bei dem Besuch in dem seit einem Jahr von Gewalt zwischen Regierung und Aufständischen betroffenen Land soll es um die Möglichkeit eines Waffenstillstands und einer internationalen Beobachtermission gehen.

lgr/dpa/Reuters/dapd

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1. Wie kam es denn zu der humaitären Krise?
Coroner 18.03.2012
Im Artikel lesen wir: "Bereits zweimal scheiterte im Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung der Gewalt in Syrien am Veto Moskaus und Pekings." Dies suggeriert: Hätten Russland und China nur zugestimmt, wäre alles gut. Dies grenzt aber an Desinformation! Russland hat einen Resolutionsentwurf eingereicht, der genau das beinhaltete, was der Chef der Roten Kreuzes nun fordert: Einstellung aller Kampfhandlungen auf beiden Seiten und Vermittlungsgespräche. Die westlichen Länder haben diesen russschen Entwurf abgelehnt und einen eigenen eingebracht, der lediglich einen Gewaltverzicht des syrischen Staatsapparates forderte und den "Rebellen" freie Hand liess. Wäre die russische Resolution angenommen worden, gäbe es die humanitäre Notsituation für die Bevölkerung in diesem Umfang nicht. Dem Westen ist aber noch immer der Sturz der Regierung Assad (als Verbündeter des Iran) wichtiger, als das Leben und Wohlergehen der syrischen Bevölkerung.
2. Brandstifter
Regulisssima 19.03.2012
Herr Kellenberger scheint doch etwas naiv zu sein. Die Kremlmachthaber in humamnitären Fragen um Hilfe zu bitten ist so, als würde die Feuerwehr die Unterstützung eines Bransdstifterr anfordern. Man kann froh sein, wenn diese Leute wenigstens Frauen und Kinder verschonen würden, aber für solche Sentimentalität ist in Putins schwarzer Seele gewiss kein Platz.
3. "Rebellen"
Regulisssima 19.03.2012
Zitat von CoronerIm Artikel lesen wir: "Bereits zweimal scheiterte im Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung der Gewalt in Syrien am Veto Moskaus und Pekings." Dies suggeriert: Hätten Russland und China nur zugestimmt, wäre alles gut. Dies grenzt aber an Desinformation! Russland hat einen Resolutionsentwurf eingereicht, der genau das beinhaltete, was der Chef der Roten Kreuzes nun fordert: Einstellung aller Kampfhandlungen auf beiden Seiten und Vermittlungsgespräche. Die westlichen Länder haben diesen russschen Entwurf abgelehnt und einen eigenen eingebracht, der lediglich einen Gewaltverzicht des syrischen Staatsapparates forderte und den "Rebellen" freie Hand liess. Wäre die russische Resolution angenommen worden, gäbe es die humanitäre Notsituation für die Bevölkerung in diesem Umfang nicht. Dem Westen ist aber noch immer der Sturz der Regierung Assad (als Verbündeter des Iran) wichtiger, als das Leben und Wohlergehen der syrischen Bevölkerung.
Bei Ihren "Rebellen" handelt es sich um das syrische Volk, dass allen Grund und alles Recht der Welt hat, die ihm von Russland aufgezwungene Konialverwaltung samt deren lächerlichen "Präsidenten" und seiner Chauffeureska zum Teufel zu jagen. Das Zeitalter des Kolonialisms ist seit langem vorbei, auch wenn Moskau das nicht wahr haben will.
4.
alpha-beet 19.03.2012
Zitat von CoronerIm Artikel lesen wir: "Bereits zweimal scheiterte im Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung der Gewalt in Syrien am Veto Moskaus und Pekings." Dies suggeriert: Hätten Russland und China nur zugestimmt, wäre alles gut. Dies grenzt aber an Desinformation! Russland hat einen Resolutionsentwurf eingereicht, der genau das beinhaltete, was der Chef der Roten Kreuzes nun fordert: Einstellung aller Kampfhandlungen auf beiden Seiten und Vermittlungsgespräche. Die westlichen Länder haben diesen russschen Entwurf abgelehnt und einen eigenen eingebracht, der lediglich einen Gewaltverzicht des syrischen Staatsapparates forderte und den "Rebellen" freie Hand liess. Wäre die russische Resolution angenommen worden, gäbe es die humanitäre Notsituation für die Bevölkerung in diesem Umfang nicht. Dem Westen ist aber noch immer der Sturz der Regierung Assad (als Verbündeter des Iran) wichtiger, als das Leben und Wohlergehen der syrischen Bevölkerung.
Sie fragen in Iherer Überschrift: "Wie kam es denn zu dieser Krise?" Die Antwort auf diese Frage ist: In erster Linie dadurch, daß ein Diktator auf das von ihm unterdrückte Volk schießen läßt. Ich vermute, Sie wollten die Frage aufwerfen, woran eine Hilfsaktion für die von der eigenen Regierung beschossenen Bevölkerung durch internationale Instituionen wie der Rote Halbmond oder das Rote Kreuz bisher im UN-Sicherheitsrat gescheitert ist. Mir ist kein Resolutionentwurf bekannt, der die machtpolitischen Fragen ausklammert und explizit Modalitäten beinhaltet, um der geschunden Bevölkerung die notwendige medizinische Versorgung und Lebensmittellieferungen zukommen zu lassen. Genau das wäre jetzt bitter notwendig!
5.
Hermes75 19.03.2012
Zitat von CoronerIm Artikel lesen wir: "Bereits zweimal scheiterte im Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung der Gewalt in Syrien am Veto Moskaus und Pekings." Dies suggeriert: Hätten Russland und China nur zugestimmt, wäre alles gut. Dies grenzt aber an Desinformation! Russland hat einen Resolutionsentwurf eingereicht, der genau das beinhaltete, was der Chef der Roten Kreuzes nun fordert: Einstellung aller Kampfhandlungen auf beiden Seiten und Vermittlungsgespräche. Die westlichen Länder haben diesen russschen Entwurf abgelehnt und einen eigenen eingebracht, der lediglich einen Gewaltverzicht des syrischen Staatsapparates forderte und den "Rebellen" freie Hand liess. Wäre die russische Resolution angenommen worden, gäbe es die humanitäre Notsituation für die Bevölkerung in diesem Umfang nicht. Dem Westen ist aber noch immer der Sturz der Regierung Assad (als Verbündeter des Iran) wichtiger, als das Leben und Wohlergehen der syrischen Bevölkerung.
Diese Erwartung hat niemand. Allerdings stehen Russland und China ziemlich alleine da, wie man am Ergebnis der Abstimmung in der UN-Vollversammlung sehen kann. 132 Staaten haben sich für ein Ende der Gewalt in Syrien ausgesprochen. Nur Russland, China und ein paar "Musterländer" wie Nordkorea, Simbabwe und Sudan halten noch dem Assad-Regime die Stange. Wer solche Freunde hat.... Irgend jemand muss wohl den ersten Schritt machen. Ich glaube kaum, dass Syrien untergehen wird, wenn die Armee mal für zwei Stunden aufhört Dörfer und Städte zu beschießen. Das ist Unsinn. Natürlich müssen alle Parteien mit der Gewalt aufhören. Die Regierung eines Landes hat aber die Pflicht ihre Bürger vor Schaden zu bewahren, daher sollte man doch annehmen, dass die syrische Regierung ein besonderes Interesse daran hat, dass der Zivilbevölkerung geholfen wird. Dem scheint aber nicht so zu sein, wie das Beispiel Homs zeigte. Die Rebellen hatten sich zurückgezogen, die Regierungstruppen haben aber trotzdem keine Helfer hineingelassen. Das Regime Assad und das Wohlergehen des syrischen Volks schließen sich nun mal gegenseitig aus. Solange die Diktatur weitergeht werden Menschen getötet und gefoltert werden. Ein Waffenstillstand sorgt höchstens dafür, dass weniger Menschen sterben.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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